Der Liturgiewissenschafter Benedikt Kranemann hat in Linz ein Seminar über „Liturgie im Seelsorgeraum“ gehalten. Die KiZ sprach mit dem Erfurter Professor über den oft schmerzhaften Umbruch, den die Pfarren erleben: weg von der vertrauten Eucharistiefeier zu Wort-Gottes-Feiern.
Ausgabe: 2017/14
04.04.2017
- Josef Wallner
Schaut man auf die rapide sinkende Zahl der Gottesdienstbesucher/innen, wäre es da nicht naheliegender, über die Konzentration von Eucharistiefeiern nachzudenken? Wir machen uns über Aufrechterhaltung von Gottesdiensten in jeder einzelnen Pfarre Gedanken … Benedikt Kranemann: Wenn das so einfach wäre! Die Menschen hängen an den Kirchenräumen, mit denen ihre und die Lebensgeschichte ihrer Familie verbunden sind: wo sie getauft wurden, ihre Hochzeit gefeiert oder sich von ihren Toten verabschiedet haben. Ich weiß, das sind keine rein religiösen, sondern psychologische Gründe, aber deswegen nicht weniger ernst zu nehmen. Es wäre im Blick auf die Gesellschaft ein schlechtes Zeichen, wenn sich die Kirche für die Liturgiefeiern auf ganz wenige zentrale Kirchen konzentrieren würde. Menschen suchen für religiöse Fragen und für Feiern Ansprechpartner vor Ort.
Warum ist es aus theologischer Sicht notwendig und sinnvoll, dass an jedem Sonntag eine Gemeinde zum Gottesdienst zusammenkommt? Kranemann: Es ist alte kirchliche Tradition, dass Christinnen und Christen sich versammeln, um Gott zu loben und zu preisen. Gerade nach katholischem Verständnis ist es die Liturgie, die Kirche je neu entstehen und wachsen lässt. Darum halte ich es für unverzichtbar, dass es Gottesdienste vor Ort gibt und dass die Gemeinde zusammenkommt. Auch wenn es kleine Gruppen sind, die sich Sonntag für Sonntag um Christus herum versammeln, kann man so erleben, dass Kirche lebendig bleibt.
Erfülle ich die Sonntagspflicht, wenn ich an einer Wort-Gottes-Feier teilnehme? Kranemann: Das ist der Sonntagsgottesdienst der Gemeinde, und damit erfüllt man seine Sonntagspflicht. Man kann das nicht anders sagen.
Welche geistlichen Schwerpunkte finden sich in den Wort-Gottes-Feiern? Kranemann: Man versteht diese Feiern nur dann richtig, wenn man die Theologie des Wortes Gottes aufgreift, die das Zweite Vatikanische Konzil entwickelt hat. Das Konzil spricht vom Tisch des Wortes und vom Tisch des Brotes. Wir müssen als Kirche noch stärker verinnerlichen, dass es diese Gegenwart Christi im Wort gibt und dass Wortgottesdienste Gottesdienste sind, in denen man Jesus Christus begegnen kann.
Welche Form können die Gottesdienstfeiern haben? Kranemann: Dafür gibt es von den Bischofskonferenzen genehmigte Vorlagen für Wort-Gottes-Feiern. Ich möchte dazu aber etwas Grundsätzliches festhalten: Es muss ein theologisch dichter Gottesdienst sein, er muss in der Gestalt und Ästhetik dem angemessen sein, was gefeiert wird: nämlich dem Christusgeheimnis. Es muss eine Liturgie sein, die der Mittelpunkt der Gemeinde sein kann. Ich glaube, dass Menschen heute sehr sensibel reagieren, wenn mit Riten schludrig umgegangen oder eine aufgesetzte Sprache verwendet wird. Das ist eine große Herausforderung für die Vorbereitung und die Feier selbst.
Der erste Blick ging auf die Eigenständigkeit der Pfarren, aber es ist auch sinnvoll, manches im Seelsorgeraum gemeinsam zu feiern? Kranemann: Ja, unbedingt. Aber Umstrukturierungen in der Seelsorge dürfen nicht nur als administrative Akte empfunden werden, sondern als etwas, das spirituelle Bedeutung hat. Dadurch kann sich Kirche vor Ort dann als gestärkt erfahren.
Woran denken Sie da? Kranemann: Wir stehen vor dem Osterfest, da ist die Frage, wie man mit den Liturgien des Triduum Sacrum, von Gründonnerstag bis zum Ostersonntag, umgeht. Kann man möglicherweise gemeinsam Osternacht feiern? Es hängt sehr stark von den räumlichen Gegebenheiten ab, etwa ob es um Stadt- oder Landgemeinden geht.
Was ist mit dem Gründonnerstag? Kranemann: Das ist in diesem Zusammenhang eine sehr schwierige Liturgie. Gründonnerstag ohne Eucharistie zu feiern, ist kaum vorstellbar. Man kann auf das andere große Zeichen setzen: die Fußwaschung. Es gibt auch den Vorschlag, die Abschiedsreden Jesu in den Mittelpunkt zu stellen. Das kann ich mir vorstellen. Wichtig ist, dass es ein festlicher Gottesdienst ist, der am Abend stattfindet, und dass man des Letzten Mahles Jesu gedenkt. Wenn man schon keine Eucharistie feiern kann, könnte man ein Agapemahl anschließen. Dieses muss natürlich deutlich anders aussehen als die Eucharistie. Abraten würde ich von einer Kommunionfeier am Gründonnerstag.
Wäre am Gründonnerstag ein gemeinsamer Gottesdienst im Seelsorgeraum möglich? Kranemann: Denkbar und sinnvoll ist das, übrigens ebenso an anderen Tagen. Ich selbst lebe in Erfurt in einer Gemeinde, wo der erste Teil des Karfreitags-Gottesdienstes in der einen Kirche gefeiert wird und der zweite Teil, die Kreuzverehrung, in einer anderen Kirche mit einem Kreuzpatrozinium stattfindet. Es gibt eine Prozession dorthin. Mein Appell, der als Ermutigung zu verstehen ist: Man muss Fantasie entwickeln, was vor Ort machbar ist. Ich halte es für wichtig, dass Kirchenräume gerade an zentralen Tagen im Kirchenjahr nicht leer stehen.
Welche neuen Chancen können sich aus der aktuell schwierigen Situation ergeben? Kranemann: Mir ist hier eine Erfahrung aus Ostdeutschland wichtig: Man sollte darauf achten, dass man nicht nur nach innen in die Kirche hinein, sondern ebenso nach außen in die Gesellschaft schaut. Wo sind die Menschen außerhalb der Kirche? Für sie gilt es, ebenfalls Feierformen zu suchen und anzubieten. Zum Beispiel Segnungsfeiern für Neugeborene, deren Eltern nicht kirchlich gebunden sind, Feiern des Totengedenkens, an denen auch Konfessionslose teilnehmen können. Wichtig ist, danach zu schauen, was vor Ort notwendig ist. So kann Liturgie zum Ort der Diakonie und der Lebenshilfe werden. Jetzt ist auch der Zeitpunkt gekommen, dass man das, was das Konzil gemeinsames Priestertum aller Gläubigen nennt, noch ernsthafter in die Tat umsetzen muss. Es geht nicht um eine Auseinandersetzung zwischen geweihten Priestern und den anderen Getauften, sondern um das komplementäre Miteinander. Das scheint mir der zentrale Punkt zu sein. Und noch eine Chance sehe ich: Die Eucharistiefeier behält ihre unverzichtbare Bedeutung, aber wir sind herausgefordert, uns neu auf die Bedeutung des Wortes Gottes als eine zentrale Gegenwartsform Jesu Christi zu besinnen. Ich denke, dass das einer Verlebendigung des liturgischen Lebens zuträglich ist. Man kann zum Beispiel den ganzen Bereich der Andachten neu beleben.