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Nie wieder Gewalt, Krieg und Terrorismus

Weltfriedenstreffen in Assisi
Ausgabe: 44/2011, Assisi, Friede, Krieg, Terrorismus, Gewalt, Weltfriedenstreffen, Natur, Gewalt
04.11.2011
- Thomas Jansen
Papst Benedikt und zahlreiche Vertreter der Weltreligionen verurteilten beim Friedenstreffen in Assisi die Gewalt im Namen Gottes. Zunächst braucht der Zug der Religionen noch eine Starthilfe: Eine Diesellokomotive zieht den „Silberpfeil“, das italienische Gegenstück zum ICE, aus dem Bahnhof des Vatikanstaates durch ein großes Stahltor auf italienisches Gebiet. In den sieben Waggons der staatlichen Eisenbahn sitzt der spirituelle Kosmos der Menschheit in Abteilen der Ersten und Zweiten Klasse: Rund 300 ranghohe Vertreter von einem guten Dutzend Religionen sowie Repräsentanten von 31 christlichen Kirchen reisen am 27. Oktober in der Früh gemeinsam mit Papst Benedikt zum Weltfriedenstreffen nach Assisi. Ans Oberleitungsnetz angeschlossen fährt der Zug von Rom aus schließlich mit eigener Kraft in die 200 Kilometer nördlich gelegene Stadt. Religiös motivierte Gewalt. Die interreligiöse Reisegesellschaft aus Buddhisten, Muslimen, Juden, Konfuzianern, Zoroastriern und anderen folgte der Einladung des Papstes, am 25. Jahrestag des ersten Weltfriedenstreffens die Verpflichtung der Religionen für den Frieden zu bekräftigen. Was sich in diesem Vierteljahrhundert verändert hat, zeigten die Ansprachen zur Eröffnung des Weltfriedenstreffens in der Basilika Santa Maria degli Angeli: Es geht nicht mehr um Stellvertreterkriege und Wettrüsten im Zeichen des Kalten Kriegs, sondern um religiös motivierte Gewalt und das friedliche Zusammenleben der Religionen selbst. Der Tenor der Reden ist im Kern stets der gleiche und eben deshalb um so eindrücklicher: Der Glaube an Gott oder eine höhere Macht muss stets dem Frieden dienen und darf niemals zur Rechtfertigung von Gewalt missbraucht werden. Welt ist voller Unfriede. Benedikt zog in seiner Rede eine nachdenkliche Bilanz der vergangenen 25 Jahre seit dem ersten Weltfriedenstreffen: „Wir können leider nicht sagen, dass seither Freiheit und Friede die Situation prägen.“ Auch wenn es die Drohung des großen Krieges gegenwärtig nicht mehr gebe, sei die Welt voller Unfriede, sagte der Papst. Jeder religiöse Mensch müsse beunruhigt darüber sein, wenn Religion zu Gewalt motiviere. Benedikt bekannte, dass auch „im Namen des christlichen Glaubens“ in der Geschichte Gewalt ausgeübt worden sei. Die katholische Kirche werde jedoch „nicht nachlassen im Kampf gegen die Gewalt, in ihrem Einsatz für den Frieden in der Welt“. „Mutter Natur“ wertschätzen. Für eine Auflockerung des durchaus wortlastigen Programms sorgte der Vertreter der Religion der Yoruba, die vor allem in Nigeria und Benin beheimatet ist. Der in traditioneller Landestracht gekleidete Schwarzafrikaner sang vor dem Papst und allen Gästen ein Lied, rhythmisch unterlegt mit den Klängen einer Rassel. Um Inhalt und Aussage der musikalischen Darbietung in Gänze zu ermessen, bedürfte es wohl eines Ethnologen. Für alle verständlich war hingegen die Botschaft, die Religionen sollten sich nicht nur gegenseitig mehr respektieren, sondern auch „der Mutter Natur“ eine größere Wertschätzung entgegenbringen. Vier Atheisten dabei. Das vorletzte Wort vor dem Papst gehörte einer Rednerin, die sich zu keiner Religion bekennt: Die aus Bulgarien stammende Literaturwissenschaftlerin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva war eine von insgesamt vier Atheisten, die erstmals zu einem Weltfriedenstreffen eingeladen wurden. In Kristevas Rede fand sich auch der Satz, Humanismus sei eine Form des Feminismus und müsse die Gleichberechtigung der Frau stärken. Nach ihr sprach der islamische Repräsentant. Nie wieder Gewalt. Nach einer einfachen, allen religiösen Vorgaben genügenden Mahlzeit aus Reis, Gemüse, Früchten und Salat im Kloster von Santa Maria degli Angeli folgte der Programmpunkt, von dem im Vorhinein vor allem gesagt wurde, was er auf gar keinen Fall sein soll: ein gemeinsames Gebet. Die Mitglieder der Delegationen zogen sich im Gästehaus des Klosters in getrennten Räumen zurück, zu einer „Zeit der Stille, der Reflexion und des persönlichen Gebets“, wie es offiziell im Programm hieß. So meditierten die Buddhisten jeweils allein in einem Raum für sich, die Muslime beteten jeweils allein in einem Raum für sich und die Christen beteten jeweils allein in einem Raum für sich. Zum Abschluss des Weltfriedenstreffens zogen die Delegationen in einer Prozession zur Basilika San Francesco hinauf, um mit Benedikt zu bekräftigen: „Nie wieder Gewalt! Nie wieder Krieg! Nie wieder Terrorismus!“

"Nie wieder Gewalt! Nie wieder Krieg! Nie wieder Terrorismus!"

Wortlaut der Abschlusserklärung der Religionsvertreter und Atheisten beim Weltfriedenstreffen in Assisi Assisi, 27.10.11 (KAP) Zum Abschluss des Weltfriedenstreffens in Assisi haben Vertreter von zwölf Weltreligionen und 31 christlichen Kirchen sowie von Atheisten am Donnerstag eine gemeinsame Erklärung abgegeben. "Kathpress" dokumentiert den Text in eigener Übersetzung, dessen einzelne Abschnitte von fünf Christen, sechs Vertretern weiterer Religionen und einem Nichtglaubenden in mehreren Sprachen verlesen wurden: Gemeinsame Verpflichtung für den Frieden Hier in Assisi versammelt, haben wir gemeinsam über den Frieden nachgedacht, der ein Geschenk Gottes ist und gemeinsames Gut der gesamten Menschheit ist. Obwohl wir verschiedenen religiösen Traditionen angehören, bekräftigen wir, dass es zum Aufbau des Friedens notwendig ist, den Nächsten zu lieben und die Goldene Regel zu beachten: "Tu den anderen das, was du willst, das dir getan wird." In dieser Überzeugung werden wir nicht müde, auf der großen Baustelle des Friedens zu arbeiten, und halten hierzu fest: 1. Wir verpflichten uns, unsere feste Überzeugung kundzutun, dass Gewalt und Terrorismus dem authentischen Geist der Religionen widersprechen. Indem wir jede Gewaltanwendung und den Krieg im Namen Gottes oder der Religion verurteilen, verpflichten wir uns, alles Mögliche zu tun, um die Ursachen des Terrorismus zu beseitigen. 2. Wir verpflichten uns, die Menschen zu gegenseitigem Respekt und gegenseitiger Hochachtung zu erziehen, damit sich ein friedliches und solidarisches Zusammenleben zwischen den Angehörigen unterschiedlicher Ethnien, Kulturen und Religionen verwirklichen lässt. 3. Wir verpflichten uns, die Kultur des Dialogs zu fördern, damit gegenseitiges Verständnis und Vertrauen zwischen den Einzelnen und den Völkern wachsen, die Voraussetzung für einen echten Frieden sind. 4. Wir verpflichten uns, das Recht jeder menschlichen Person auf ein würdiges Leben gemäß seiner kulturellen Identität und auf die freie Gründung einer eigenen Familie zu verteidigen. 5. Wir verpflichten uns zum aufrichtigen und geduldigen Dialog, indem wir es ablehnen, unsere Unterschiede als unüberwindbare Mauer anzusehen, sondern im Gegenteil erkennen, dass die Begegnung mit der Verschiedenheit anderer zu einer Gelegenheit zum besseren gegenseitigen Verständnis werden kann. 6. Wir verpflichten uns, einander die Irrtümer und Vorurteile der Vergangenheit und Gegenwart zu verzeihen. Wir müssen uns im gemeinsamen Bemühen unterstützen, Egoismus und Übergriffe, Hass und Gewalt zu beseitigen und aus der Vergangenheit zu lernen, dass Friede ohne Gerechtigkeit kein wahrer Friede ist. 7. Wir verpflichten uns, an der Seite der Leidenden und Verlassenen zu stehen und uns zur Stimme derer zu machen, die selber keine Stimme haben. Wir müssen konkret an der Überwindung solcher Situationen mitwirken, von der Überzeugung getragen, dass niemand allein glücklich sein kann. 8. Wir verpflichten uns, uns den Ruf derer zueigen zu machen, die nicht vor der Gewalt und dem Bösen resignieren. Wir wollen mit all unseren Kräften dazu beitragen, der Menschheit unsere Zeit eine wirkliche Hoffnung auf Gerechtigkeit und Frieden zu geben. 9. Wir verpflichten uns, jede Initiative zu ermutigen, die Freundschaft zwischen den Völkern fördert, in der Überzeugung, dass technischer Fortschritt ein steigende Gefahr von Zerstörung und Tod für die Welt mit sich bringt, wenn ein solidarisches Einverständnis zwischen den Völkern fehlt. 10. Wir verpflichten uns, die Verantwortlichen der Nationen dazu aufzufordern, auf nationaler wie internationaler Ebene alle Anstrengungen zu unternehmen, damit auf der Grundlage von Gerechtigkeit eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens erbaut und gefestigt wird. 11. Wir, die Angehörigen unterschiedlicher religiöser Traditionen, werden unermüdlich verkünden, dass Frieden und Gerechtigkeit nicht voneinander zu trennen sind und dass Frieden und Gerechtigkeit der einzige Weg sind, auf dem die Menschheit in eine Zukunft der Hoffnung gehen kann. In einer Welt mit immer offeneren Grenzen, abnehmenden Entfernungen und besseren Beziehungen als Ergebnis eines dichten Kommunikationsnetzes, sind wir überzeugt, dass Sicherheit, Freiheit und Frieden nie durch Gewalt, sondern nur durch gegenseitiges Vertrauen garantiert werden können. Möge Gott diese unsere Vorsätze segnen und der Welt Gerechtigkeit und Frieden gewähren. 12. Wir Humanisten im Dialog mit den Glaubenden verpflichten uns gemeinsam mit allen Frauen und Männern guten Willens eine neue Welt zu bauen, in der der Respekt für die Würde einer jeden Person, für ihre innere Sehnsucht und für die Freiheit, auf der Basis ihres eigenen Glaubens zu handeln, die Grundlage für das Leben in der Gesellschaft ist. Wir werden alles tun, um sicherzustellen, dass Glaubende und Nichtglaubende in gegenseitigem Vertrauen leben und gemeinsam der Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden nachgehen können. Nie wieder Gewalt! Nie wieder Krieg! Nie wieder Terrorismus! Im Namen Gottes bringe jede Religion Gerechtigkeit und Frieden, Vergebung und Leben, Liebe!
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