„Ich war im Theater und habe fast nichts verstanden“ – Was Frau Marianne bei der Selbsthilfegruppe „Gemeinsam ganz Ohr sein“ schildert, kennen viele schwerhörige Menschen: Sie sind mittendrin und doch am Rand.
Ausgabe: 2012/49, Schwerhörig, Selbsthilfegruppe, Margit Gusenbauer, Hörgerät, Beeinträchtigung
„Ich verstehe viele Durchsagen nicht, zum Beispiel wenn beim Arzt die Namen aufgerufen werden“, ergänzt Marianne mit einem weiteren Beispiel Auswirkungen ihrer Schwerhörigkeit. Allen in der Gruppe, die am 28. November zum monatlichen Treffen im Pfarrheim der Stadtpfarre Urfahr zusammenkommt (die Pfarre hat seit Jahren ein gutes Ohr für die Bedürfnisse von hörbeeinträchtigten Menschen), fallen noch viele weitere Folgen ihrer Beeinträchtigung ein. Das Bitterste ist nicht, nicht zu verstehen, sondern falsch verstanden zu sein.
Schwer hören. Schwerhörige Menschen sind nicht schwer von Begriff, wie vorschnell etliche gut Hörende denken, sondern sie hören schwer die gesprochenen Begriffe. Sie hören nicht nur leiser, sie kämpfen ihr Ohr auch durch ein Dickicht von sich überlagernden Geräuschen. Ihre Fantasie muss ein Klangbild interpretieren, das als Puzzle daherkommt, in dem Teile fehlen, die der Raum untergehen ließ. Nebengeräusche können zu Haupt-„Informationen“ werden, die das Gesagte verschütten. „Wir Schwerhörigen versuchen alle, viel zu raten. Oft habe ich auch danebengeraten“, sagt Marianne.
Schwerhörigkeit sieht man nicht. Frau Eva bittet wegen Hör-Problemen, das Mikrofon auszuschalten. Margit Gusenbauer, die als Leiterin der Selbsthilfegruppe das Gespräch moderiert und das Mikrofon herumreicht, schaltet es aus. „Jetzt hör ich besser“, sagt Eva und erzählt von ihrer typischen Altersschwerhörigkeit, die schon vor 20 Jahren begonnen hat. Sie ist zudem auch stark sehbehindert. „Aber das Schlecht-Hören ist wesentlich unangenehmer als das Schlecht-Sehen“, sagt sie. „Schwerhörigkeit sieht man dem Menschen nicht an. Dass ich schlecht sehe schon. Ich gehe mit einem Blindenstock.“ Nicht verstecken, d'rüber reden! „In der Selbsthilfegruppe habe ich das erste Mal Menschen kennengelernt, die über ihre Beeinträchtigung reden“, erzählt Marianne. Viele schwerhörige Menschen schämen sich anfangs und verstecken ihre Behinderung, nehmen kein Hörgerät. So war es auch bei Margit Gusenbauer. Sie hat die Schwerhörigkeit zunächst nicht gemerkt, dann hat sie diese vertuscht, weil sie sich geschämt hat. „Dabei wäre es so wichtig, d'rüber zu reden. Erst dann kann man sagen, was man braucht. Zum Beispiel ein Handzeichen, damit ich weiß, wer gerade spricht.“ Längst haben alle in der Selbsthilfegruppe Hörgeräte. Die Induktionsanlage im Pfarrheim und das Reden in ein Mikrofon erleichtern das Gespräch. Mindestens so wichtig sind langsames Reden und der Blickkontakt.
Man muss Abstriche machen. In der Selbsthilfegruppe werden Informationen über technische Hilfen wie Hörgeräte weitergegeben. Frau Eva hat schon einige Hörgeräte probiert. Jetzt hat sie das Neueste und ist sehr zufrieden. „Aber wie ein angeborenes Gehör funktioniert es nicht. Man muss schon Abstriche machen. Und den Mut haben, Gesprächspartner zu bitten, lauter zu reden, deutlich zu sprechen.“ „Ich brauche halt länger, um zu verstehen und länger, um zu antworten. Da werden manche ungeduldig“, sagt Michael.