Nur sehr knapp überlebte Pfarrer Josef Friedl vor einem Jahr einen Radunfall. Im Interview erzählt er, wie er sich Schritt für Schritt ins Leben zurückkämpft und warum er nicht mit dem Schicksal hadert.
Ausgabe: 46/2011, Friedl, Gesundheit, Zogaij, Schicksal, Unfall, Rad, Asyl
21.11.2011
- Paul Stütz
Der 15. Oktober 2010 veränderte Ihr Leben ganz plötzlich. Woran erinnern Sie sich? Josef Friedl: Ich war an dem Tag schon sehr müde. Ich hab noch bei einem Haus schnell was erledigen müssen. Dann bin ich doch noch mit dem Rad gefahren, leider. Noch schlimmer wäre es vielleicht gekommen, wenn ich mit dem Auto gefahren wäre. Dann hätte ich jemanden dreinfahren können.
Das heißt, Sie glauben, dass ein Schlaganfall Auslöser des Unfalls war? Friedl: Man weiß es zwar nicht sicher, aber ich glaube schon. Direkt an den Sturz vom Fahrrad kann ich mich nicht erinnern.
Die Folgen waren jedenfalls dramatisch Friedl: Ich habe immer einen Sturzhelm getragen, nur an diesem Tag nicht. Ich war im Gesicht so entstellt, dass man mich im Krankenhaus zuerst nicht erkannt hat. Die Gehirnblutung ist nur knapp am Sprachzentrum vorbei gegangen.
Sie waren wochen- und monatelang im Krankenhaus. Friedl: Ich war praktisch eingesperrt im Bett, links und rechts Gitter und viele Schläuche in mir. Ich bin die ganze Woche mit dem Bewusstsein eingeschlafen, dass ich nicht wusste, ob ich wieder aufwache.
Sie waren dem Tod sehr nahe. Haben Sie Angst gespürt? Friedl: Nein, habe ich nicht. „Der Glaube trägt und Gott scheint in mir“, war der Satz, den ich mir immer gedacht habe. Das war mein markanter Lebenssatz.
Es hat viele Gerüchte um Ihren Unfall gegeben, vor allem, dass da jemand nachgeholfen hätte. Was haben Sie sich dazu gedacht? Friedl: Später habe ich das mitbekommen. Ich hab sofort gewusst: Das stimmt nicht.
Verstehen Sie, dass Gerüchte aufgekommen sind? Friedl: Ja, freilich. Das ist bei mir so, weil ich eine exponierte Person bin.
Die Anteilnahme in der Pfarrbevölkerung war und ist sehr groß. Friedl: Sehr viele haben mich besucht und umarmt. Das ist so weit gegangen, dass mir die Wortgottesdienst-Leiter die Kommunion ans Krankenbett gebracht haben. Sie haben gesagt „Früher hast sie du uns gebracht und jetzt bringen wir sie dir.“ Das alles hat mich sehr belebt.
Wie hat die Pfarre die Zeit Ihrer Abwesenheit gemeistert? Friedl: Obwohl ich durch den Unfall so plötzlich weg war, war ohne mich ein ganz starkes Gemeindeleben da. Die Pfarre ist sehr zusammengeschweißt worden durch den Unfall, weil sie alles selbst tun mussten. Das war so schön, wenn ich im Spital gehört habe, was sie gemacht haben.
Dreieinhalb Monate nach dem Unfall feierten Sie wieder Messe Friedl: Es ist alles sofort behindertengerecht hergerichtet worden in der Pfarrkirche, damit ich wieder Messe feiern kann. Es war auch sehr berührend wie ich das erste Mal mit dem Rollstuhl in die Kirche gefahren bin. Fast alle in der Pfarrgemeinde hatten Tränen in den Augen.
Viele Leute würden in ähnlichen Situationen wohl in Pension gehen. Haben Sie nach dem Unfall überlegt aufzuhören? Friedl: Es war schon einmal eine Überlegung, wenn ich nicht mehr kann. Die Pfarre ist aber meine Heimat, ich bin sehr willkommen dort. Das Feiern der Gottesdienste ist für mich keine Belastung. Den Leuten ist es auch sehr wichtig, dass ich da bin, damit wir Eucharistie feiern können. Dass ich bleibe, so lange meine Gesundheit reicht, wünschen sich die Menschen.
Wie schaut Ihr Pfarralltag momentan aus? Friedl: Ich kann am Sonntag Gottesdienste feiern, auch Taufen halten und Hochzeiten. Alles halt im Rollstuhl. Ich wechsle als Gottesdienstleiter ab mit Zell und Ungenach, das geht sehr gut.
Was haben Sie in der Pfarrseelsorge konkret aufgeben müssen? Friedl: Die Sorge um die einzelnen Dinge, die habe ich abgegeben. Ich kann den Menschen nicht mehr nachgehen. Momentan zumindest.
Hat sich ihr Blick aufs Leben verändert? Friedl: Das kann ich nicht sagen, aber ich bin jetzt total abhängig. Beim Anziehen, Ausziehen, Toillete gehen. Ich brauche rund um die Uhr Pflege.
Haben sich manche Wertigkeiten in Ihrem Leben verschoben? Friedl: Die äußerliche Streiterei um das Wort „Ungehorsam“ kommt mir nebensächlich vor. Die Diskussion um den Inhalt ist sehr wichtig. Gut aber, dass andere die Diskussion führen. Ich hätte nicht die Kraft dazu.
Wie beschäftigt Sie da die Asyl-Thematik überhaupt heute noch? Friedl: Ich bekomme immer noch Anrufe, kann aber nichts tun, weil ich in meiner Bewegung eingeschränkt bin.
Sind im Pfarrhof noch immer Flüchtlingsfamilien untergebracht? Friedl: Ja. Die Pfarrsekretärin kümmert sich jetzt mit großem Engagement darum.
Schmerzt Sie das, dass Sie selbst in diesem Bereich nichts mehr tun können? Friedl: Schon ein wenig, aber es ist halt so.
Haben Sie zu der Familie Zogaj noch Kontakt? Friedl: Nach dem Unfall haben sie viel Anteilnahme gezeigt. Sie wohnen in Linz und sie kommen regelmäßig zu mir. Sie bekommen schon noch Unterstützung von mir, dass sie leben können.
Müssen Sie sich bei der österreichischen Asylpolitik ärgern? Friedl: Ärger hab ich überhaupt keinen. Es ist halt typisch österreichisch. Die Zogajs haben einen Aufenthaltstitel, dürfen nur durch die Schülervisas da sein. Sie leben nur, weil ich sie unterstütze. Ich zahle ihnen die Miete der Wohnung, damit sie leben können. Sie haben zu wenig Einkommen.
Hadern Sie manchmal mit dem Schicksal? Friedl: Ich habe eine große Gelassenheit, stelle nicht die Frage nach dem Warum. Ich bin froh, dass es mir so gut geht, denn ich war dem Tod sehr nahe durch meine Gehirnblutung. Die Ärzte haben gesagt, ich habe einen Riesenschutzengel gehabt. Es hätte ganz anders kommen können.
Was ist die Prognose, was Ihre Gesundheit betrifft? Friedl: Ich bin halbseitig gelähmt und sitze im Rollstuhl. Ich werde nimmer ganz so, wie ich war. Es kann aber noch deutlich besser werden. Wir werden sehen. Ich kämpfe dafür, dass ich wieder gehen lerne. Ich fahr jeden Tag eine Stunde mit dem Heimtrainer und dann übe ich noch eine halbe Stunde gehen. Dann bin ich fix und fertig. Es ist mit Schmerzen verbunden und großer Anstrengung.
Würden Sie Ihren Unfall und seine Folgen als Kreuzweg bezeichnen? Friedl: Nein, so große Worte gebrauche ich für mich selber nicht. Aber als Auferstehung würde ich es schon bezeichnen. Am 15. Oktober, dem Tag meines Unfalls, feierte ich meinen zweiten Geburtstag.