Medizinische Hilfe aus Österreich im Grenzgebiet Pakistans
Unterernährung ist im Nordwesten Pakistans ein großes Problem. Bis vor zwei Jahren gab es dort für den Großteil der Bevölkerung keine leistbare medizinische Versorgung. Das hat sich mit Hilfe aus Österreich geändert.
Honig mit Kräutern beruhigt. Und er gibt das Gefühl, satt zu sein. Das süße Imkerprodukt Babys um den Mund oder auf den Schnuller zu streichen ist unter vielen pakistanischen Müttern vor allem in Armutsregionen weit verbreitet. Damit die Kinder still sind und nicht vor Hunger schreien.
Unterernährung. Das ist die häufigste Diagnose in der Ambulanz „Mera Baghbanan“. Die Gesundheitsstation liegt in einem von Armut geprägten Gebiet mit 250.000 Einwohnern im Nordwesten Pakistans nahe der afghanischen Grenze. Im Durchschnitt heiraten die jungen Frauen dort mit vierzehn, bekommen das erste Kind mit fünfzehn und bringen insgesamt sieben bis neun Kinder zur Welt. Nach der vierten oder fünften Geburt können sie ihre Kinder nicht mehr stillen oder mit Babynahrung ernähren. „Das bedeutet für diese Kinder, dass ihre Ernährung von Geburt an schon rückständig ist und ihnen etwas fehlt. Häufig wird ihnen Kräuterhonig um den Mund geschmiert, um das Hungergefühl zu lindern. Das ist aber sehr problematisch, weil die Kinder dadurch viel zu wenig essen“, erzählt Jakob Steiner. Der Innsbrucker ist Projektleiter der Ambulanz „Mera Baghbanan“ und Mitarbeiter der Organisation „proLoka“ mit Sitz in Innsbruck, die gemeinsam mit der NGO „Hope87 Pakistan“ die Ambulanz im Jänner 2011 ins Leben gerufen hat.
Leistbare medizinische Versorgung
Der Fokus des kleinen Ambulanzteams – ein Arzt, eine Ärztin, zwei Krankenschwestern, zwei Sozialarbeiter und ein Laborant – liegt bei unterernährten Kindern und Müttern. Neben medizinischen Untersuchungen, Behandlungen, Beratungen, Beobachtungsprogrammen und Impfkampagnen werden auch Stillkurse angeboten. Zwei Krankenschwestern sind außerdem regelmäßig unterwegs, um direkt in den 50 kleinen Dörfern und an den 70 Schulen der Umgebung Hygiene und Gesundheitsworkshops durchzuführen. „Viele Krankheiten werden durch verschmutztes Wasser übertragen. Deshalb ist der Zusammenhang zwischen Hygiene, Ernährung und Gesundheit ein besonders wichtiger Punkt der Ambulanz“, so Jakob Steiner. Ziel ist, eine leistbare grundlegende medizinische Versorgung der lokalen Bevölkerung sicherzustellen, die in der Region in der Art fehlt, für die es aber eine große Nachfrage gibt. Insgesamt werden etwa 1200 Patientinnen und Patienten betreut.
Shamshatoo, das große Flüchtlingslager
Nicht weit von der Ambulanz entfernt befindet sich Shamshatoo, eines der größten Flüchtlingslager weltweit. Es wurde Ende der 70er Jahre wegen des Afghanistan-Krieges errichtet. Nach wie vor gibt es dort etwa 100.000 Flüchtlinge aus Afghanistan, die sich im Laufe der Zeit auch außerhalb des Geländes niedergelassen haben. „Die Hälfte unserer Patienten sind afghanische Flüchtlinge. Wie die Mehrheit der einheimischen Bevölkerung, vor allem Paschtunen, so arbeiten auch viele Flüchtlinge in den umliegenden Ziegeleien. Die Löhne sind gering und nicht selten stehen die Arbeiter wegen Schulden in Lehnverhältnissen zu den Ziegeleibesitzern“, so Steiner.
Unsichere Region erschwert Hilfe
Ärzte für diese Region zu gewinnen ist nicht leicht. Wegen des geringen Bildungsniveaus kommt das medizinische Personal täglich mit dem Auto aus Peshawar, der 60 Kilometer südlich der Ambulanz gelegenen Hauptstadt der pakistanischen Provinz Khyber Pakhtunkwa. Am Abend geht es wieder zurück in die Stadt. Hier wohnen wollen sie nicht. Die Gegend gilt als unsicher. „Die pakistanische Armee steht 30 Kilometer entfernt von der Ambulanz, es findet Flächenbeschuss durch die Luftwaffe statt und auch durch amerikanische Drohnen – die unbemannten Flugzeuge der amerikanischen CIA – die versuchen, Terroristen gezielt zu töten. Die arme Region wird nur teilweise von der Regierung kontrolliert, es gibt keine Polizei. Dazu kommt, dass in dem nahegelegenen Flüchtlingslager Shamshatoo Kinder und junge Männer von talibannahen Gruppierungen angeworben werden, um sie in Afghanistan zu Kämpfern auszubilden. Sie sind leicht zu rekrutieren, weil es in der Gegend kaum Chancen auf Arbeit außer in den Ziegeleien gibt“, erklärt der Innsbrucker.
Übergabe des Projekts in die Hände der Pakistani
Wegen der immer größer werdenden Patientenzahl wird derzeit die Ambulanz um ein zweites Haus erweitert. Auch die Anschaffungen medizinischer Instrumente wie ein Röntgengerät werden dringend benötigt. „Geplant ist, das Ambulanz-Projekt im Juli in die Hände unserer pakistanischen Partner vor Ort zu legen. Und das schaut gut aus“, sagt Jakob Steiner. Gefördert wird die Ambulanz u. a. durch die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit und aus Mitteln der Kollekte des Weltgebetstags der Frauen.
Zur Sache
Weltgebetstag der Frauen 2013
„Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“ – so lautet das Thema des Ökumenischen Weltgebetstages der Frauen (WGT) am 1. März 2013. Christinnen in weltweit mehr als 170 Ländern feiern an diesem Tag ökumenische Gottesdienste. In Österreich wird der WGT in insgesamt 257 Kirchen stattfinden. Gebetet wird nach einer einheitlichen Gottesdienstordnung, die jedes Jahr von Frauen aus einem anderen Land vorbereitet werden. Für 2013 hat das französische Weltgebetstagskomitee die Liturgie gestaltet und die Themen Fremd-Sein und Angenommen-Werden ins Zentrum der Betrachtung gerückt. Mit der Gottesdienstkollekte werden Frauen- und Mädchenprojekte weltweit unterstützt, u. a. auch die Ambulanz „Mera Baghbanan“ in Pakistan (siehe Reportage).
Frankreich ist seit Jahrhunderten ein Einwanderungsland. Menschen aus verschiedenen Ländern und unterschiedlichen Religionen haben dort eine Heimat gesucht und die französische Kultur entscheidend mitgeprägt. Die Flüchtlingsthematik ist allerdings oft stark mit negativen Vorurteilen behaftet – nicht nur in Frankreich, sondern in aller Welt. - Infos: www.weltgebetstag.at