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Schicksalsjahr 1938: Jetzt gilt es, die Erinnerungen zu bergen

Vor 75 Jahren – in den ersten Monaten des Jahres 1938 – spitzte sich das Ringen um Österreich dramatisch zu: Kanzler Schuschnigg kam niedergeschlagen vom Treffen mit Hitler am 12. Februar zurück. Einen Monat später marschierten deutsche Truppen in Österreich ein.
Ausgabe: 2013/03, NS-Machtübernahme, Schicksalsjahr, Erinnerungen, Schuschnigg, Nationalsozialismus, Hirtenbrief, Priester, Ordensleute, Laien
15.01.2013
- Ernst Gansinger
Für die Ereignisse vor 75 Jahren gibt es noch lebende Zeitzeugen in den Pfarren und Gemeinden. In manchen kirchlichen Chroniken könnten auch Hinweise zu finden sein: Wie hat sich der Pfarrer verhalten, was war Thema bei den Sonntagsgottesdiensten, gab es besondere Vorkommnisse? Die KirchenZeitung lädt ein, Zeugen und Zeugnissen nachzugehen. So weit es unsere Platzverhältnisse erlauben, werden wir Erinnerungen, die auf diese Weise geborgen und uns übermittelt werden, im Gedenkjahr 1938 – 2013 veröffentlichen.

„Die Pfaffen zählen nicht“.
„Der Kirche Oberösterreichs blieb die Auseinandersetzung nicht erspart“, schrieb Rudolf Zinnhobler in der Einleitung zu dem von ihm herausgegebenen Buch „Das Bistum Linz im Dritten Reich“. Die nicht ersparte Auseinandersetzung begann schon vor dem Einmarsch und setzte sich dann in vielen Konflikten fort.
In eben diesem Einführungs-Text geht Zinnhobler auf eine Begebenheit ein, die sich in der NS-Zeit in Losenstein zugetragen hat. Kinderreiche Mütter wurden dort mit dem Mutterkreuz geehrt, so auch die Mutter der bekannten Kronsteiner-Familie. Der Ortsgruppenleiter meinte: „Und Sie, Frau Kronsteiner, bekommen das ‚Goldene‘ für Ihre sieben Kinder.“ Als diese erwiderte, dass sie elf Kinder habe, bekam sie zur Antwort: „Die vier Pfaffen zählen nicht!“  

Der „Anschluss“. Der damalige Linzer Bischof Johannes Maria Gföllner hatte 1933 ­einen Hirtenbrief gegen den Nationalsozialismus herausgegeben. Am 18. März 1938 aber hat er mit den anderen österreichischen Bischöfen in einer „feierlichen Erklärung“ aufgerufen, bei der für den 10. April 1938 angesetzten Abstimmung über den (vollzogenen) Anschluss mit „Ja“ zu stimmen.
Die Empfehlung der Bischöfe wurde oft kritisiert. Sie kam aber – gerade auch bei Gföllner – aus der Sorge, Schlimmeres zu verhindern. Das noch Schlimmere trat jedoch ein.

Priester, Ordensleute, Laien. Die Kirche wurde in die Sakristei zurückgedrängt. Im Klerus der Diözese gab es viele Opfer – 141 Priester wurden länger als einen Monat in Haft genommen, 300 wurden gemaßregelt. Etwa 30 Priester und Ordensbrüder mit Oberösterreich-Bezug haben für ihre Haltung mit dem Leben bezahlt: Matthias Spanlang aus St. Martin im Innkreis zum Beispiel, der Mariannhiller Hubert Engelmar Unzeitig, der Karmelit Paulus Wörndl, der Jesuit und Kaplan in Bad Schallerbach Johann Schwingshackl, der Direktor des Linzer Blindeninstitutes Johann Gruber und Pfarrer Josef Forthuber aus Friedburg. Gläubige Laien wurden Opfer – Franz ­Jägerstätter etwa wurde 1943 hingerichtet.

Stifte, Klöster. Verschiedene Einrichtungen der Pfarren, der Diözese und der Orden sind sehr bald in schwierige Situationen gekommen. So  berichtet Josef Honeder im angesprochenen Zinnhobler-Buch vom Schicksal des Petrinums in Linz: Bereits in den ersten Tagen nach dem Anschluss wurde die Vorstehung des Petrinums ersucht, etwa 100 Soldaten im Haus Unterkunft  zu gewähren. Schon am 22. März wurde der Quartier-Bedarf erweitert, 300 Soldaten waren unterzubringen. Der Magistrat Linz ordnete dann am 3. Juni 1938 an, dass alle Räume des Petrinums auf unbestimmte Zeit für militärische Unterkünfte zur Verfügung zu stellen sind.
Noch im Juli wurde den kirchlichen Schulen das Öffentlichkeitsrecht entzogen. Am 9. September wurde mit sofortiger Wirkung das Petrinum geschlossen. Andere kirchliche Schulen und Internate, etwa das Franziskaner-Konvikt Vogelsang in Steyr, erlitten das gleiche Schicksal. Ab 1939 wurden Stifte beschlagnahmt.

Pfarren, Diözese. Aus Kopfing stammt ein Bericht über einen Gesinnungswandel mit schwerwiegenden Folgen: Als im März 1938 die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, war Pfarrer Anton Matzinger zuerst ein begeisterter Anhänger der neuen Ideologie. Er hielt Wahlreden für die Volksabstimmung vom 10. April 1938. Bald erkannte Matzinger aber das wahre Gesicht des Nationalsozialismus und aus einem Befürworter wurde ein entschiedener Gegner. Matzinger wurde 1941 verhaftet und war lange Zeit in Untersuchungshaft.

Statt des Bischofs. Schon am 13. März 1938 wurde Dr. Franz Ohnmacht festgenommen. Er war ein enger Vertrauter von Bischof Gföllner und Generaldirektor der Katholischen ­Aktion, bis 1936 war er im oö. Landtag und pflegte – wie Franz Rohrhofer in seinem Buch (siehe Seite 3) vermerkt, auch Kontakte zu den Sozialdemokraten. Seine Festnahme geschah gewissermaßen stellvertretend für den Bischof, an diesen wagte man sich nämlich nicht heran.  

- Schicken Sie Ihre Erinnerungen an KirchenZeitung, Kapuzinerstraße 84, 4020 Linz,. E-Mail: office@kirchenzeitung.at
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