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Das Überraschungsmenü aus dem Müll

Eine Stirnlampe, ein paar Lebensmittelkisten und ein Fahrrad samt Anhänger. Das ist die Ausrüstung, mit der der gebürtige Innviertler Erik Schnaitl nach Müll „taucht“. Die KirchenZeitung hat ihn dabei begleitet.
Ausgabe: 51/2011, Müll, Schnaitl, Überraschungsmenü, Mülltauchen, Essen, Tonne
29.12.2011
- Paul Stütz
Irgendwo im Salzburger Land. Es ist dunkel, die Geschäfte haben vor zwei Stunden zugesperrt. Nach 50 Minuten Fahrt durch die kalte Nacht schwingt sich Erik Schnaitl vom Rad. Zielstrebig geht er zu dem Müllraum neben dem Supermarkt und öffnet die Schiebetür. „Machen wir schnell wieder zu“, sagt er. Das „Midnight-Shopping“, wie es der 34-Jährige scherzhaft nennt, kann beginnen. Statt in Lebensmittelregalen auszuwählen, holt sich Schnaitl die Dinge des täglichen Bedarfs aus den drei Tonnen des kleinen Müllraums. Im Schein von Schnaitls Stirnlampe wird unser aller Lebensmittelverschwendung plötzlich sichtbar. „Die Tonnen sind eigentlich immer sehr voll, auch jetzt in der Vorweihnachtszeit“, sagt er. Zum Vorschein kommt zuerst ein Berg an Broten. Kein einziges ist schimmlig oder hart, aber es läuft in zwei Tagen ab. Gut möglich, dass es kein Kunde mehr gekauft hätte, neben dem neuen Brot in den Regalen.
Seit etwa einem Dreivierteljahr fischt Schnaitl einmal in der Woche Lebensmittel aus dem Abfall. Bisher ist er mit seinem „Midnight-Shopping“ nicht aufgeflogen. „Einmal hat mich ein Lieferant gesehen, der hat mir aber gesagt, dass es ihm egal ist.“ Obwohl das Essen für die Vernichtung bestimmt ist, darf man es sich in Österreich vom Gesetz her nicht einfach so aus dem Müll der Supermärkte holen. Reife Bananen in der Tonne. Erik Schnaitl nimmt ein Bündel Bananen aus der Biotonne. Die Früchte haben ein paar dunkle Flecken, das ist alles: „So mag ich sie am liebsten, dann sind sie schön reif.“ Fast alles, was der Aktivist aus dem Müll zieht, ist noch gut essbar. Allein das Mindesthaltbarkeitsdatum ist manchmal bereits erreicht oder leicht überschritten. Schnell füllen sich seine mitgebrachten Kisten. Mit Joghurt, Krapfen, Apfelstrudel, einpackten Tomaten und Paprika. Leicht amüsiert betrachtet Schnaitl dutzende einzeln verpackte Toastkäsescheiben. „Der ist eigentlich immer drinnen. Diese Verpackung lässt sich schwierig öffnen und verkauft sich offenbar deswegen schlecht“, sagt der Mülltaucher, räumt den Käse ein und lacht: „Ich könnte mittlerweile bei diesem Geschäft Produktmanager werden.“ „Wer ist schuld an der Verschwendung?“ Der Angestellte eines Baumarkts ernährt sich nicht wegen finanzieller Not aus dem Müll. Vielmehr will Erik Schnaitl aufzeigen, was an gutem Essen einfach so weggeworfen wird. „An meinen schlechten Tagen suche ich den einen einzigen Schuldigen für die Verschwendung und das sind dann die Lebensmittelketten“, sagt Schnaitl. Dabei wisse er, dass das Problem vielschichtiger ist. Verantwortlich seien etwa nicht nur die Supermärkte, sondern auch die Konsumenten, die bis zum Abend ständig frische Ware haben wollen. Pauschale und einfache Lösungen fallen Erik Schnaitl deswegen auch nicht ein. „Ein Anfang wäre aber, dass ein jeder seinen Müll offenlegen muss und somit die Verschwendung sichtbarer wird“.
Die Lieferung der abgelaufenen aber noch guten Ware an Sozialmärkte ist für den Mülltaucher zumindest auf längere Sicht keine befriedigende Lösung. „Es ist gesellschaftlich gesehen nicht wünschenswert, dass es so viele arme Menschen gibt, damit die dann das alles essen können“.
Nach nur 20 Minuten und somit viel schneller als bei einem normaler Wocheneinkauf ist Erik Schnaitl mit dem „Midnight-Shopping“ fertig. Der Fahrradanhänger ist prall gefüllt. Man könnte glauben, er habe die Lebensmittel soeben gekauft und nicht aus dem Müll gezogen. Das meiste ist noch schön verpackt. Erik Schnaitl zieht die Müllraumtüre zu, sagt ein „Dankeschön“ zum Supermarkt und fährt mit dem Fahrrad wieder durch die Nacht nach Hause. Dort angekommen bekommen zuerst das Hausschwein und die Hauskatzen etwas von den Schätzen ab. Erik Schnaitl genehmigt sich den ersten Apfelstrudel, räumt aus, wäscht das Gemüse sorgfältig ab. „Das ist anders als bei einem normalen Einkauf, wo man bereits vorher für das Kochen plant. Ich richte mich danach, was ich im Müll finde und mache dann ein Überraschungsmenü daraus.“

Wie Müllessen schmeckt

Eine Studie der Universität für Bodenkultur zeigt, dass 13,5 Tonnen an Lebensmitteln im Jahr pro Supermarkt-Filiale weggeworfen werden. Was sich hinter den Zahlen verbirgt, wird beim Lokalaugenschein der KirchenZeitung mit dem Mülltaucher Erik Schnaitl klar. Berge an Brot, Gemüse und Obst liegen im Müll und fast alles ist noch einwandfrei. Die Sorgen, ob man das essen kann verfliegen schnell. Es ist ein Hauch von Abenteuer in einen Krapfen aus dem Abfall zu beißen. Der Krapfen schmeckt ganz normal, vielleicht etwas trocken, aber das liegt nicht daran, dass wir ihn aus der Tonne gefischt haben.
Im Prinzip herrscht überall eine große Ratlosigkeit wie man die Verschwendung eindämmen kann. Natürlich kommen einen Fragen zum Anstand unserer Gesellschaft in den Sinn, die so viel gutes Essen einfach wegwirft – auch jetzt in der Vorweihnachtszeit. Nach dem „Mülltauchen“ bleibt in jedem Fall ein bitterer Nachgeschmack.
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