Neid weist darauf hin, dass wir viele Wünsche und Bedürfnisse haben. Wir möchten genauso intelligent sein wie die anderen, genauso reich, genauso erfolgreich und genauso tolle Beziehungen führen.
Ausgabe: 2017/05
31.01.2017
- Dr. Renate Moser, Plattform WIGE der Kategorialen Seelsorge der Erzdiözese Wien
„Der Neid ist eine Traurigkeit über fremdes Gut, die zeigt, dass uns das Glück der anderen nicht interessiert, weil wir ausschließlich auf das eigene Wohlsein konzentriert sind. Während die Liebe uns aus uns selbst herausgehen lässt, führt uns der Neid dazu, uns auf das eigene Ich zu konzentrieren,“ Amoris Laetitia 95.
Es kann schon vorkommen, dass Anna mit ihrem Schicksal hadert. Sie ist seit einigen Jahren geschieden, die beiden Töchter (acht und zwölf Jahre) leben bei ihr. Die Unterhaltszahlungen ihres geschiedenen Mannes an die Kinder fließen zögerlich. Anna arbeitet freiberuflich als Grafikerin. Die Auftragslage ist gut, doch was nach Abzug aller Steuern übrig bleibt, ist bescheiden. Anna liebt diesen kreativen Job über alles, kann sie doch von zu Hause aus arbeiten, für ihre Kinder da sein, wenn diese aus der Schule kommen, und sich dann zum Schreibtisch setzen, wenn die Kinder außer Haus oder spätabends schon im Bett sind. Doch Anna ist mitunter neidisch auf ihre Nachbarin Sophie: Der Ehemann von Sophie verdient außerordentlich gut, für den Preis, dass er selten zu Hause ist. Der gemeinsame Sohn verbringt gerade ein Auslandssemester in Lissabon. Urlaube finden mehrmals im Jahr statt, die Familie besitzt zwei Autos, die Wohnung ist neu renoviert und ein Wochenendhäuschen in Planung. Auf den ersten Blick erscheint Anna das Leben unfair …
Doch dann erinnert sich Anna, was alles gut und gelungen ist in ihrem Leben, und sie ist dankbar für ihren langjährigen Freundeskreis, ihren Beruf, der sie herausfordert und dennoch viel Freizeit lässt. Jede neue Broschüre, jeder neue Folder, der von ihr fertiggestellt worden ist, erfüllt sie mit großer Freude. Sie ist zufrieden in der gemütlichen Wohnung, die beiden Kinder sind gesund und mit großartigen Talenten beschenkt. Das jüngste Angebot ihrer Tochter Sophie, doch ihr Taschengeld für die notwendige Anschaffung eines neuen Kühlschranks zu nehmen, zaubert ihr jedes Mal, wenn sie daran denkt, ein Lächeln aufs Gesicht und das Gefühl, in der Erziehung ihrer Kinder so alleine doch einiges richtig gemacht zu haben. „Die wahre Liebe würdigt die fremden Erfolge, sie empfindet sie nicht als Bedrohung und befreit sich von dem bitteren Nachgeschmack des Neids. Sie akzeptiert, dass alle unterschiedliche Gaben und verschiedene Wege haben. Sie versucht also, den eigenen Weg zu entdecken, um glücklich zu sein, und lässt die anderen den ihren finden“, Amoris Laetitia 95.
Was Anna im Laufe der Zeit gelernt hat, wenn Gefühle des Neides hochkommen? Sie überlegt sich, was ihr gut tut, womit sie sich eine Freude bereiten kann. Und das sind selten materielle Dinge. Diese Liste wird immer länger. Doch ganz oben, sozusagen als Motto, steht der Bibelspruch: „Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ (2 Tim 1,7).
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