Ausgabe: 45/2011, Zoidl, DSG, Sport, Jubiläum, Kirche, St. Pius
14.11.2011
Am 11. November feiert die Diözesansportgemeinschaft DSG ihr 60-jähriges Bestehen. Sie feiert ein Jubiläum, bei dem sie auf „Goldene Zeiten“ zurückschauen kann und auf eine unsichere Zukunft vorwärtsschauen muss. – Ein Interview mit DSG-Vorsitzenden Mag. Christian Zoidl über Sport, Kirche, Grenzgang und Gemeinschaft.Warum sollte sich Kirche mit Sport befassen? Mag. Christian Zoidl: Gegenfrage – warum sollte Kirche irgendeinen Bereich der Gesellschaft ausklammern? Der Sport wird von der Kirche zu wenig wahrgenommen, obwohl sich dort ein Großteil der Jugend Woche für Woche versammelt. Im Sport gibt es Riesen-Emotionen, die in der Liturgie weitgehend fehlen. Sport ist behilflich zur Menschwerdung. Dazu gehören die Erfahrung der eigenen Körperlichkeit, die Stärkung des Selbstvertrauens, das Lernen, verlieren zu können, die Einübung in Fairness.
Verlieren-Können! Gehört also zum Sport die Konkurrenz, der Sieg? Zoidl: Machen wir uns nichts vor. Ein Schuss Leistungsdenken ist Kennzeichen des Sports. Es macht Freude, etwas durch Anstrengung zu erreichen, am Gipfel anzukommen. Natürlich gehört auch dazu, Rücksicht zu nehmen und andere zu motivieren, dass diese ebenfalls Erfolgserlebnisse haben.
Sport-Ehrgeizige verzehren sich im Training, leiden, riskieren auch die Gesundheit. Ist das noch Sport, wie ihn die DSG versteht? Zoidl: Nein. Sport in der DSG-Philosophie hat schon auch mit Ehrgeiz zu tun, aber Freude an Spiel und Bewegung, Geselligkeit und Gemeinschaft sind das Wichtigste.
Ist die DSG auch für den Spitzensport da? Zoidl: Die DSG ist geschichtlich gewachsen. 40 DSG-Vereine sind auch Mitgliedsvereine der Union. Dazu gehört das Spitzensport-Aushängeschild DSG Union Waldegg. Der Verein spielt in der Tischtennis-Staatsliga. Diese DSG-Union-Vereine sorgen für sich selbst. Wir schauen, dass sie uns als DSG-Vereine erhalten bleiben. Das kirchliche Zugehörigkeits-Bewusstsein wird aber schwächer. Der Spitzensport ist nicht unsere Aufgabe. Er kostet viel Geld.
Wenn nicht Spitzensport, was ist dann die Aufgabe der DSG? Zoidl: Wir betreuen Vereine, die wir selber auf die Füße stellen, pfarrliche Sportgruppen. So gibt es eine eigene (außerhalb vom ÖFB-Betrieb organisierte) Fußballmeisterschaft, an der 18 DSG-Hobby-Vereine in zwei Ligen teilnehmen. Das Bergwandern, die Familiensportwochen auf dem DSG-Campingplatz am Attersee und die aus 35 Mitgliedern bestehende Seniorenwandergruppe haben in der DSG eine große Tradition. Dazu kommen noch die DSG-Bergmessen, der jährliche Sportlerbesinnungstag und eine Sport-Enquete alle zwei Jahre.
Wie steht es um den Behindertensport? Vor wenigen Wochen hat es ja eine Sport- und Spiel-Veranstaltung gegeben, die die DSG und St. Pius durchgeführt haben. Zoidl: Der frühere DSG-Vorsitzende Josef Hasibeder hat den Behindertensport gepusht – zu einer Zeit, als dieser noch nicht besonders etabliert war. Inzwischen ist der Behindertensport – außerhalb der DSG – bestens organisiert. Etwa auch durch „No Limits“ und Edi Scheibl, worüber die KirchenZeitung vor kurzem schrieb. Edi Scheibl macht eine gute Arbeit; er ist auch im Union-Präsidium. Der DSG fehlen die behindertengerechten Einrichtungen und die Betreuer/innen. Beides gibt es u.a. in der Caritas-Einrichtung St. Pius. Darum haben wir uns mit dieser vernetzt. Zu solchen Kooperation sind wir gerne bereit.
Wie wird die Diözesansportgemeinschaft DSG das 60-Jahr-Jubiläum feiern? Zoidl: Unter anderem mit einer Provokation. Wenn Christine Haiden am 11. November über den Beitrag des Sports zur Gleichstellung der Geschlechter den Festvortrag hält, wird sie uns wohl einen Spiegel vorhalten, wie viel im Sport noch zu tun ist. Die Defizite sind in Sport und Kirche ähnlich groß.
Was kann die Kirche dem Sport geben? Zoidl: Bei ganz großen Veranstaltungen, wie Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften, nutzt die Kirche sehr gerne diese Bühne. Bei Exzessen aber ist sie schnell mit dem moralischen Zeigefinger da. Zwischen diesen Extremen ist die Kirche im sportlichen Geschehen nicht wirklich präsent. Die Kirche muss den sportlich-spirituellen Bereich pflegen. Die Pfarren sollten sich mehr dem Sport öffnen, etwa Sport und Spiel als Familienerlebnisse anbieten. Auch für Singles müssen wir was tun. In vielen Pfarren fehlt der Löffel zum Sport. Es wäre so einfach! Jetzt im Winter zum Beispiel Eisstockschießen. Meine Pfarre Linz-Heilige Familie hat da wöchentlich sehr guten Zuspruch.
Was bedeutet sportlich-spirituell? Zoidl: Unsere Bergwochen sind ein Beispiel. Man kann am Berg anders und unmittelbarer über Gott reden als in der Kirche.
Wie sehen Sie die Zukunft der DSG, des kirchlichen Sport-Bewusstseins? Zoidl: Nicht sehr rosig! Uns fehlen die ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen, die „beidbeinig“ sind, das heißt mit einem Fuß in der Kirche, mit dem anderen im Sport stehen.
Können bei der DSG nur Kirchliche mitmachen? Christian Zoidl: Jede und jeder kann mitmachen. Wir fragen nach keinem Frömmigkeitsausweis. Wer zu uns kommt, bleibt, wenn er sich wohlfühlt, wenn nicht, bleibt er bald weg.
60 Jahre DSG: Jubiläumsfeier
Freitag, 11. November, Kirche und Festsaal der Elisabethinen Linz 18.30 Uhr, Festgottesdienst, 19.30 Uhr, Festakt, Festvortrag, Runder Tisch, Grußworte der Ehrengäste, Landeshymne, Agape.
Stichwort
Diözesansportgemeinschaft DSG
Die DSG feiert 60 Jahre. Sie ist 1951 aus dem Sportbetrieb der Katholischen Jugend hervorgegangen. Vor 1951 war der kirchliche Sport in der UKJ – Union Katholischer Jugend – beheimatet. In den 60er-Jahren sind etliche Fußball-Gruppen im Bereich der DSG entstanden. Die DSG-Domänen aber blieben Tischtennis (die Pfarrsäle waren geeignete Trainingsräume) und Faustball (wurde und wird vor allem in den kirchlichen Internaten gespielt). Die Diözesansynode 1970 bis 1972 hat sich sportfreundlich geäußert und so den Sport in der Kirche aufgewertet. Die Goldenen Zeiten der DSG aber sind vorbei. Punktuelle Veranstaltungen gewinnen an Bedeutung. In manchen Pfarren gibt es allerdings noch eine gute DSG-Tradition, so in Linz-Hl. Familie und Linz-Herz Jesu.