Tiefer als die Finanzkrise betrifft die Ernährung die Menschen. Ohne Essen kein Leben! Die KirchenZeitung startet mit der Katholisch-Theologischen Universität und regionalen Bildungseinrichtungen eine Veranstaltungsreihe zum Thema „Ich esse, also bin ich“. Der Linzer Moraltheologe Michael Rosenberger eröffnet die Reihe.
Was hat essen mit Moral zu tun? Univ.Prof. Dr. Michael Rosenberger: Eine ganze Menge. Das beginnt bei der Frage, woher wir unsere Lebensmittel beziehen, wie sie produziert wurden und welche Transportwege sie auf dem Buckel haben; es geht weiter über die Frage, wie wir selber mit Lebensmitteln umgehen und ob wir uns gesund ernähren – und endet bei der Frage, ob unsere Mahlzeit eine gepflegte und friedliche Tischgemeinschaft ist. Insofern müsste man Ihre Frage fast umdrehen: Was am Essen hat nichts mit Moral zu tun?
Sie plädieren für einen „gerechten Umgang“ mit Lebensmitteln. Wie ernähren wir uns gerecht? Die Frage gerechter Ernährung stellt sich gegenüber vielen Adressat/innen: Wie ernähren wir uns gerecht im Blick auf die Landwirt/innen hier in Europa und auch in anderen Kontinenten; im Blick auf die hungernden Menschen; im Blick auf die Mitgeschöpfe – die Wildtiere, die auch Lebensraum brauchen, und die Nutztiere, deren „Produkte“ wir verzehren; schließlich im Blick auf den Lebensraum, den Boden und das Grundwasser, die mit Spritz- und Düngemitteln belastet werden, das Oberflächenwasser, das den Flüssen entnommen wird, die Energierohstoffe, die zur Erzeugung und zum Transport der Lebensmittel verbraucht werden, und die Luft, die mit Treibhausgasen belastet wird. Weltweit ist die Landwirtschaft immerhin für 20 Prozent der Treibhausgase verantwortlich. Gerechte Ernährung wird sich vor allem an den Stichworten orientieren: regional, saisonal, ökologisch und zu fairen Preisen einkaufen; fleischarm und qualitätvoll essen und trinken.
Essen bedeutet auch töten – zumindest beim Fleischkonsum. Wie weit darf der Mensch hier gehen? Was ist hier „schöpfungsgerecht“? Gerechtigkeit bedeutet ein Geben und Nehmen. Wenn der Mensch dem Tier das Leben nimmt, muss er ihm vorher sehr viel gegeben haben. Gutes Futter, gute Haltungsbedingungen, einen achtsamen und menschlichen Umgang. Massentierhaltung verträgt sich mit dieser Forderung nicht. Gerechtigkeit bedeutet außerdem: Maß halten. Der österreichische Fleischkonsum von je nach Rechnung 60 bis 80 Kilogramm pro Person und Jahr ist deutlich zu hoch. Da müssen wir erheblich reduzieren – aus Tierschutzgründen ebenso wie aus Klimaschutzgründen und zur Bekämpfung des Welthungers. Denn das Fleisch auf unserem Teller stammt meistens von Tieren, die zu einem beträchtlichen Teil mit Futter aus armen Ländern gefüttert wurden. 50 % aller Feldfrüchte weltweit sind derzeit Futtermittel statt Lebensmittel. Das ist viel zu viel.
Gibt es moderne Formen der Ausbeutung bzw. Kolonialisierung? Natürlich gibt es die, und vielleicht sind sie tückischer als die früheren Formen, weil sie versteckter sind. Ausbeutung beginnt bei unfairen Dumpingpreisen für die Lebensmittel und damit für die in der Landwirtschaft Arbeitenden. Sie geht weiter dort, wo Länder, die selber nicht gerade üppig mit Lebensmitteln versorgt sind, in großem Stil Futtermittel zu uns exportieren, weil wir so gerne Fleisch essen. Und sie gipfelt im derzeitigen Aufkaufen des Ackerbodens in afrikanischen Ländern durch Großkonzerne und Länder wie China.
Was lässt sich dagegen ausrichten? Dagegen tun kann man nur das, dass die einzige Instanz, die den Welthandel regeln kann, nämlich die Welthandelsorganisation (WTO), endlich zu einem besseren Regelwerk kommt. In der WTO sind alle Länder der Erde vertreten, sie könnte also demokratische Regeln für den Weltmarkt vorgeben und durchsetzen. Aber dagegen wehren sich einmal die reichen und ein anderes Mal die armen Länder – es bewegt sich sehr wenig. Dabei wären alle Fortschritte, und seien sie auch klein, besser als der jetzige Zustand.
Die Reihe „Theologie vor Ort“ bringt die Frage der Ernährung unter dem dreifachen Aspekt der Gerechtigkeit, der Gesundheit und der Gemeinschaft zur Sprache. Die Reihe startet mit einem Abend zum Thema „Mit allen Geschöpfen gemeinsam am Tisch“ mit Univ.Prof. Dr. Michael Rosenberger. Lokale Partner bieten dabei Kostproben aus fairem Handel und regionaler Lebensmittel-Erzeugung an. Zwei weitere Abende mit Dr. Susanne Gillmayr-Bucher und Dr. Günther Wassilowsky folgen im November und Dezember.