„Ich bin jemand, der die Gefahren des Internets aufzeigt. Es gibt andere, die auf die Vorteile hinweisen!“ – So begann der Suchtexperte Kurosch Yazdi sein Statement bei den Magdalena-Gesprächen am 4. Juni über Suchtgefahr: Die Sucht als Ausdruck der Suche nach Beziehung.
Primar Kurosch Yazdi leitet die Suchtabteilung in der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg. In seinem Buch „Junkies wie wir“ beschreibt er Verhaltenssüchte, wobei er aus seiner Praxis besonders auf Online-Süchte sowie auf die Glückspielsucht und Kaufsucht eingeht: Die Sehnsucht nach Beziehung steckt hinter dem Absturz in Süchte.
Das Internet ist immer verfügbar
„Das Zauberwort heißt Verfügbarkeit“ sagt Yazdi. Das Internet ermöglicht, eine Sucht rund um die Uhr auszuleben. Schlimm sei, dass die Wirtschaft aus der Sucht etwa bei Online-Spielen (Yazdi bringt als Beispiel WoW – World of Warcraft) einen großen Nutzen zieht, an der Sucht also interessiert ist. Sie investiere massiv, den Kontrollverlust herbeizuführen – beim Spielen, Kaufen und Internetsurfen.
Besonders Jugendliche und Kinder sind im Visier. Bei Yazdi suchen Menschen Hilfe, die sich von ihrer Umwelt abgekapselt haben, 18 Stunden und länger im Internet hängen, um z. B. WoW zu spielen, denn wer dort pausiert, verliert schnell, was er sich zuvor erobert hat. Die Spiel-Community übt zudem gewaltigen Druck aus, immer im Spiel zu sein. Das tun auch die „Freunde“ in den sozialen Netzwerken. „Dort geht es oft nicht um Information, sondern um spontane Äußerungen“. Das Unwichtige wird so zur Fessel des dauernden Dabei-Sein-Müssens. Internet-Süchtige haben keine Zeit mehr, ihrem Alltag (Schule, Beruf, Studium) nachzugehen. Sie vernachlässigen die reale Welt zugunsten ihrem Aufgehen in der virtuellen Welt. Diese Einseitigkeit ist Warnung. Solange mehrere Interessen gelebt werden, ist die Gefahr klein.
Genuss ist Gegenteil von Sucht
„In Beziehung sein ist die beste Suchtprävention“, schreibt Yazdi: „Wenn unser Bedürfnis nach Beziehung nicht befriedigt wird, neigen wir zu Pseudobeziehungen wie Alkohol, Nikotin, Glückspiel.“ Der Suchtexperte und Facharzt für Psychiatrie mahnt zum verträglichen Maß, sagt, dass Genuss das Gegenteil von Sucht ist. Ähnlich formulierte es Christoph Lagemann vom Institut Suchtprävention: „Die Dosis bestimmt, ob etwas Gift ist.“
Grenzen setzen
Mit Yazdi drängte Lagemann darauf, dass sich die Gesellschaft anstrengt, vor allem die Kinder und Jugendlichen vor Sucht-Schäden zu bewahren. Die Voraussetzung ist: Respekt vor der Wirklichkeit der jungen Menschen und ihren Interessen: „Interessieren Sie sich für Ihr Kind, dafür, was es im Internet macht“, sagt Lagemann – Interesse signalisiere Wertschätzung. „Und setzen Sie durch Gespräche, nicht durch heimliche Kontrolle, auch zeitliche Grenzen.“
Kontrolle, Freiheit, Sucht
- DDr. Paul Eiselsberg von IMAS nannte bei den Magdalenagesprächen Zahlen zur Internetnutzung: Sie hat sich in den letzten 13 Jahren verdreifacht. 43 Prozent der Bevölkerung sind täglich mehrmals im Internet „unterwegs“. Die intensive Nutzung der social media wie Facebook oder Twitter stieg in fünf Jahren auf das Fünffache – auf 16 Prozent. Ein Drittel der Bevölkerung nutzt das Internet und regelmäßig Facebook und Co.
- Christoph Lagemann vom Institut Suchtprävention wies bei der Veranstaltung darauf hin, dass viele stoffgebundene Süchte (Rauschgift z. B.) abnehmen, die Kaufsucht und die Glückspielsucht aber zunehmen: In Österreich gibt es 64.000 Glückspieler!
- Primar Kurosch Yazdi, Psychiater, Suchtexperte, betont biologische Fakten: Bei Kindern besteht eine massive Diskrepanz zwischen den gut entwickelten Bedürfnissen des Belohnungssystems und der noch schlecht entwickelten Fähigkeit zur Selbstkontrolle. „Insofern ist Kontrolle bei Kindern und Jugendlichen keine Frage der Weltanschauung sondern eine Pflicht.“