„Mathematik ist Aufklärung, sie befähigt zum selbstständigen Leben, macht unabhängig von Rechenmeistern aller Art. In diesem Sinn soll Schule zur Mitwirkung an der Demokratiebilden“, sagte Rudolf Taschner bei der Generalversammlung des Christlichen Lehrervereins.
Gegen welche heutigen „Rechenmeister“ soll die Schule die Menschen stärken? Prof. Rudolf Taschner: Es gibt immer neue Gefahren. Computer mit ihren unzähligen Programmen etwa. Jede technische Errungenschaft ist wie ein Messer; man kann damit Brot schneiden und Leute umbringen. Alles kann missbraucht werden, dass es die Leute dumm macht, es kann auch dazu gebraucht werden, dass es die Leute klug macht. Klug machen ist Aufgabe der Lehrer/innen.
Sie haben einmal gemeint, überall – bis hin zur Moral – habe die Mathematik ihre Hand im Spiel, aber nichts sei völlig der Mathematik unterworfen. – Wo ist die Hand der Mathematik bei der Moral? Taschner: Es gibt zum Beispiel die Spieltheorie: Ich möchte meinen Nutzen maximieren, ich weiß, dass mein Gegner seinen Nutzen maximieren möchte. Wenn wir nur an den eigenen Nutzen denken, kommen wir vielleicht nicht auf den maximalen Gesamtnutzen. Es ist die Frage, sollen wir kooperieren oder denken wir nur an uns selbst. Warum bin ich gut, ist die Frage. Es gibt drei Antworten: Erste Antwort: Ich bin gut, weil es das Gesetz so will. Zweite Antwort: Ich bin gut, weil ich da in der Folge einen größeren Nutzen für mich erwarte. Das ist alles mathematisch nachvollziehbar. Der dritte Punkt: Ich bin gut, weil ich erkannt habe, dass das gut ist. Das können Sie mathematisch nicht nachvollziehen. Es geht mehr in Richtung Kirche.
Eines Ihrer Bücher heißt „Zahl, Zeit, Zufall“. Gibt es neben Zahl und Zufall noch etwas? Taschner: Ja. Wenn Sie im Roulette gewinnen, sagt der Croupier, das war Zufall. Sie sagen, das ist Schicksal. Wenn Sie erkranken, bekommen Sie ein Medikament. Es hat Schmerz-Nebenwirkungen, die mit einer Wahrscheinlichkeit von ein paar Prozent auftreten. Machen sich die Nebenwirkungen bei Ihnen bemerkbar, ist es für Sie Schicksal. Ihnen ist die Wahrscheinlichkeit egal. Sie haben die Schmerzen zu 100 Prozent oder 0 Prozent. Zufall ist mathematisch, Schicksal ist unmathematisch. Das ist wieder etwas für die Kirche.
Viele Ihrer Mathematik-Wissenschafts-Vorfahren waren Kirchenleute! Taschner: Ja. Obwohl, Augustinus war ein Gegner der Mathematik. Aber Pascal war ein großer Mathematiker und ein großer Kirchenfreund. Er ist einer meiner Heroen.
Sie haben im Vortrag vor den Lehrer/innendie Finanzkrise angesprochen. Sind die Zahlen, um die es da geht, fassbar? Taschner: Die Zahlen sind schon fassbar. Aber vorstellen kann man sich nichts darunter. Auch ein Mathematiker kann sich unter einer Billion Euro nichts vorstellen.
Wie gelingt dann noch Orientierung? <7b> Taschner: Ob Sie Orientierung finden, weiß ich nicht, rechnen können Sie’s. Die Orientierung überlasse ich der Politik.
Schule muss der Aufklärung dienen; Aufklärung befähigt Menschen zum selbstständigen Leben. Das betonten Sie beim Lehrer/innen-Kongress. Sie nannten die Lehrer/innen Zukunftsarbeiter für eine Zukunft, in der alle an der Demokratie mitwirken können. Taschner: Aufklärung aber ist ein Oberflächen-Phänomen. Wenn die Zeiten bitter werden, verschwindet die Aufklärung in Windeseile. Dann werden die Menschen atavistisch (fallen in früheres Verhalten zurück, Anm.). Wir müssen darum beten, dass die Zeiten nicht so schlecht werden. Aufklärung ist so schnell weg! Wie das Kapital. Sogar Kulturvölker benehmen sich in Zeiten des Krieges bestialisch.
Zur Person
Prof. Rudolf Taschner
Der Wissenschaftler des Jahres 2004, Professor an der Technischen Universität Wien, Prof. Rudolf Taschner, ist Mathematiker und Autor zahlreicher Bücher, auch populärwissen-schaftlicher Veröffentlichungen wie „Rechnen mit Gott und der Welt“ („Buchliebling 2010“). Mit dem Projekt math.space im Wiener MuseumsQuartier vermittelt er „Normalbürger/innen“ Mathematik und wozu sie gut ist. Dabei hält er auch Mathematikkurse für Kinder. Am 1. Dezember hat er im Linzer Design-Center zu mehr als 5000 CLV-Lehrer/innen über die „Schule als Leuchtfeuer der Aufklärung“ gesprochen. Er sagte: „Schule und Aufklärung gehören zusammen. Schule befreit aus der Abhängigkeit von wenigen Wissenden. Wer nicht weiß, muss zahlen und glauben. Dies führte er am Beispiel mittelalterlicher Rechenmeister aus, die gut von der Abhängigkeit der Bürger/innen lebten.