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Wie viel Auto braucht der Mensch?

Der Automarkt in Europa bricht seit einem Jahr ein. Eine Hiobsbotschaft – oder eine gute Nachricht?
Ausgabe: 2012/46, BMW, Arbeit, Wirtschaft, Krise, Auto, Automarkt, Hödlmayr
13.11.2012
- Matthäus Fellinger
Alles dreht sich um das Auto. Wohlstand ist eng mit dem Auto verbunden. Wo keine Straßen hinführen, dort wohnt die Armut, oft das Elend. In weiten Teilen Osteuropas ist es so. Abseits der Durchzugsrouten verarmen die Dörfer. In der sogenannten Dritten Welt ist es auch so. Und in Mitteleuropa? Da beginnen sich vor allem die Bewohner der Städte zu wehren gegen die Dominanz des Autos. Bahnt sich eine Wendezeit an?

Elf Prozent weniger. In den letzten Wochen gehen Schlagzeilen durch die Zeitungen Euro­pas. Die Absatzzahlen brechen ein. Im September 2012 wurden innerhalb der Europäischen Union elf Prozent weniger Autos verkauft als im September 2011. In Frankreich gibt es sogar einen Rückgang von 20 Prozent. Schon seit Oktober 2011 sind die Zahlen rückläufig. Hiobsbotschaften sind das für jene, die von der Entwicklung der Branche leben. Ein Hoffnungsschimmer ist es für andere, die im zunehmenden Individualverkehr die Umweltgefahr schlechthin sehen.
Die Autobranche ist zu einem der wichtigsten Faktoren einer funktionierenden Weltwirtschaft geworden. Absatzeinbrüche bedeuteten mehr Arbeitslosigkeit. Ganze Volkswirtschaften geraten ins Schwanken. Der größte Autobauer der Welt, General Motors, konnte 2009 nur durch die Mehrheitsübernahme durch den Staat mit sehr viel Steuergeld gerettet werden.

Beispiel Hödlmayr. Eine Hiobsbotschaft bedeuten die rückläufigen Absatzzahlen für Zulieferer und Branchen, die vom Auto leben. Die Firma Hödlmayr in Schwertberg etwa bekommt die Absatzkrise heuer zu spüren. Möglichst rasch die Neuwagen vom Fließband zum Autohändler zu bringen, ist das Geschäft des europaweit tätigen Logistik-Unternehmens. 590 Spezialtransporter mit dem Hödlmayr-Schriftzug sind auf Europas Straßen unterwegs. 2011 haben sie rund 1 Mil­lion Fahrzeuge an die Händler geliefert. 20 der Spezialtransporter schickt Firmenchef Johann Hödlmayr nun in die Türkei – einen Hoffnungsmarkt der Autobranche. Das „China Europas“ nennt es Hödlmayr, der den Betrieb von seinem Vater übernommen hat. Dieser hatte die Firma 1954 quasi als Nebenerwerb zur Landwirtschaft gegründet. 1300 Mitarbeiter/innen beschäftigt Hödlmayr heute.
Ob ein Zwischentief oder der Beginn einer langfristigen Entwicklung, lässt sich noch schwer ausmachen. Europa setzt indes auf weiteres Wachstum: Antonio Tajani, Vizepräsident der Europäischen Kommission, kündigte erst am 8. November eine „Anschubhilfe“ für Europas Autoindustrie an. Mit Sicherheit und Umweltverträglichkeit will man am internationalen Markt punkten. Aber: Wird damit nicht die Abhängigkeit vom Auto nur verlängert – und die Grundproblematik der nächsten Generation aufgehalst?

Beispiel BMW in Steyr.
Wie Hödlmayr sind auch andere österreichische Unternehmen von der Autokonjunktur abhängig. Über 4000 Beschäftigte arbeiten in Österreich für BMW. Das Dieselmotoren-Entwicklungszentrum in Steyr ist ein Herzstück des Konzerns. BMW ist die Ausnahme unter den europäischen Produzenten: Auch in den letzten Krisenmonaten weist der Konzern ein deutliches Plus auf. Aber: „Das Umfeld, in dem wir agieren, wird immer rauer“, meint Michael Ebner von BMW Steyr. In vielen Ländern ginge das Wachstum deutlich zurück, der Wettbewerb werde intensiver. Die weltweit vereinbarten CO2-Ziele – so Ebner – bedeuten für den Motorenerzeuger eine besondere Herausforderung. Mit internationalem Engagement konnte BMW die Absatzkrise in Europa abfedern.

Autofasten. Für Menschen, die den Individualverkehr als großes Umweltübel sehen, bedeuten rückläufige Zahlen einen Hoffnungsschimmer. Nur mit technologischen Weiterentwicklungen würde man den tatsächlichen Problemen nicht begegnen können, sagen Kritiker. Dass innerhalb von nur vier bis fünf Generationen der in Millionen von Jahren aufgebaute Vorrat an Erdöl verbraucht wird, gibt doch zu denken. Die Abhängigkeit vom Auto geringer zu machen, ist eine Herausforderung für eine ganze Generation. Auch kirchliche Initiativen versuchen gegenzusteuern, etwa mit der österreichweiten ökumenischen Aktion „Autofasten“ – mit bis jetzt noch bescheidenen Erfolgen. Aber dafür gibt es auch keine „Anschubhilfen“ aus der Europäischen Union.
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