Die Wienerin Hildegard Goss-Mayr, ihr ganzes Leben lang im Einsatz für Versöhnung, referierte auf Einladung von Prof. Herwig Büchele SJ (rechts) und Regens Johann Hintermaier am 28 . Oktober im Priesterseminar Linz. Sie gehört dem Internationalen Versöhnungsbund an, einer ökumenischen Friedensbewegung.
Wenn man auf Afghanistan oder den Kongo schaut, scheint Gewaltfreiheit nicht hoch im Kurs zu stehen. Dennoch: Gewaltlosigkeit ist und bleibt der Weg Jesu und aller, die ihm nachfolgen. Das unterstrich Hildegard Goss-Mayr bei ihrem Vortrag in Linz.
Dass Gewaltfreiheit keine romantische Fantasie ist, sondern wie sie einzelne Menschen und ganze Länder verändert, kann Hildegard Goss-Mayr nicht nur theoretisch beschreiben, sondern auf faszinierende Weise aus eigenem Erleben erzählen. Gemeinsam mit ihrem Mann Jean Goss hat die heute 80-Jährige friedliche Umbrüche angestoßen und begleitet. Der Erfolg der Rosenkranz-Revolution 1986 gegen das Marcos-Regime auf den Philippinen war ihrem Einfluss und ihrer Schulung von Gruppen des gewaltlosen Widerstands zu verdanken: „Die befreiende Kraft der Gerechtigkeit, der Wahrheit und Liebe liegt in jedem Menschen“, ist sie überzeugt: „Wenn man sich zusammenschließt, kann man nicht nur sich selbst, sonder auch ungerechte Strukturen ändern.“
Vorsorgende Friedensarbeit. „Es ist möglich, Kriege zu verhindern, wenn man vorsorgend eingreift“, sagt Goss-Mayr. Weil oft alte Konflikte nicht gelöst wurden, entsteht ein Klima des Hasses, das im Krieg enden kann. Vorab mit Friedensdiensten einzugreifen, die für Verstehen und Versöhnung arbeiten, trägt zur Lösung von verfahrenen Situationen bei. Zurzeit steht Madagaskar auf des Messers Schneide. Nach der gewaltlosen Absetzung des Diktators Ratsiraka 1991, zu der das Ehepaar Goss-Mayr beigetragen hat, haben die Spannungen wieder besorgniserregend zugenommen. Die katholische Gemeinschaft Sant’Egidio mit Sitz in Rom wurde gebeten, Versöhnungsarbeit zu leisten, erzählt Goss-Mayr und hofft, dass der Einsatz gelingt.
Jesu Weg ist verständlich. Hildegard Goss-Mayr ruft jeden Einzelnen zum Einsatz auf: „Solange wir schweigen, kann die Ungerechtigkeit bestehen.“ Sie resümiert: „Wenn wir bedenken, wie viel Leid und Elend der Krieg gebracht hat, ist es der Wunsch aller gerechten Menschen, den Weg der Gewaltlosigkeit, den uns Jesus gelehrt hat, immer mehr in der Geschichte Wirklichkeit werden zu lassen.“
ZUM THEMA
Gewaltfrei leben
Die Geschichte der Menschheit ist voll von Beispielen, dass Menschen nicht in der Gewalt das Grundmuster allen Lebens sehen, sondern in der Gewalt-freiheit. Für den Sozialethiker P. Herwig Büchele sind das die ausschlaggebenden Beispiele, wenn es um die Überlebensmöglichkeiten der Menschheit geht. Jesus – so Büchele in einem eben erschienenen Buch über die Herausforderungen der Bergpredigt – hat den gewaltfreien Gott geoffenbart. Mit gutem Willen allein werde sich die Gewalt in der Welt nicht überwinden lassen – Gewaltfreiheit muss von Gott geschenkt werden – „als Wunder in uns, in unserer Welt“.
Im „Gottesknecht“ beim Propheten Jesaja sieht P. Büchele den Vorboten für Jesus. Er „wehrt sich nicht, sondern setzt seinen Rücken und seine Wangen den Schlägen anderer aus“ – nicht aus Resignation, sondern weil Gott ihm die Fähigkeit gab, nicht mit Gegengewalt zu antworten. Der Weg der Gewaltfreiheit gründet für P. Büchele in einer Grundentscheidung, in der „der Mensch in seiner tiefsten Freiheit mit all seinen Kräften sich ein für allemal für Gott entscheidet“. Kraft des Glaubens – sagt Büchele – ist die Bergpredigt vollziehbar. Politisch verordenbar ist sie nicht.
Herwig Büchele, Gewaltfrei leben. Die Herausforderung der Bergpredigt – Utopie oder Chance? 80 Seiten, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2010.