Irland. Griechenland. Portugal. Das sind die Sorgengebiete Europas. Das Finanzsystem dieser Länder könnte zusammenbrechen. Während die Finanzkrise in aller Munde ist, droht in anderen Ländern der Kollaps der Sozialsysteme. Caritasdirektoren aus osteuropäischen Ländern tagten in Linz.
Ruhig, sachlich, keineswegs klagend, schildert István Dobai die Situation in der nordserbischen Diözese Subotica. Vor einem halben Jahr hat in der Stadt ein großer Supermarkt eröffnet. Jetzt sperrt er zu. Die Leuten haben kein Geld zum Einkaufen. Die Arbeitslosigkeit ist auf 30 Prozent angewachsen. Der Staat hat kein Geld mehr für Soziales. Die Caritas weiß nicht mehr, wie sie ihre Arbeit finanzieren kann. Jetzt zieht sich auch die Caritas Deutschland aus Serbien zurück. Doch ohne Hilfe aus dem Ausland geht es nicht. „Wir wissen nicht, wie es weitergeht“, sagt Dobai. Die Leute am Land, die ein kleines Stück Grund haben, fallen völlig durch das Sozialsystem. Für Mittwoch, 11. Mai hatte der Linzer Caritasdirektor Mathias Mühlberger die Caritasdirektoren aus den Partnerdiözeesen Osteuropas zu einem „runden Tisch“ geladen. Zwei Tage hatten sie in Linz die Probleme erörtert.
Ärzte und Pflegekräfte abgeworben. Dobais rumänischer Kollege Andras Marton aus Alba Iulia macht auf die schwierige Situation im Pflegebereich aufmerksam: Rumänien hat nur halb so viele Ärzte und Pfleger/innen wie das im Schnitt der Europäischen Union der Fall ist. 97 Prozent der Pflegebedürftigen werden von Angehörigen oder Nachbarn gepflegt. Die Caritas bildet Angehörige für die Pflege aus – und ermöglicht diesen so, eventuell auch nach der Pflegesituation in der eigenen Familie mit der Ausbildung etwas anfangen zu können. Doch schon während ihrer Ausbildung werden die Pflege-Schüler/innen nach Westeuropa abgeworben. Die Ausbildungslast für Ärzte und Pflegende bleibt in den armen Ländern Europas. Besonders Großbritannien spart sich die Kosten der Ausbildung und wirbt statt dessen das Personal aus Osteuropa ab. „Niemand geht aus Spaß weg“, sagt Marton. Die Leute sind oft in einer Zwangslage.
Sozialstandards notwendig. Die Europische Union müsste sich endlich Gedanken machen über verbindliche Minimalstandards im Gesundheitswesen, betont Marton. Schafft Europa keinen sozialen Ausgleich, so werden die Unterschiede zum großen Problem Europas werden. „Europa ist Entwicklungsland“, auch wenn man in den reicheren Ländern davor die Augen verschließt, sagt Andras Marton.
Trotzdem mit Hoffnung. Don Ante Komadina leitet die Caritas im bosnischen Mostar. Die Arbeitslosigkeit ist dort auf 47 Prozent angewachsen. Ein halbes Jahr schon dauert die Regierungsbildung. Die Caritas hat hohes Ansehen – doch viel zu wenig Geld. Totzdem spricht Komadina lieber von Hoffnung. „Depressiv zu sein, dazu haben wir wirklich keine Zeit“, meint er. In der böhmischen Diözese Budweis ist die Situation besser geworden, erzählt Direktorin Michaela Cermakova. Doch auch in Tschechien ist Abwanderung junger Leute, vor allem in den Grenzregionen zu Deutschland und Polen, ein Riesenproblem. Diese Facharbeiter fehlen im eigenen Land. Pflegekräfte gebe es zuzeit in Böhmen noch genug.
Lächerliche Bürokratie. Was den Partnerländern in Osteuropa besonders zu schaffen macht, ist der bürokratische Aufwand, der für Lebensmittelhilfe zu leisten ist. In Brüssel gibt es eine Lebensmittelbörse für arme Länder. Aber für jedes halbe Kilo Reis oder Milchpulver, das irgendwo in Osteuropa ausgegeben wird, müssen Formulare ausgefüllt werden. Ein Aufwand, der für viele nicht zu leisten ist, und der angesichts der wirklichen Probleme lächerlich erscheint. Danach befragt, was sie sich von den Kirchen der westlichen Länder erwarten, sagen die Caritasdirektoren einhellig: Verlassen Sie uns nicht. Andre Marton benennt auch, was die Caritas Europa einbringen kann: „In 46 Ländern Europas gehen wir wirklich in die Häuser hinein. Keine Organisation sonst weiß so gut, wie es den Menschen geht, wie wir in der Caritas.“ Diese Erfahrungen sollten auch in der Politik Gehör finden.