Franz Kehrer ist der neue Caritas-Direktor. Mit der KirchenZeitung sprach er über das Ignorieren von der Armut nebenan, die Bedeutung von Palatschinken-Kochen und eine neue Kultur im politischen Miteinander.
Was werden in naher Zukunft die großen Herausforderungen für die Caritas sein? Dir. Franz Kehrer: Sicher geht es um die Generationen-Solidarität. Wichtig sind die Themen Pflege, Familie, Kinderbetreuung, Menschen mit Behinderungen. Wie können wir genügend Menschen für diese Arbeitsbereiche finden und die notwendigen Mittel von Seiten der Gesellschaft bereitstellen? Was geschieht zum Beispiel für jene Familien, in denen hochbetagte Menschen ihre ebenfalls schon relativ alten Kinder mit Behinderungen betreuen? Bleiben wir beim Thema „Familie“. – Worauf sollte sich die Gesellschaft einstellen? Viele Aufgaben, die früher in den Familien geleistet wurden, werden ausgelagert: Erziehung, Pflege, Betreuung. Wir können noch nicht so richtig damit umgehen, vor allem, wenn es etwas kostet. Über die ganze Menschheitsgeschichte waren das ja Gratisleistungen, erbracht von Familienmitgliedern.
Reagieren müsse die Caritas auch auf Defizite in der Haushaltsorganisation, sagten Sie jüngst. Die Familienhilfe nimmt wahr, dass in manchen Familien und Haushalten früher selbstverständliche Dinge nicht mehr bekannt sind. Etwa dass man zum Palatschinken Kochen kein Rezept braucht. Manche Familien kennen nur noch Gewärmtes aus der Mikrowelle. Oft überfordert Erziehungsarbeit, daraus entstehen psychische Belastungen und Konflikte. Da muss die Ausbildung reagieren, um Grundwissen wieder in die Familien zu bringen. Im Bereich Pflege hat die Caritas OÖ die meisten Mitarbeiter/innen beschäftigt. Wird es – etwa bei den Altenheimen – noch Erweiterungen geben? Die Caritas führt vier Alten- und Pflegeheime. Seitens der Caritas gibt es aktuell keine Überlegungen bezüglich weiterer Heim-Standorte. In Oberösterreich ist die Betreuung alter Menschen auf einem hohen Niveau. Es muss aber noch mehr getan werden, um pflegende Angehörige zu unterstützen. Natürlich hat die Caritas auch in Zukunft eine wichtige Rolle, modellhaft etwas im Bereich der Pflege anzustoßen. Darüber hinaus gibt es viele andere Herausforderungen für unsere Arbeit. Das wären zum Beispiel? Das Thema „Armut“. Viele haben verlernt, Armut zu sehen. Es ist eine Caritas-Aufgabe, den Blick für die Armut zu schärfen. Sehe ich sie? Will ich sie sehen? Und wenn ich sie sehe – wie gehe ich damit um? Hier sind die Pfarren Orte des Blick-Schärfens. Oder das Thema „Wohnen“. Ich sehe mit Sorge, dass Wohnen als Geldanlage betrachtet wird. Damit Wohnung für jemanden Profit bringt, muss ein anderer dafür zahlen. Wohnen wird immer teurer, vielen zu teuer. Caritas als barmherzige Samariterin oder als zornige Prophetin, die Armuts- und Ausgrenzungs-Missstände benennt, oder als strategische Verhandlungspartnerin der Politik: Welches Caritas-Bild soll vorherrschen? Es braucht alles: die tätige Nächstenhilfe (barmherzige Samariterin), das Stellung-Beziehen und Änderungen-Einmahnen, wenn‘s nottut, auch kräftig, und das Verhandeln, wodurch die Caritas denen, die kaum gehört werden, zu einer Stimme verhilft.
Was wäre eine gute Botschaft in einem Jahr? Dass ein Aufbruch Richtung spürbar ist, dass so Kräfte frei werden, die Arbeitslosigkeit und die Armut einzudämmen.
Zur Person
Franz Kehrer, MAS, folgte zu Jahresbeginn 2013 Mathias Mühlberger als Direktor der Caritas OÖ nach. Kehrer ist seit 14 Jahren in der Caritas tätig, zuletzt als Leiter des Bereiches Mobile Familien- und Pflegedienste. Davor war er Organisationssekretär der Katholischen Jungschar bzw. Geschäftsführer des Vereins zur Förderung freiwilliger sozialer Dienste. Franz Kehrer lebt in Ottensheim, ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern.