Die Reichen werden reicher und die Armen mehr. Die Caritas fordert leistbaren Wohnraum und will Ungerechtigkeiten anprangern, wie Caritas-Direktor Mathias Mühlberger und Alexandra Riegler-Klinger, Geschäftsführerin der Caritas für Menschen in Not erzählen.
Seit Jahren sagt die Caritas: Die Not wird größer. Keucht die Hilfe der Not hinterher? Dir. Mathias Mühlberger: Reiche werden reicher und Arme ärmer. Das gilt international und bei uns. Wenn seit 20 Jahren Alleinerziehende und Mehrkindfamilien die Armutsstatistiken anführen, sehe ich dringenden Handlungsbedarf. Es gibt aber nicht nur die materielle Armut. Arm ist auch der, der keine Möglichkeit hat, sich gesellschaftlich einzubringen.
Mag. Alexandra Riegler-Klinger: Wir sehen in der Beratung die Armut abseits der Zahlen. Die Not wird komplexer. Als ich vor 20 Jahren als Sozialarbeiterin zu arbeiten begann, war es noch möglich, leistbare Wohnungen für sozial schwache Menschen aufzutreiben. Jetzt wissen wir: Menschen brauchen dringend eine Wohnung, nur wir haben sie nicht!
Ist die Situation nicht frustrierend? Riegler-Klinger: Diese Frage muss sich die Gesellschaft insgesamt stellen. In der Caritas gelingt es uns ganz gut, bei Kraft zu bleiben.
Müsste die Kirche nicht viel mehr – wie es der Welthaus-Vorsitzende Hans Wührer einmal formulierte – dem Räuber das Handwerk legen, als immer nur als barmherziger Samariter Wunden versorgen? Mühlberger: Zu benennen und anzuprangern, was systematisch schiefläuft, ist immer wieder auch unsere Pflicht. Wahrscheinlich tun wir es alle miteinander zu wenig laut. Andererseits sehen wir bei Umfragen, dass die Österreicher/innen die Caritas ganz zuvorderst nennen, wenn sie gefragt werden, welche Organisationen sich am meisten für Gerechtigkeit einsetzen.
Riegler-Klinger: Es wird immer beides brauchen – Nothilfe und Kritik gesellschaftlicher Strukturen. Beim Wohnraum können wir unterstützen, unterstützen und unterstützen, es wird sich nichts ändern, wenn es keine leistbaren Wohnungen gibt.
Die Caritas sagt, dass die Energiekosten im Jahr 2010 um bis zu 50 Prozent gestiegen sind und die sozial schwachen Haushalte bis zu 40 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen (Miet- und Energiekosten) ausgeben. Haben die Ärmeren die Energiefresser-Wohnungen? Mühlberger: Zurzeit ist es so. Die neuen Wohnungen, die schon energiebewusst errichtet werden, sind leider zu teuer. Das liegt auch an eigentlich sinnvollen Auflagen wie Garagenplätze, Lifte usw. Sozialer Wohnbau muss neu buchstabiert werden.
Eine „Reichensteuer“ zur solidarischen Lastenverteilung wird diskutiert. Wie steht die Caritas dazu? Mühlberger: Wir sind keine Steuerspezialisten. Wir stellen aber bei vielen Gesprächen fest, dass niemand mehr versteht, dass Spekulation nicht schon längst besteuert und regelmentiert wird, und nicht verstanden wird, dass Spekulieren mit Lebensmitteln nicht verboten ist.
Wann ist jemand arm? Riegler-Klinger: Zahlen erfassen nur einen Teil der Armut. Eine EU-Richtzahl spricht von 994 Euro im Monat.
Mühlberger: Mitarbeiterinnen in der Caritas-Altenhilfe sagen, dass sie zunehmend mit Vereinsamung und Verwahrlosung alter Menschen konfrontiert sind.
Riegler-Klinger: Einsamkeit gibt es auch unter jungen Menschen.
„Unverschuldet in Not geraten“, das hört man bei Spendenappellen oft. – Verdient verschuldete Not keine Solidarität? Mühlberger: In unserem Leitbild sagen wir Hilfe unabhängig vom persönlichen Verschulden zu. Es stimmt schon, dass die Verschuldensfrage in der Gesellschaft ein Thema ist. Wir müssen aber in der Not schauen, welche Schritte die Situation verbessern können, unabhängig davon, wie sie entstanden ist.
Riegler-Klinger: Es ist leider ein gesellschaftliches Problem, dass von Armut betroffenen Menschen oft die Schuld an ihrer Lage zugeschoben wird, sie werden als „Versager“ abgestempelt und gemieden. Weil Betroffene die soziale Ausgrenzung fürchten, wird Armut meist versteckt.
Wo sehen Sie die großen solidarischen Herausforderungen, wo eine besonders ermutigende Praxis? Mühlberger: Wir müssen Wege finden, Menschen zu integrieren, die aufs Erste anders scheinen – Zugewanderte, Menschen mit Beeinträchtigung ... Eine Frage wird auch die finanzielle und personelle Absicherung der Pflege und Altenbetreuung und bei den knapper werdenden öffentlichen Budgets die Erhaltung sozialstaatlicher Maßnahmen. Ich erlebe viel Engagement in den Pfarren und Gruppen. Da denke ich mir oft: Hut ab! Bei Katastrophen merken wir in Österreich Großzügigkeit.
Riegler-Klinger: Es lassen sich viele Menschen berühren – bei Katastrophen, wenn die Medien Bilder liefern. – Es gibt aber auch ein beachtliches ehrenamtliches Engagement. Bei uns in der Nothilfe werden die 170 hauptamtlichen Mitarbeiter/innen von etwa 110 ehrenamtlichen unterstützt – etwa in der Haftentlassenen-Wohngemeinschaft in Wels oder in der Wärmestube für Obdachlose in Linz.
Mühlberger: Immer häufiger sind unter den Ehrenamtlichen auch junge Männer. Und das dichte Netz ehrenamtlicher Hilfe in den Pfarren ist eine besondere Kraft der Caritas.
Fördern und Chancen heben
An drei Nachmittagen in der Woche hat das erste Lerncafé der Caritas Oberösterreich – es wurde am 12. November in Marchtrenk eröffnet – Betrieb. Durch Bildung die Chancen junger Menschen zu heben, ist eine der Aufgaben, der sich die Caritas verschreibt, betonte Caritasdirektor Mathias Mühlberger.
Michaela Lehofer, Leiterin des Lerncafés, skizzierte bei der Eröffnung die Absicht: Bis zu zehn Kinder im Pflichtschulalter mit nichtdeutscher wie auch mit deutscher Muttersprache sollen beim Lernen unterstützt werden. Das Angebot ist kostenlos und gilt Kindern von Familien, denen es an Geld für Nachhilfe mangelt, deren Wohnsituation ungeeignet fürs Lernen ist, oder Kindern, deren Deutschkenntnisse für den Schulerfolg nicht ausreichen. Zur Eröffnung des Lerncafés kam nicht nur Caritasdirektor Mathias Mühlberger mit vielen Mitarbeiter/innen, sondern auch Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz und Vertreter der Gemeinde, der Schulen sowie Bezirkshauptmann Dr. Josef Gruber. Das zeigt: Das Projekt, dessen Konzept die Caritas der Diözese Graz entwickelt hat, findet große Aufmerksamkeit. Sebastian Kurz nannte die Lerncafés besonders intelligente Projekte, weil durch die starke Miteinbeziehung von Ehrenamtlichen die Wirkung des eingesetzten Geldes multipliziert werde. Beim Lerncafé in Marchtrenk helfen fünf Ehrenamtliche mit. Etwa Maximilian Humer aus Aistersheim, der der Caritas seine Hilfe anbot, weil er Sinnvolles machen will. Nach 47 Jahren Berufstätigkeit im Verkauf freut er sich auf die Aufgabe, junge Menschen zu unterstützen. Der 23-jährige Martin Wimmer, Student aus Wels, ist „topmotiviert“. Migration ist für ihn ein interessantes, wichtiges Thema. Die Welserin Elisabeth Werschonig, vom Beruf Geografin, macht mit, weil sie kulturelle Vielfalt als Bereicherung schätzt. Und Claudia Winkler, Grieskirchner Mittelschullehrerin, sieht, dass in der Oberstufe weniger Schüler/innen mit Migrationshintergrund sind. Man muss also in der Unterstufe stärker fördern.