Nicht Bittsteller, sondern Souverän der eigenen Bedürfnisse zu sein – das ermöglicht die „Persönliche Assistenz“. Und die Assistenz-Leistenden wie Daniela Schanung und Felix Kern erleben ihre Arbeit als wunderbaren Beruf.
30. September, 9.30 Uhr. Menschen, die auf den Rollstuhl angewiesen sind oder andere Beeinträchtigungen haben, treffen beim Volkshaus Dornach in Linz ein. Einige von ihnen haben eine Persönliche Assistentin oder einen Persönlichen Assistenten mit. Im Volkshaus beginnt um 10 Uhr eben zu diesem Thema „Persönliche Assistenz“ eine bundesweite Tagung. Auftraggeber/innen (wie die Kund/innen bezeichnet werden), Assistent/innen und in der Organisation der Persönlichen Assistenz Tätige beraten über bundeseinheitliche Dienstleistungen.
Assistieren im Alltag. Mag. Karin Kaufmann, Obfrau des Vereins SLI (Selbstbestimmt Leben Initiative) Oberösterreich, die die Persönliche Assistenz in Oberösterreich trägt, wird von Daniela Schanung begleitet. Frau Kaufmann lebt seit 27 Jahren mit MS und ist auf den Rollstuhl angewiesen. Vor der Tagung stärkt sie sich noch mit einem Kaffee. Daniela Schanung assistiert ihr dabei – gießt den Kaffee ins Häferl und reicht es ihrer Auftraggeberin. Dem Obmann der Interessensvertretung der Auftraggeber/innen, Alfred Prantl, wird es mittlerweile im Volkshaus warm – die Herbstsonne flutet in das Foyer. – Prantl bittet seinen Assistenten, Felix Kern, ihm aus der Jacke zu helfen. Das sind einige von zahllosen Hilfestellungen, für die es seit zehn Jahren die „Persönliche Assistenz“ gibt. Mehr als 300 Assistent/innen erbringen 130.000 Arbeitsstunden im Jahr für etwa 170 Auftraggeber/innen.
Am Leben teilnehmen. „Wenn man erlebt, wie befreiend es für die Betroffenen ist, am Leben teilnehmen zu können, ist es ein schönes Gefühl, Assistentin zu sein“, sagt Daniela Schanung. Sie arbeitet für Karin Kaufmann und eine zweite Person. Felix Kern assistiert sogar acht Menschen mit Beeinträchtigung. Für ihn ist die Persönliche Assistenz ein Fulltime-Beruf, ein wunderbarer noch dazu. „Wir ergänzen die Auftraggeber“, sagt Kern. „Für Alfred bin ich seine Füße, seine Hände.“ Prantl ist als Spastiker auf den Rollstuhl und, um selbstbestimmt leben zu können, auf Assistenz angewiesen.
„Sonst wäre ich eingesperrt“. Assistiert wird in allen Bereichen – bei der Grundversorgung, im Haushalt, beim von vielen sehr geschätzten gemeinsamen Kochen, beim Einkaufen, beim Bankomat, im Anliegen, mobil zu sein, in der Freizeit, im Urlaub. Dabei nehmen die Auftraggeber/innen die Assistenz in unterschiedlichem Ausmaß in Anspruch. Immer aber teilen sie sich deren Wann, Wo und Wie selber ein und suchen sich die Person aus, die assistiert. „Gäbe es die Persönliche Assistenz nicht, wäre ich praktisch im Haus eingesperrt. Da ich nur wenig sehe, kann ich mich alleine draußen nicht bewegen“, sagt Alfred Prantl. Am Vortag war er mit einem Assistenten beim Friseur. Ohne Assistenz wäre das nur möglich gewesen, hätte er Ehrenamtliche oder Freunde darum gebeten. Dieses ganz normale Teilhaben am Leben nach den eigenen Bedürfnissen und zu den selbstbestimmten Zeiten an selbstbestimmten Orten unterstreicht auch Karin Kaufmann, die Familie und eine vierzehnjährige Tochter hat: „Die Persönliche Assistenz ermöglicht es mir, mit meiner Familie zu leben. Sie ist auch familienentlastend.“ Durch die Persönliche Assistenz wird der Mensch mit Beeinträchtigung vom Bittsteller zum Souverän seiner Bedürfnisse.