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Wenig Bereitschaft zum Dialog

Welchen Platz die Christen in Ägypten haben werden, ist völlig ungewiss. Die Oberösterreicherin Sr. Juliana Baldinger lebt seit siebzehn Jahren im Land am Nil. Sie zeichnet im Gespräch mit der KIZ ein nüchternes Bild von der aktuellen Lage.
Ausgabe: 49/2011, Bereitschaft, Dialog, Christen, Ägypten, Baldinger, Wahlen, Muslime
27.12.2011
- Josef Wallner
Wie geht es Ihnen in Ägypten? Haben Sie Angst? Fühlen Sie sich in Ihrem Dorf unsicher?
Nein, in El Berba nicht. Dort gehe ich ganz normal meiner Arbeit nach. Wir betreuen beeinträchtigte Kinder, Christen und Muslime, ohne Unterschied. Erst letzte Woche haben wir alle miteinander einen Ausflug gemacht. Hat sich die Lage normalisiert?
Ganz und gar nicht. Die Abwesenheit der Polizei hat alles verändert. Seit dem Sturz Mubaraks sieht man kaum mehr Polizisten. Die Kriminalität ist in die Höhe geschnellt, vor allem Diebstähle und Entführungen. Sobald es dunkel wird, bewegt man sich nicht mehr außerhalb des Dorfes. Man muss immer sehr genau planen. Das macht viele Umstände. Wie haben Sie die großen Auseinandersetzungen am 9. Oktober 2011 in Kairo aufgenommen, wo das Militär eine friedliche Demonstration von Christen angegriffen hat und wo schließlich 27 Christen getötet und über 300 verletzt wurden?
Es war schrecklich und ist schrecklich. Im Abstand kann ich aber sagen, dass etwas Sonderbares passiert ist. Im staatlichen Fernsehen hat ein geschockter Soldat gesagt: „Diese Christen sind Kinder von Hunden.“ Ärger kann man jemanden nicht beschimpfen. Darüber hinaus wurde das nicht auf einem islamistischen Satellitenkanal gesendet, sondern im Staatsfernsehen – mehrmals sogar. Nach zwei, drei Tagen der Angst unter den Christen führte dieser Satz zu einer Erleichterung. Warum sprechen Sie von Erleichterung?
Wir Christen fühlten: Jetzt hat endlich einmal jemand öffentlich gesagt, was Teile der muslimischen Gesellschaft ohnehin über uns denken. Dieser Satz, dass wir Kinder von Hunden sind, ist nicht mehr zurückzunehmen. Jetzt haben die Muslime ein Problem. Sie müssen klar und deutlich sagen, ob sie das unterschreiben oder sich distanzieren. Wir wissen jedenfalls, wie wir dann dran sind. Wie gehen Sie mit diesem Wissen um?
Man muss schon aufpassen, dass man dem Islam gegenüber nicht abwertend wird. In unserem Umfeld kann sich viel Wut aufstauen, zum Beispiel, wenn bei uns im Dorf muslimische Jugendliche nach dem Besuch der Moschee an der Kirche vorbeigehen und ausspucken. Was soll denn das? Wie kann es in Ägypten weitergehen?
Die Situation ist eine einzige Herausforderung zum Kennenlernen und Dialog, die Christen, die Muslime und umgekehrt. Wobei die Muslime mehr gefordert sind. Christen lernen in der Schule den Koran kennen, muslimische Kinder das Christentum nicht. Man muss aber ehrlich sein: Zurzeit ist wenig Bereitschaft da, aufeinander zuzugehen. Haben Sie Ideen für den Dialog?
Ich möchte mit einem Priester eine Gesprächs­gruppe gründen, vier Christen, ebenso viele Muslime. Ich erwarte mir viel von kleinen Gruppen, in denen auch die Unterschiede im Glauben angesprochen werden. Wie stehen die Christen zu den laufenden Wahlen?
Wichtig ist, dass sie zur Wahl gehen. Da macht die koptische Kirche sehr gute politische und praktische Aufklärungsarbeit. Denn Stimmzettel und Ablauf der Wahl sind für einfache Leute schwer zu verstehen. Was wird der Sieg der Muslimbrüder bringen, an dem es keinen Zweifel gibt?
Vermutlich keinen radikal islamistischen Staat in der ersten Legislaturperiode, also in den nächsten vier bis sechs Jahren. Die kommende Regierung wird auf ihren internationalen Ruf achten und sie ist mit der enormen Not der Menschen konfrontiert, von der sie immer behauptet hat, dass sie sie bewältigen kann. In einer zweiten Regierungszeit bin ich mir nicht mehr sicher.
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