Von der Aufnahme ins Spital bis zur Entlassung – unentwegt werden Daten vom Patienten gesammelt. Er wird „durchleuchtet“, nicht nur vom Computertomografen. Der kranke Mensch wird rasch zum „gläsernen“ Patienten, der mit Strukturen konfrontiert ist, die er nicht durchschaut. Auch ein Ausgeliefertsein an Hightech-Geräte kann Angst machen. Zudem ist das Gesundheitssystem ein Wirtschaftszweig. Und mittendrin der Mensch – mit dem Anspruch, seine Würde zu wahren.
„Transparenz“ als Zauberwort der Medizin
Der Philosoph Konrad Paul Liessmann spricht beim ÖO Ordensspitäler-Kongress
Der Streit zwischen Ärztekammer und Gesundheitsminister über die Elektronische Gesundheitsakte wird zunehmend härter. Vor diesem Hintergrund hatte das Thema des OÖ Ordensspitäler-Kongresses besondere Brisanz: Transparenz im Gesundheitswesen.
Zur Eröffnung des neunten Kongresses der OÖ Ordensspitäler am 9. November 2011 in Linz war sogar Gesundheitsminister Alois Stöger persönlich aus Wien angereist, um klipp und klar zu erklären, dass die Elektronische Gesundheitsakte kommen wird: „Transparenz schafft Vertrauen und Vertrauen heilt!“, so sein Slogan. Zudem ist Transparenz Voraussetzung für Qualitätsentwicklung und hilft auch Kosten zu senken. Der Minister denkt dabei vor allem an Doppeluntersuchungen.
Öffentlich und persönlich zugleich. Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann wollte der Begeisterung des Gesundheitsministers für Transparenz nicht ungeteilt zustimmen. Zwar steht das Wort Transparenz hoch im Kurs, weil sich damit die Hoffnung verbindet, dass Licht in dunkle Machenschaften gebracht und Vertuschung aufgedeckt wird. Die Röntgenstrahlen als Möglichkeit der Durchleuchtung des Menschen haben die Wissenschaft beflügelt, so der Philosoph, und der Nacktscanner ist überhaupt zum Symbol für die Gesellschaft geworden. Damit zeigt Liessmann eine Grenze der Transparenz auf: „Der Ruf nach Transparenz deutet vor allem auf eine Vertrauenskrise hin.“ Man kann eine Beziehung durch totale Transparenz zerstören, betont er.
Vertrauensarzt. Wenn zwischen Arzt und Patienten ein persönliches Vertrauensverhältnis besteht, muss sich der Patient sicher sein können, dass seine Informationen nicht später in einer Datenbank anderen, dritten offenstehen. Man soll sich aber keiner Illusion hingeben. Der Druck derer, die auf gespeicherte Gesundheitsdaten zugreifen wollen, wird groß werden. Liessmann gibt keine Antwort auf die Frage nach der Einführung der elektronischen Gesundheitsakte. Er zeigt Eckpunkte für die Beurteilung auf: In der Forderung nach Transparenz steckt ein Ideal der Aufklärung, gleichzeitig aber birgt Transparenz auch die Gefahr der Entblößung des Menschen. Liessmann stellt an den Schluss seiner Ausführungen: „Das Geheimnis ist eine der größten Errungenschaften der Menschheit.“
Staat muss in Forschung eingreifen. Die Sozialmedizinerin Claudia Wild ging auf einen Bereich der Medizin ein, wo Transparenz unbedingt notwendig ist: bei der Entwicklung von Medikamenten. An die 90 Prozent der klinischen Forschung an Universitäten ist von Pharmafirmen finanziert. Wird ein Medikament von der Behörde zugelassen, lassen sich jährlich Milliarden Euro umsetzen. Wild fordert, dass der Staat hier seine Verantwortung wahrnehmen und Begleitstudien selbst finanzieren muss, was zum Beispiel Nebenwirkungen und die Dauer der Einnahme betrifft.