„Gut geht’s ihm“, sagt Elfriede Pucher. Die Nachfrage galt ihrem Sohn David. Vor etwa 25 Jahren hat die KirchenZeitung über David, einen Autisten, geschrieben. Damals war David noch keine 18 Jahre alt. Heute ist er 42. Über Autismus bei Kindern bzw. Jugendlichen hört man gelegentlich. Aber wie leben Erwachsene mit dieser Behinderung?
David nahm wie jedes autistische Kind kaum Kontakt zur Außenwelt auf. Welche Ursachen Autismus hat, ist von der Wissenschaft noch nicht geklärt. Aber die verschiedenen Formen des Autismus und die Folgen sind umfangreich beschrieben. Und sie sind erlebbar. David und Goliath. Vor 25 Jahren hatte die Polizei einmal David mitgenommen. Er hatte Pickerl von einem Auto gekletzelt. Wenn wo Zettel klebten, hatte David den Drang, sie abzulösen, daheim und auch bei fremden Menschen. Alle Erklärungen der Mutter halfen zunächst nichts. Die Polizisten amtshandelten. Damals schrieb die KirchenZeitung: „David und Goliath“. Aus David ist ein Mann geworden. Goliath hat längst von ihm abgelassen, es gäbe auch keinen Grund für weitere Konfrontationen. David hat einen guten Platz im Diakoniewerk Gallneukirchen und wohnt seit elf Jahren in einer betreuten Wohngemeinschaft in Linz, nahe dem Haus seiner Mutter. Alle zwei Wochenenden kommt er heim.
Das Leben leben. Vor der Karwoche war David mit seiner Mutter auf Lanzarote. Am und im Meer ist er in seinem Element. Er liebt schwimmen. Überhaupt treibt er gerne Sport, auch Schi fahren oder rodeln, früher kletterte er mit einer Betreuerin der Wohngemeinschaft. So ist David ein Mann, der wie andere am Leben teilnimmt: Im Diakoniewerk trägt er Post aus, einmal in der Woche wird gewandert, einmal hat er Massagetermin und an einem anderen Tag geht er schwimmen. Er lebt halt zurückgezogen, in sich verschlossen.
Ein Hang zu Büchern. Was er denkt, was er fühlt, bleibt vielfach verborgen. Die Außenwelt bekommt von ihm kaum Signale. Autismus ist eine Störung, Wahrnehmung zu verarbeiten, sich auszudrücken, in Beziehung zu treten. Viele Autisten reden nicht oder kaum. Mutter Elfriede Pucher freut sich, wenn David einen Vier-Worte-Satz spricht. Etwa wenn er ein Bild erklärt: „Die Katze kommt heraus.“ Das ist schon etwas ganz Besonderes. Wie funktioniert dann die alltägliche Kommunikation? – „Ich erzähle ihm einfach alles“, sagt die Mutter. Ob er lesen kann, weiß sie nicht, denn er äußert sich nie so, dass es deutbar wäre. Aber sie glaubt, dass er lesen kann. Er wünscht sich auch immer wieder Bücher, besonders von Urlaubsländern. Dann kann es aber vorkommen, dass er solche Bücher zerreißt.
Schnappschüsse. Im Juli machen er und seine Mutter Urlaub auf Santorin. Es geht ans Meer, das ist bei Davids Begeisterung fürs Wasser und Schwimmen klar. Wann mit dem Campingbus gefahren wird, hat sich David ausgesucht. Die Mutter fragte ihn, ob er im Frühjahr oder im Herbst fahren wolle. David legte sich fest: „Im Herbst!“ Auf Urlaub oder bei Ausflügen ist gut erlebbar, dass sich David wohlfühlt. Ein besonderes Erinnerungs-Foto zeigt Elfriede Pucher gerne her, weil dieses Bild David sehr gerne mag. Darauf ist er mit seiner Mutter in einer Riesenrad-Kabine mit Wiener Hintergrund zu sehen. David blickt interessiert, aufmerksam und zufrieden nach oben. Ein anderes Bild hängt in Elfriede Puchers Wohnung an einem prominenten Platz. Die beiden Brüder – David und der vier Jahre jüngere Tobias – umarmen sich herzlich, brüderlich. Die beiden, sagt die Mutter, hatten immer ein gutes Verhältnis und haben es bis heute. Es passt alles. „Jetzt habe ich mich schon daran gewöhnt“, antwortet Elfriede Pucher auf die Frage, wie sie als Mutter mit so reduzierter Beziehungsmöglichkeit zu ihrem Sohn zurechtkommt. Nach einer kurzen Pause ergänzt sie: „Es passt alles.“ Natürlich hat es oft auch weh getan und tut weh. Viel ist der Ahnung überlassen, nicht dem Wissen, das aus Mitteilungen wächst: Geht es dem Sohn gut? Ist er traurig? Glücklich? Betrübt ihn etwas? Hat er einen Schmerz? – „Manchmal sagt er ‚weh‘“, erzählt die Mutter. Die Umwelt sollte einfach tolerieren, dass David anders ist. Etwa dass er, wenn sie in einem Gasthaus sind, extra sitzen will, an einem eigenen Tisch. Das hat einmal einem Kellner überhaupt nicht gepasst, dass die beiden zwei Tische benötigten. Nur mühsam gelang es der Mutter, den Widerstand der Bewirtung zu überwinden.