Die Schachteln sind gepackt. Jetzt kann Sr. Kunigunde Fürst nur noch warten – auf die Aufenthaltsgenehmigung für Kasachstan. Die ehemalige Generaloberin der Franziskanerinnen von Vöcklabruck wird in ein Dorf in der weiten Steppe übersiedeln.
Was packt man für einen Umzug nach Kasachstan ein? Sr. Kunigunde Fürst: Mich selbst vor allem und etwas Warmes zum Anziehen. Denn im Winter kann das Thermometer schon einmal auf –40 Grad fallen.
Was haben Sie sonst noch in den Koffer gegeben? Sr. Kunigunde: Natürlich die Bibel, dann das Konzilskompendium, eine Biografie des heiligen Franziskus und der heiligen Klara und das Ökumenische Sozialwort der christlichen Kirchen Österreichs – Sie wissen schon, dieses Buch mit dem blauen Umschlag. Das mag ich ganz besonders, weil es mir viele konkrete Handlungsanweisungen gibt. Und dazu kommen noch Putztücher und Teelichterl. Das haben mir meine beiden Mitschwestern, die in Tonkoschurowka leben, aufgetragen.
Fällt das Abschiednehmen schwer? Sr. Kunigunde: Nein, denn ich habe das Gefühl: Gut, dass ich einmal von hier wegkomme und Neues in den Blick nehmen kann. Zurzeit versuche ich Russisch zu lernen. Doch über die 14. Lektion bin ich nicht hinausgekommen. Das Warten auf die Aufenthaltsgenehmigung fällt mir schwer. Ich bin es nicht gewohnt, dass andere über mich bestimmen und ich Entscheidungen nicht in der Hand habe. Doch wenige Tage vor Adventbeginn sage ich mir: Ich will ein adventlicher Mensch sein und das Warten lernen. Was werden Sie in Kasachstan tun? Sr. Kunigunde: Es ist schön zu wissen, dass sich meine Mitschwestern, Sr. Agnes und Sr. Herma, schon auf meine Ankunft freuen. Ich werde in unserer kleinen Gemeinschaft mitleben und für die Leute des Dorfes da sein, mich womöglich auch um die Kinder annehmen. Dann werde ich auch am Schulzentrum St. Lorenz, das wir Franziskanerinnen mit dem in Blindenmarkt (NÖ) ansässigen Orden „Servi Jesu et Mariae“ führen, Deutsch unterrichten. Zu Beginn meines Aufenthalts kann ich P. Leo Kropfreiter auf seiner Pastoralreise durch die Region begleiten. Er besucht Gemeinschaften und Familien. Wir werden bei Familien wohnen und so den Leuten nahe sein können. Sie gehen mit 68 Jahren nochmals als Lehrerin in die Schule … Sr. Kunigunde: Ja, weil mir die Bildung ganz wichtig ist. In Kasachstan und genauso in Österreich. Denn Bildung macht die Menschen offen, macht sie großzügig im Urteil und gibt ihnen Weitblick. Die Bildung befähigt zum Querlesen und Querdenken – diese Tugenden sind für die Gesellschaft enorm wichtig. Dazu möchte ich beitragen – ganz im Geist unseres Ordens.
Wörtlich
Orden als Vorreiter
Bei der Ordenstagung in der vergangenen Woche in Wien hat Sr. Kunigunde Fürst das Amt der Präsidentin der Frauenorden Österreichs abgegeben, das sie vier Jahre lang ausgeübt hat. Über die Bedeutung der Orden für die Kirche sagt sie: „Der Grazer Pastoraltheologe Rainer Bucher hat bei dieser Tagung in Lainz betont, dass Orden eine innerkirchliche Vorreiterrolle haben. Dem stimme ich voll und ganz zu. Wir sind nicht so belastet wie die Kirche als Ganzes, wir können leichter etwas ausprobieren und verändern. Konkret heißt das zum Beispiel: Orden können und sollen Menschen die in der Kirche nach Wegen der Veränderung und Erneuerung suchen, geschützte Räume biete,. Und wir können Räume der Ruhe jenen bieten, die aus dem Stress des Alltags aussteigen wollen.“ Zum gesellschaftlichen Platz der Orden sagt Sr. Kunigunde Fürst:
„Wir Ordensleute müssen ein Gespür für die sozialen und gesellschaftlichen Brennpunkte entwickeln und dorthin auch gehen. Um nur einige Initiativen herauszugreifen: Die Wernberger Schwestern sind in der Asylarbeit sehr aktiv, wir Franziskanerinnen haben das Haus Lea gegründet. Und im Oktober 2012 haben sechs Frauenorden in Wien eine Schutzwohnung für Prostituierte eingerichtet. Als Orden sollten wir auch den Mut haben, uns über unsere eigene Religion und Kultur hinaus mit anderen engagierten Menschen zu vernetzen.“