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Warten vor der Tür

Mit dem Geld aus der Elisabeth-Sammlung hilft die Caritas Menschen in schwierigen Situationen
Ausgabe: 44/2011, Geld, Elisabeth-Sammlung, Caritas, Haftentlassene, WeGe, Frauen, Freiheit, Gesellschaft
04.11.2011
- Ernst Gansinger
Seit 18 Jahren führt die Caritas die Wohngemeinschaft WeGe für Haftentlassene in Wels. 262 Männer und fünf Frauen fanden hier Quartier und Betreuung, für die nicht nur fünf Sozialarbeiter und zwei Zivildiener zuständig sind, sondern seit jeher auch ca. ein Dutzend Ehrenamtliche.

Martha Ruttinger ist eine der ehrenamtlichen  WeGe-Mitarbeiter/innen. Schon in ihrer Herkunftsfamilie war ein sozialer Dienst selbstverständlich. So früh an das Ehrenamt gewöhnt, wollte sie sich nach der Zeit intensiver Familienaufgaben auch wieder engagieren. Menschen am Rand der Gesellschaft will sie eine Atmosphäre zum Wohlfühlen vermitteln, Stütze sein, damit sie Stabilität gewinnen. Wie Frau Ruttinger haben bisher mehr als 120 Ehrenamtliche vor allem die Nacht- und Wochenenddienste geleistet. Das bedeutet: miteinander etwas unternehmen, spielen, Ausflüge machen, zum Reden da sein oder auch nur anwesend sein. Gottfried Boubenicek, Leiter der WeGe, hofft, neue Ehrenamtliche zu finden (Tel. 07242/745 30-11). Frau Ruttingers Berichte können dazu Mut machen, wie respektvoll und vital sie die Haftentlassenen erlebt, wie diese den Ehrenamtlichen vertrauen und sich ihnen anvertrauen.   

Ungewohnte Gesellschaft. Am 27. Oktober präsentierte Gottfried Boubenicek die Haftentlassenen-WeGe einer Journalistengruppe, die mit Caritas-Präsident Franz Küberl Caritas-Projekte in Österreich besuchte. „Die Haftentlassenen sind nach wie vor in unserer Gesellschaft geächtet“, sagt Boubenicek. Und Caritas-Direktor Mathias Mühlberger erinnerte sich daran, wie er am Eröffnungstag der WeGe mit einem der ersten Bewohner zu dessen Zimmer ging. Dort blieb der Mann stehen und wartete, bis Mühlberger die Tür aufmachte. Jahrelang hatte der Haftentlassene zu warten, dass ihm jemand eine Tür aufsperrte. Dieses Warten vor der Tür ist ein Sinnbild für die schwierige Rückkehr nach der Haft in die ungewohnt gewordene Gesellschaft.

Das Leben in Freiheit lernen. In der WeGe werden Menschen unmittelbar nach ihrem Haft-Ende aufgenommen. Der Bedarf ist viel größer, als es Plätze gibt: zwölf Einzelzimmer in drei Wohngruppen und sechs extern betreute Einzelwohnungen in Wels. Die WeGe bietet maximal zwei Jahre betreute Unterkunft. In dieser Zeit bemühen sich die Bewohner/innen mit Unterstützung der Caritas-Mitarbeiter/innen, ihre Finanzen in Ordnung zu bringen sowie Wohnung und Arbeit zu finden. Sie haben sich an eine Hausordnung zu halten und sollten nicht rückfällig werden. Sie zahlen 130 Euro pro Monat. Die WeGe ist erfolgreich in der Heranführung an ein „gestandenes“ Leben in Freiheit.

Wertvoll. Viele, die in die WeGe einziehen, kommen mit fast nichts – zwei Plastiksackerll sind ihr ganzes Hab und Gut. Oft haben sie nicht einmal mehr Fotos von früher. „Wer bin ich, wenn ich nichts mehr habe?“, ist eine bohrende Frage, zu der die WeGe eine Antwort zeigt: Du bist ein wertvoller Mensch!
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