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Mein Name ist nicht XX

Guatemala: Gewaltopfer sollen würdig bestattet werden
Ausgabe: 44/2011, Name, Gewaltopfer, Guatemala, bestattet,DNA, Spur, Massengrab, Kampagne, Knochen, Arbeit, Friede
04.11.2011
- Andreas Boueke
DNA-Suche im Massengrab in Guatemala. Um nicht identifizierte Gewaltopfer würdig bestatten zu können, wurde die Kampagne „Mein Name ist nicht XX“ gestartet. Der Friedhof La Verbena in Guatemala-Stadt. Das Loch ist sechs Meter breit, zwölf Meter tief. Jeden Tag wird es tiefer. Vier junge Wissenschaftler sind mit Hilfe einer Handwinde hinuntergestiegen. Nach und nach tragen sie die übereinander liegenden Leichen ab. Zehntausende Knochen. Alle müssen gesäubert, begutachtet und katalogisiert werden. Die Männer wissen nicht, wie viele Leichen noch unter ihren Füßen liegen – Dutzende, Hunderte, Tausende? In Frieden ruhen. Auf den ersten Blick mag die Prozedur makaber erscheinen. Doch der Dominikanermönch Luis Miguel Ortero hält das Vorgehen für einen wichtigen Beitrag zur würdevollen Erinnerung an die Opfer des Bürgerkriegs in Guatemala, der vor 15 Jahren offiziell zu Ende gegangen ist. „Durch die Exhumierungen können die Toten endlich mit einem Ritual zu Grabe getragen werden. So können sie in Frieden ruhen.“ DNA-Identifizierung. In drei riesigen Schächten bergen Wissenschaftler der Stiftung für forensische Anthropologie Tausende verwester Körper. Zuständig für die Koordination vor Ort ist Gerson Martinez. „Es geht darum, diejenigen Körper zu bergen, die mit XX bezeichnet wurden. Diese Leichen wurden nie identifiziert. Wir vermuten, dass hier viele der Menschen liegen, die während des schmutzigen Kriegs in den achtziger Jahren verschwunden sind.“ An Seilen werden Eimer in das Loch hinabgelassen, um Skelettteile nach oben zu befördern. Unten im Loch laufen die vier Anthropologen mit schwarzen Stiefeln auf leblosen Körpern herum, die vor Jahren achtlos in die Tiefe geworfen wurden. Gerson Martinez erläutert: „Wir versuchen, diese Überreste zu heben, um den Angehörigen der Verschwundenen die Hoffnung zu geben, dass wir sie anhand ihrer DNA identifizieren. Deshalb bitten wir die Leute um Speichelproben. So bauen wir eine genetische Bank auf. Diejenigen Körper, die Einschusslöcher vorweisen oder die erschlagen wurden, werden bevorzugt behandelt.“ Kampagne. Der öffentliche Friedhof La Verbena ist im Westen begrenzt durch steile Abhänge, an denen man über schlammige Pfade nach unten gehen kann, bis zu einer Siedlung mit Hütten aus Holz, Wellblech und Müll. Kinder spielen im Dreck. Die Massengräber liegen etwa hundert Meter entfernt im nördlichen Teil des Friedhofs. Dort steht das provisorische Büro der Archivarin Jessica Osorio. Ihr Schreibtisch ist überfüllt mit Papierstapeln. Auf den Listen und Tabellen sind einige Zahlen blau, rot und gelb eingekreist. Anhand dieser Codes können einige der sterblichen Überreste identifiziert werden, erklärt Jessica Osorio: „Es gibt noch immer viele Familien, die ihre Angehörigen suchen. Deshalb haben wir uns entschieden, die Kampagne ,Mein Name ist nicht XX‘ zu starten. Mit Plakaten und Flugblättern in öffentlichen Verkehrsmitteln machen wir auf das Projekt aufmerksam.“ Knochenstücke ordnen. Finanziert wird diese Arbeit von den Vereinten Nationen und einigen europäischen Geberländern. Das Lager des Projekts ist in Blechcontainern untergebracht, in denen viele provisorische Regale stehen, vollgestopft mit Schädeln, Knochen und transparenten Plastiktüten, in denen vermoderte Kleidungsstücke liegen. In einer Ecke steht ein grüner Blechtisch. Davor sitzt eine Frau in weißem Kittel. Sie ordnet zahlreiche Knochenstücke, als wäre es ein Puzzle. „Ich bestimme das Geschlecht der Überreste“, sagt die Wissenschaftlerin. „Das Individuum war weiblich. Anhand verschiedener Faktoren kann ich ihr Alter bestimmen. Sie war zwischen 33 und 42 Jahre alt. Am Schädel habe ich Schnittwunden gefunden. Wenn wir diese Linien betrachten, erkennen wir, dass es sich um Einschnitte handelt. Womöglich wurde sie enthauptet.“ Professionelle Arbeit. Die Frau macht diese Arbeit schon seit dreizehn Jahren. Mit einem kleinen Messer schabt sie den Dreck von der Schädeldecke: „Natürlich ist jeder Fall anders. Manchmal kann man Geschichten erahnen, die dich emotional berühren. Aber wie jeder professionell arbeitende Wissenschaftler wissen wir, dass wir eine technisch einwandfreie Arbeit leisten müssen. Wir haben gelernt, angesichts dieses Grauens mit unseren Gefühlen umzugehen.“ Gewissheit erhalten. Die DNA der Körperteile in den Massengräbern wird mit dem Datensatz abgeglichen, der durch die Kampagne „Mein Name ist nicht XX“ entsteht. So sollen möglichst viele Überreste einem Namen zugeordnet werden, damit die Angehörigen nach Jahrzehnten der Ungewissheit endlich ihre Toten bestatten können. Aber auch bei möglichen Gerichtsverhandlungen über Kriegsverbrechen können die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Analyse von Bedeutung sein. Die Verantwortlichen der Massaker sind sehr lange straflos geblieben. Aber in letzter Zeit haben die Ergebnisse der Arbeit der Stiftung für forensische Anthropologie mehrfach dazu geführt, dass Militärangehörige vor guatemaltekischen Gerichten verurteilt wurden.
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