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Was Frauen heute bewegt und wie sie leben und glauben

Junge Frauen denken moderner als ihre männlichen Altersgenossen. Dieses Auseinandergehen der Weltanschauungen bei den Geschlechtern birgt großes Sprengpotential, warnt die Forscherin Petra Steinmair-Pösel.
Ausgabe: 49/2011, Frauen, bewegt, leben, glaube, Studie, Zulehner, Wunschzettel, Beruft, Kinder, Frauenwelten, Wandel
27.12.2011
- Hans Baumgartner
© Erwin Wodicka
Sie haben gemeinsam mit Prof. Paul Zulehner die Studie „Wie Österreichs Frauen leben und glauben – 1970 bis 2010“ erarbeitet. Was war für Sie das überraschendste Ergebnis?
Steinmair-Pösel: Dass Männer- und Frauenrollen im Fluss sind, ist nicht neu. Auffallend jedoch ist, dass die Entwicklung von einem traditionellen (Haus-)Frauenverständnis zum „Typus“ einer „modernen Frau“, die primär berufsorientiert ist, deutlich rascher vorangeschritten ist als die zum „modernen Mann“. Während bei den Männern immer noch ein erheblicher Teil „auf Suche“ ist, ist bei den Frauen, vor allem bei den gut ausgebildeten, der Zug in eine eindeutige Richtung unterwegs. Das Ganze gewinnt zusätzlich an Sprengpotential, wenn wir das altersmäßig anschauen: Während sich fast die Hälfte aller jungen Frauen (bis 30) als „modern“ darstellt, sind das bei den jungen Männern nur 18 Prozent – mit weiter sinkender Tendenz. Was meinen Sie mit „Sprengpotential“?
Steinmair-Pösel: Wenn die Lebensmodelle von Frauen und Männern auseinandergehen, dann bedeutet das mehr Spannung im familiären, beruflichen und gesellschaftlichen Bereich. Ein interessantes Detail dazu sind die parteipolitischen Präferenzen der jungen Generation: Junge Frauen tendieren eindeutig zu den Grünen, während junge Männer immer stärker in Richtung FPÖ gehen. Darin spiegelt sich auch der Grundkonflikt der Moderne zwischen der – mitunter mühsamen – Freiheit einerseits und einer neuen Hinwendung zu „Autoritäten“, die sagen, wo es lang geht. Während die Zahl der autoritär orientierten Männer (79%) und Frauen (81%) seit dem Jahr 1987 deutlich zurückgegangen ist (12% Frauen, 16% Männer), zeigt sich jetzt eine – wenn auch nicht radikale – Wende: die Autoritären und Verunsicherten werden wieder mehr, auch traditionelle Rollenbilder. Wie geht die Kirche mit den Veränderungen in der Frauenwelt um?
Steinmair-Pösel: Zunächst einmal spiegelt sich auch in der Kirche die Vielfalt unterschiedlicher Lebensmodelle von Frauen (und Männern) wider. Während sich allerdings traditionelle Frauen, die sich eher an religiösen und anderen Autoritäten orientieren, in der Kirche gut „aufgehoben“ fühlen, tun sich moderne Frauen damit erheblich schwerer. Das hat einerseits mit der in den vergangenen 40 Jahren bei Frauen und Männern deutlich gesunkenen Glaubens- und Kirchennähe zu tun, aber auch mit der Kluft zwischen dem, wie Frauen sich selber und ihre Lebenswirklichkeit wahrnehmen, und dem, was sie oftmals an kirchlicher „Kultur“ erleben. Die Kirche ist also für viele Frauen eine Art „Kulturschock“?
Steinmair-Pösel: So krass würde ich das nicht ausdrücken. Aber es gibt doch zu denken, dass 70 Prozent aller Frauen wollen, dass sie in der Kirche mehr Beachtung finden. Sie empfinden, dass es in der Kirche kein gleichberechtigtes Miteinander von Frauen und Männern gibt. Gleichzeitig betonen 76 Prozent der Frauen, dass dieses Miteinander wichtig ist, um große Probleme zu lösen. Da tut sich eine erhebliche Spannung auf zwischen dem, was als notwendig und hilfreich angesehen wird, und der momentanen Wirklichkeit. Ein heißes Thema ist die Frage von Amt und Leitung. Wie denken da die Frauen?
Steinmair-Pösel: Da ist die Position der Frauen über alle Gruppen hinweg überraschend klar: Mehr als zwei Drittel der Frauen, darunter auch 61 Prozent der traditionell Orientierten, sagen, dass der Zugang von Frauen zu kirchlichen Ämtern die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche stärken würde. Und fast ebenso viele wünschen sich mehr Frauen in kirchlichen Leitungspositionen. Die Kirche wäre daher gut beraten, schon jetzt, dort wo es möglich ist, Frauen stärker mit Leitungsaufgaben zu betrauen und nicht darauf zu warten, bis vielleicht in die klassische Ämterfrage (Diakonat oder Priesteramt) Bewegung kommt. Das ist ein Auftrag an die Diözesanleitungen ebenso wie an die Pfarrgemeinderäte, wo Frauen zwar mehr als die Hälfte der Mitglieder stellen, aber immer noch vorwiegend die wenig sichtbare Hintergrundarbeit machen. Es gibt heute ein großes Potential an gut ausgebildeten Frauen, denen man mehr zutrauen könnte. Das wäre ein wichtiges Signal. Wenn Sie schon bei einem Wunschzettel sind: Was steht da noch drauf?
Steinmair-Pösel: Grundsätzlich würde ich mir wünschen, dass die Kirche bereit ist, auf die verschiedenen Lebenswirklichkeiten von Frauen wertschätzend hinzuschauen – und nicht nur auf die eher traditionell orientierten Gruppen. Letztlich ist das ja der Grundauftrag der Kirche, Menschen in ihrem Glauben und Leben zu begleiten, sie zu unterstützen, ihr Leben zu meistern und ihre Einzigartigkeit und ihre Potentiale zu entfalten, ihre jeweilige Berufung zu leben. Das geschieht ja auch schon, etwa in der kirchlichen Frauenbildung oder durch die Katholische Frauenbewegung. Aber eben zu wenig. Ich glaube nicht, dass es sich die Kirche aussuchen kann, mit den Frauen will ich mehr arbeiten, weil das vielleicht einfacher ist, und mit jenen weniger. Sie ist zu allen gesandt. Und außerdem ist das auch eine ganz pragmatische Frage: Zwar gehören derzeit rund 40 Prozent der kirchlich aktiven Frauen zu den eher traditionellen und nur knapp 15 Prozent zum modernen Frauentypus. Aber die Zahl der Traditionellen hat sich in den vergangenen 20 Jahren halbiert (12% aller Frauen) und sie sind deutlich älter. Das Thema berührt aber auch eine andere Frage: Wie hält es die Kirche (immer noch) mit dem Satz, dass es Gottes Wille ist, dass Frauen und Männer unterschiedliche Aufgaben im Leben haben und mit der darin mitschwingenden Abwertung der Berufstätigkeit gegenüber der „Mutterrolle“. Sie sprechen hier die Berufstätigkeit an. Sie ganz offensichtlich ein wesentliches Merkmal „moderner“ Frauen? Steinmair-Pösel: Ein wesentlicher Schub zur Entwicklung neuer Rollenbilder kommt daher, dass Frauen massiv bei der Bildung aufgeholt haben und diese Fähigkeiten auch beruflich umsetzen wollen. Dazu kommt, dass viele auch aus wirtschaftlichen Gründen und wegen der eigenständigen sozialen Absicherung berufstätig sind. Das heißt aber nicht, dass nicht die allermeisten von ihnen auch eine Familie und Kinder wollen. Sowohl moderne Frauen als Männer empfinden es als Bereicherung, ihr Lebensfeld auszuweiten. Sie sind er Meinung, dass Familie und Berufswelt einander befruchten. Tatsache aber ist auch, das zeigt die Studie deutlich, dass die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dieses Switchen zwischen den Lebensbereichen schwer machen. So etwa sagen mehr als die Hälfte der Frauen und Männer, dass sie große Probleme haben, Familie und Beruf zu vereinbaren. Weil sie das aber wollen (oder müssen), sind Politik und Gesellschaft gefordert, bessere Betreuungsmöglichkeiten, flexiblere Arbeitsmöglichkeiten (z. B. für Väterkarenz) zu schaffen – aber auch ein neues Bewusstsein dafür. Denn es fällt auf, dass gerade in den Ländern, wo ein traditionelles Frauen- und Familienbild vorherrscht, die wenigsten Kinder geboren werden.

Frauenwelten im Wandel

Mehr als zehn Studien über Werte, Glauben und Leben der Österreicher/innen und Europäer/-innen haben Prof. Paul Zulehner und seine Coautorin Petra Steinmair-Pösel auf der Suche nach der „typischen Frau“ durchforstet. Das Ergebnis: Sie gibt es nicht (mehr). Die Frauenwelt heute stellt sich in vier unterschiedlichen „Typen“ dar, wobei die Grenzen fließend sind. - Die Traditionellen (Frauen wie Männer) definieren die Frau vorwiegen vom Kind und von der Mutterrolle her. Die Frau ist (zumindest lange Zeit) Familienfrau, der Mann der „Ernährer“. Zwölf Prozent der Frauen zählen dazu; ihr Anteil hat sich seit 1992 halbiert. - Die Modernen verbinden – aufgrund guter Ausbildung, aber auch aus wirtschaftlichen Gründen – Beruf und Familie. Sie erachten Beruf als wichtig und wertvoll, versuchen das aber mit der Mutterrolle zu verbinden. Der Anteil der Frauen in dieser Gruppe ist seit 1992 von 20 auf 37% gestiegen. -Neben diesen beiden „Typen“ gibt es die Pragmatischen, die sich aus den alten und neuen Mustern herausnehmen, was sie in ihrer jeweiligen Lebenssituation brauchen (30%) und die Suchenden, die ihre Rolle noch nicht festgelegt haben (18%). Stark an Gott glaubten 1970: Frauen 67%, Männer 51%; im Jahr 2010: 26% Frauen, 20% Männer. Kirchlich aktiv waren 1970 bei den Frauen 26% und 19% Männer; 2010 waren es 6% Frauen und 4% Männer. Buchtipp: Paul M. Zulehner, Petra Steinmair-Pösel: Typisch Frau? Wie Frauen leben und glauben. Verlag Welt der Frau, 19,90 Euro.
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