Noch nie war die Menschheit so global vernetzt wie heute. Die ganze Welt rückt in die Wohnzimmer. Aber: Wer ist mein Nächster? – So fragt die Ökumenische Sommerakademie 2013. Dazu der Linzer Fundamentaltheologe Dr. Ansgar Kreutzer.
Ausgabe: 2013/10, Sommerakademie, ökumenisch, Kreutzer, Ego-Gesellschaft, Bibel, Gesellschaft
05.03.2013
- Matthäus Fellinger
Wer ist mein Nächster, den die Bibel meint?
Dr. Ansgar Kreutzer: Die Frage „Wer ist mein Nächster?“ ist die Eröffnung zum bekannten Gleichnis vom „barmherzigen Samariter“ (Lk 10,29–37). Ausgerechnet der schlecht beleumundete Samariter hilft demjenigen, „der unter die Räuber gefallen ist“, und nicht die religiösen Würdenträger – der Priester und Levit –, von denen ein solches Verhalten zu erwarten gewesen wäre.
Das bedeutet nun?
Darin steckt eine dreifache Provokation: Mein Nächster, dem ich Hilfe schulde, ist nicht der, der mir am nächsten steht und mit dem ich Volkszugehörigkeit, gleiche Interessen oder Sympathie teile, sondern der, der meiner Hilfe bedarf. Der Nächste, durch den ich Hilfe – im religiösen Zusammenhang auch Heil – erfahre, ist nicht unbedingt der mir Nahestehende, sondern möglicherweise ein mir Fremder. Der beste Vorsatz zur Nächstenliebe, den in unserem Gleichnis der Priester und der Levit sicher hatten, nützt nichts, wenn er nicht in die Tat umgesetzt wird.
Ist unsere Gesellschaft tatsächlich egoistischer geworden – oder wird ihr das nur unterstellt?
Zu behaupten, wir lebten im Vergleich zu früher in einer Ego-Gesellschaft, ist sicher verkürzt. Solidarität wird nach wie vor geschätzt, wenn sich auch ihre Art ändert. Studien zeigen uns, dass die „Makrosolidarität“, also anonyme und weitreichende Formen gegenseitiger Hilfe, wie etwa das Vertrauen in den Sozialstaat oder politisches Engagement für das Gemeinwohl, abnimmt. Hoch im Kurs stehen dagegen Formen der „Mikrosolidarität“, die Verbundenheit und Hilfsbereitschaft im unmittelbaren sozialen Umfeld oder punktuelles Engagement in einer konkreten Notlage.
Bieten neue Kommunikationsmöglichkeiten nicht auch Chancen gegen Vereinsamung – und dass der Nächste nicht alleine bleibt?
Leider bin ich weder intensiver Nutzer noch Kenner der Social Media. Aus meiner Perspektive entstehen mit den neuen Kommunikationsmedien neue Kommunikationskulturen, die bestimmten gesellschaftlichen Milieus und Lebensstilen, vor allem denen der Jüngeren und technisch Versierten, entsprechen. Zugleich muss man die Nachteile dieser Kommunikationsformen sehen. Sie treten in Konkurrenz zu personalen Begegnungen von Angesicht zu Angesicht, und sie schließen bestimmte soziale Gruppen, zum Beispiel Ältere, tendenziell aus.
Droht nicht auch das Soziale zum Markt zu werden, sodass sich der einzelne Mensch in der Fülle der Hilfsappelle überfordert fühlt?
Die Möglichkeiten sozialen Engagements und finanzieller Unterstützungen für Notleidende sind in der Tat unüberschaubar geworden. Punktuelle Hilfen bei einer akuten Notsituation sind en vogue. Die Spendenbereitschaft ist ungebrochen. Diese Haltung entspricht der Mikrosolidarität, die ich erwähnt habe. Ein soziales Netz muss aber über solche akute Unterstützung hinausgehen. Umfassende Solidarität, von der alle profitieren, braucht Verlässlichkeit. Insofern wäre es notwendig – gegen den Trend der Zeit –, stabile Institutionen sozialer Sicherung, wie den Sozialstaat, zu stützen.
Ökumenische Sommerakademie 2013
„Wer ist mein Nächster? Das Soziale in der Ego-Gesellschaft“. Um dieses Thema geht es bei der diesjährigen Ökumenischen Sommerakademie von 10. bis 12. Juli 2013 im Stift Kremsmünster. Zehn Jahre nach der Veröffentlichung des Ökumenischen Sozialwortes der Kirchen Österreichs fragt die Sommerakademie danach, was aus dieser Initiative der Kirchen geworden ist – ob der Egoismus oder die Solidarität die Triebfeder der Gesellschaft ist. „Ohne Ich kein Wir. Warum wir Egoisten brauchen“ lautet das provokante Eröffnungsreferat von Michael Pauen (Berlin). Weitere Referent/innen: der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Heinrich Bedford-Strohm, Michael Aßländer (Dresden), Ansgar Kreutzer (Linz), Michaela Pfadenhauer (Karlsruhe), Martin Abraham (Bruchköbel). Zum Abschluss wird die Bedeutung des Ökumenischen Sozialwortes beleuchtet, und zwar von der Sozialwissenschafterin Ingeborg Gabriel, Bischof Michael Bünker, Metropolit Arsenios Kardamakis und Bischof Manfred Scheuer.
Die Ökumenische Sommerakademie wird veranstaltet von der Kath.-Theol. Privatuniversität Linz, dem Ökumenischen Rat der Kirchen, dem Evangelischen Bildungswerk OÖ, der KirchenZeitung, dem Stift Kremsmünster, den Religionsabteilungen des ORF in Fernsehen und Hörfunk sowie dem Land Oberösterreich. Infos: www.ktu-linz.ac.at