Ausgabe: 51/2011, Weihnachtsecke, Leitartikel, Fellinger, Weihnachten, Überraschung, Zeit
29.12.2011
- Matthäus Fellinger
Wer möchte nicht überrascht werden – zu Weihnachten? Man wartet sogar darauf– und ist enttäuscht, wenn die Überraschung ausbleibt. Doch erwartete sind keine wirklichen Überraschungen. Zu Weihnachten sind sie also willkommen – ansonsten hütet sich der Mensch eher vor Überraschungen. Das Leben soll schön berechenbar bleiben – dass nichts Unvorhergesehenes passiert. In einer ohnehin bewegten Zeit ziehen Überraschungen Unliebsamkeiten nach sich. Da sperrt man sie vorsichtshalber in die Weihnachts- oder Geburtstagsecke. Ansonsten hat man sein Glück doch lieber in eigenen Händen, hält sich an die Gepflogenheiten und Gesetze, an das, was einem zusteht, an Rechtsansprüche. Weihnachten durchbricht diesen Drang nach Sicherheiten – aber nicht, indem es zerstört und durcheinanderbringt. Der „Retter“ ist da, heißt es im Weihnachtslied. Er rettet aus den selbst gestrickten Netzen und aus dem Leben nach Plan. Trotz aller „Verhütungsmittel“, mit denen Menschen Unvorhergesehenes ausklammern wollen, bricht eine neue Wirklichkeit in das Leben herein. Kirche verkündet vor allem eine große Überraschung. Schade, dass man es oft so wenig merkt. Wo nichts überrascht und alles nach Plan und Gesetz verläuft, ist die Botschaft in der Weihnachtsecke erstickt.