Religion „kann sowohl Vehikel als auch Störfaktor für den Integrationsprozess sein“, sagt der Afro-Wiener Espérance-François Bulayumi. Der gebürtige kongolesische Schriftsteller setzt seit Jahrzehnten auf die positive Kraft der Religion.
Ausgabe: 2013/02, Pastoraltagung, St. Virgil, Salzburg, Nachbarschaftshilfe, Salonrassismus, Dr. Espérance-François Bulayumi
08.01.2013
- Susanne Huber
Migration hat es weltweit immer gegeben. Die Suche nach besseren Arbeitsbedingungen oder auch Kriege, Verfolgung und Vertreibung veranlassen Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen. Die Integration von Zuwanderern gestaltet sich im Aufnahmeland aber oft schwierig. Angst vor dem Fremden führt zu Vorurteilen und Ausgrenzung. „Wenn Menschen als Migranten in ein fremdes Land kommen, bringen sie in ihrem Rucksack auch ihre Religion und Kultur mit. Und das kann nicht einfach negiert werden“, sagt Espérance-François Bulayumi, Bildungsbeauftragter des Afro-Asiatischen Instituts in Wien. Vehikel oder Störfaktor. Angesichts der Integrationsdebatte in Europa „ist Religion wieder aktuell geworden und ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Für den Integrationsprozess kann Religion einerseits ein Vehikel, eine Chance sein“, so Bulayumi. „Die erste Adresse, an die sich Migranten im Aufnahmeland wenden, sind sehr oft die Religionsgesellschaften, die ihnen Tür und Tor öffnen und ihnen begleitend und hilfreich zur Seite stehen. Religion spielt in dieser Hinsicht eine positive, wichtige Rolle als Weg zur Integration.“ Andererseits kann Religion aber auch ein Störfaktor sein. „Häufig sind es Jugendliche der zweiten, dritten Generation von Migranten, die hier in Österreich oder in Europa geboren sind und in ihrer neuen Heimat keinen Platz finden. Wenn sie in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen, nicht wirklich aufgenommen oder ernst genommen werden oder ihre Eltern sehr dominant sind, dann stören sie, versuchen gegen die Religion ihrer Eltern zu protestieren und sind auch leichte Beute für Extremismus. Integration ist dann schwer möglich.“ Nachbarschaftshilfe. Integration ist nicht nur eine Sache der Politik und der Gesetze. Integration gelingt auch durch gute Nachbarschaftshilfe. Das weiß Espérance-François Bulayumi aus eigener Erfahrung. Von 1988 bis 1996 arbeitete der Kongolese als Pfarrvikar bei der Evangelisch-Methodistischen Kirche im 15. Bezirk in Wien. „In der Nähe der Kirche gibt es ein Altersheim und rundherum im Bezirk waren viele Kinder aus türkischen und ex-jugoslawischen Migrantenfamilien, die Probleme in der Schule hatten. So habe ich die Pensionisten, unter ihnen ehemalige Deutschlehrer, gefragt, ob sie diesen Kindern stundenweise an Nachmittagen in der Pfarre bei den Hausaufgaben helfen, mit ihnen lernen und spielen. Sie waren damit einverstanden und das hat wunderbar funktioniert.“ Salonrassismus. Vorurteile gegenüber Migranten sind auch in Österreich gang und gäbe. „Ich habe weniger ein Problem damit, wenn Leute mich auf der Straße als ,Neger‘ beschimpfen, als vielmehr mit dem vorherrschenden Salonrassismus. Damit meine ich, dass die Leute dich spüren lassen, dass du für sie ein Bittsteller bist. Das ist noch schlimmer als die Vorurteile, denen man auf der Straße begegnet“, sagt Espérance-François Bulayumi. Er kenne viele hochgebildete Menschen, die nicht wahrgenommen werden oder denen Informationen verweigert werden, weil sie eine andere Hautfarbe haben. „Es ist leichter das Meer und hohe Sperrmauern zu überwinden, als nach der Überwindung der physischen Hürden das Leben würdevoll zu gestalten“, so der Schriftsteller. Barrieren auflösen. Entscheidend ist laut Bulayumi etwas gegen die bestehenden Voreingenommenheiten zu tun. „Meine Philosophie ist, wenn ich merke, jemand hat mir gegenüber unbegründete Vorurteile, dann versuche ich zu zeigen, wer ich wirklich bin. Wegen meiner Hautfarbe ist es oft so, wenn man mich sieht, aber noch nicht hört, dann ist automatisch eine Barriere vorhanden. Deshalb versuche ich durch Kommunikation diese Barriere aufzulösen. Das gelingt, sobald die Leute hören, dass ich ihre Sprache spreche.“ Gemeinsamkeiten suchen. Von seinem Großvater hat der Afro-Wiener, wie er sich selbst bezeichnet, folgendes gelernt: „Wenn du in ein fremdes Land gehst und dort lebst, dann musst du lernen so zu tanzen wie diese Leute. Wenn sie ihren Tanz mit dem linken Fuß beginnen, dann sollst auch du den Tanz so beginnen, um nicht zu provozieren. Später kannst du dann von deiner Kultur erzählen und sagen, bei uns im Kongo beginnen wir den Tanz mit dem rechten Fuß.“ Integration brauche Zeit, funktioniere nicht wie eine Einbahnstraße und der Dialog sei wichtig, so Bulayumi. „Meine Vision ist, nach Gemeinsamkeiten in den abrahamitischen Religionen, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam, zu suchen. Und diese Gemeinsamkeiten könnten uns einander näher bringen und zu Frieden führen.