So ist Kirche – oder das Leben überhaupt. Man erlebt nur einen winzigen Ausschnitt – und meint, man kenne sie damit – einigermaßen wenigstens. Viel größer ist freilich der Anteil, den man nicht kennt. Bei der Langen Nacht der Kirchen ist es auch so. 65.000 Oberösterreicher/innen haben sie erlebt, aber jede und jeder für sich nur einen kleinen Ausschnitt aus den rund 400 Veranstaltungen.
Ein Wort für die Nacht
„Jesus ist da“. Dompfarrer Maximilian Strasser hat es den Kindern und auch den älteren Leuten bei der „Kindermesse“ zum Abschluss des Kinderprogrammes im Linzer Dom gesagt. Ein schlichter Satz, der aber Sprengkraft birgt. Was er bedeuten kann, wird ein paar Stunden später in der Kirche der Kreuzschwestern deutlich. Schubhaft-Seelsorgerinnen haben ein besinnliches Programm gestaltet. „Du bist mein Weg“, heißt die Liedzeile, die Paulus, ein ehemaliger Flüchtling aus dem Iran, in persischer Sprache vorträgt. Hier wird von den Wegen erzählt, die Asylwerber erleben, voll Angst, mit der ständigen Ungewissheit, wie der Weg weitergeht. „Warum wächst die Baumwolle hier so hoch oben auf den Bergen“, hat sich einer gewundert, als er zum ersten Mal Schnee sah. Der Weg – das ist auch die Geschichte von Sonja, die sie im Vinzenzstüberl bei den Barmherzigen Schwestern erzählt. Ihr Mann war an Leberzirrhose gestorben, da erkrankte sie an Krebs – und rang schwer damit. Jahre danach hat sie ihren Humor wiedergefunden. Sie gehört dem Team der Obdachlosenzeitung Kupfermuckn an – und heute unterhalten sie die Gäste mit traurigen und lustigen Texten.
Eine Melodie für die Nacht
Es wird viel gespielt und gesungen in der Langen Nacht – in allen Varianten. Besonders engagiert haben sich Schüler und Schülerinnen aus dem Hamerling-Gymnasium. Eine eindrucksvolle Inszenierung aus Licht, Klang und Tanz zaubern sie in die Martin Luther-Kirche, und ein sehr junges Publikum ist da. An der Landstraße fährt die Sondergarnitur der Pöstlingbergbahn durch. Drinnen geht es sehr lebhaft zu, es wird von jungen Leuten kräftig musiziert. „JugendKirche On Tour“ gilt hier diese Nacht.
Die Erlebnis-Nacht
Auf dem Domplatz haben die Stifte und Klöster ihre Stände für den Linzer Klostermarkt aufgebaut. Der Regen konnte die Stimmung doch nicht ganz verderben, so herrschte doch reger Betrieb. Da trifft man Bekannte für einen kurzen Plausch. Einer hatte Glück und eine der Karten ergattert – und war Gast bei Bischof Ludwig Schwarz, der seine Amtsräume und die Kapelle im Bischofshof gezeigt hat. Für Kinder hatte gab es Schokolade vom Bischof. Ein anderer kommt aus der Theologischen Universität. In der Bibliothek wurde man dort in die Welt des klösterlichen Bierbrauens eingeführt – und es gab eine Kostprobe. In der feuchtkalten Nacht geht man bald doch wieder lieber zum Aufwärmen in eine der Kirchen. Im Dom empfangen einen bekannte Klänge. Domkapellmeister Wolfgang Kreuzhuber spielt gerade Johannn Sebastian Bach.
Ruhe, Stille
Andacht. In manchen Kirchen wird nicht viel Programm geboten – aber man findet Atmosphäre hier, Stille und Andacht. Die Lange Nacht ist auch eine Nacht des Betens. In der Karmelitenkirche zum Beispiel ist es so: Oben in der Kirche zünden die Hereinkommenden Kerzen an, verweilen im Gebet. Unten in der Krypta erzählen Menschen von ihrem Glauben – der Polizist aus Graz zum Beispiel, der es in seinem Beruf als Christ nicht immer einfach hat. In den meisten Kirchen endet die Lange Nacht besinnlich. Der Dom wird gegen Mitternacht nur mit Kerzenschein erleuchtet – ein warmes Licht in kühler Nacht, Wärme aber auch in einer Zeit der kalten Neonlichter und Displays, die Menschen wenig Ruhe lassen. Für die meisten ist es die letzte Station vor dem Heimweg. In Urfahr – bei der Jugendkirche – kommt für viele die Nacht erst richtig in Schwung.