Vom 25. bis 30. April 2017 findet in Linz das Filmfestival „Crossing Europe“ statt. Es ist eine Bestandsaufnahme des aktuellen europäischen Filmschaffens.
Ausgabe: 14/2017
04.04.2017
- Markus Vorauer
Geradezu seismografisch spiegelt „Crossing Europe“ seit nunmehr 14 Jahren die Erschütterungen wider, die die europäische Gemeinschaft einer gewaltigen Belastungsprobe unterziehen.
Auf den Punkt gebracht
Wenn es heuer bei „Crossing Europe“ von den rund 160 Spiel- und Dokumentarfilmen einen Film gibt, der die derzeitige Stimmung, die in Europa herrscht, auf den Punkt bringt, dann ist es „The Sun. The Sun blinded me“ des polnischen Regieduos Anka und Wilhelm Sasnal, dem auch das diesjährige Tribute gilt, in dessen Rahmen fünf Spielfilme und mehrere Kurzfilme präsentiert werden.
Das Paar verlegt die Handlung von Albert Camus’ berühmter Erzählung „Der Fremde“ in das heutige Polen, das sich ebenso mit Migrationsentwicklungen konfrontieren muss wie jedes andere Land in Europa. Der Fremde ist in diesem Fall Rafał Mularz, der sich sein Leben so eingerichtet hat, dass er sich von der Welt um ihn herum abschotten kann, bis er eines Tages bei einer seiner Laufrunden mit einem vom Meer angeschwemmten Immigranten konfrontiert wird. Bestechend ist, wie die Filmemacher Sasnal scheinbar beiläufig die xenophobe Stimmung in Polen einfangen, dabei aber jeglichen Sozialrealismus meiden.
Angst macht sich breit
Ansonsten dominiert in der Erzählhaltung vieler Filme im heurigen Festivalprogramm die möglichst exakte Wiedergabe der Lebensrealitäten im heutigen Europa, in dem sich, wie die Festivalleiterin Christine Dollhofer in ihrer Präsentation des Festivals betont hat, vor allem Angst breitmacht: Angst vor den Fremden wie in „Chez Nous/This is our land“ von Lucas Belvaux, in dem eine Krankenpflegerin für eine patriotische Wahlbewegung kandidiert – ein passender Beitrag zum derzeitigen Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich –, Angst vor Terrorangriffen wie in „El Bar“, dem neuen Film von Álex de la Iglesia, wo eine Gruppe von Menschen sich in paranoiden Verhaltensweisen verstrickt, Angst vor gesellschaftlichen Umbrüchen wie in „Tereddüt/Clair Obscur“, dem neuen Film von Yesim Ustaoglu (der türkischen Regisseurin ist ebenfalls eine Werkschau gewidmet), in dem sie vom Kampf zweier Frauen unterschiedlicher sozialer Herkunft erzählt, die sich gegen die männliche Gewalt zu stellen versuchen.
Im fünften Eröffnungsfilm „Rodnye/Close Relations“ von Vitaly Mansky spiegelt sich die komplizierte Situation postsowjetischer Entwicklungen. Der Regisseur, russischer Staatsbürger, aber geboren in der Ukraine, mit Vorfahren aus Polen und Litauen, begibt sich auf eine Reise, um herauszufinden, wie es zu den derzeit schwelenden Konflikten in dieser geografischen Region kommen konnte.
Filme aus Bulgarien
Besonders hingewiesen sei auf zwei beklemmende bulgarische Filme, die lakonisch die Nöte ihrer unterprivilegierten Protagonisten fokussieren: In „Slava/Glory“ des großartigen Regieduos Petar Valchanov und Kristina Grozeva findet ein Bahnarbeiter Millionen von Lew auf den Schienen und beschließt, diese der Polizei zu übergeben. Er wird dafür mit einer schäbigen Armbanduhr belohnt, während die völlig gestresste PR-Leiterin des Transportministeriums seine alte Uhr, die ein Familienerbstück ist, verliert. Der Kampf des Bahnarbeiters, seine alte Uhr wiederzubekommen, wird nach und nach zu einem absurden Drama. In „Godless“ von Ralitza Petrova verkauft eine Krankenschwester die Identitäten ihrer Patienten auf dem Schwarzmarkt, um ihr Gehalt etwas aufzubessern. Die existenzielle Not und der Arbeitsdruck, so zeigen diese Filme, treiben die Menschen zu Handlungen, die jeglicher moralischer Haltung entbehren.