Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.
Liebe Schwestern und Brüder!
Aufgewühlt, empört, verzweifelt, irritiert, ratlos … Diese Gemütsbewegungen habe ich – und haben wohl viele von uns – in den letzten Wochen wahrgenommen. Bei Gesprächen, Anrufen, E-Mails oder Schreiben. Die Angst um ein gesellschaftliches Auseinanderdriften kommt hoch, nicht nur, aber oft im Gefolge der Debatten um Corona-Schutzmaßnahmen. Das trifft auch Pfarren und kirchliche Gemeinschaften, das geht durch weite Teile der Gesellschaft, in Familien und Freundschaften hinein.
Was ist jetzt wichtig? Welche Haltungen helfen jetzt weiter? Besserwisserei, ausschließliche Kritik an den anderen, Anklage oder gar Verachtung gehen ins Leere, moralische Appelle allein lassen die Fronten erstarren. – Was kann uns gerade in der Fastenzeit, der Vorberei-tungszeit auf Ostern, hinsichtlich dieser Sorge um das Miteinander leiten?
Das Wort für Sorge heißt im Lateinischen „cura“ – wir kennen im Deutschen die „Kur“ oder dass eine Krankheit „auskuriert“ wird. Kurieren heißt, dass etwas wieder gesund wird, dass es heilt. Sorge und Achtsamkeit haben etwas Heilendes in sich. Sorge meint zweierlei: Mit der Sorge ist die Umsicht gemeint, mit der ich mich um eine konkrete Person kümmere: um die eigenen Kinder, um die Eltern, um Freunde, um Menschen, die mir im Beruf anvertraut sind. Diese Sorge macht deutlich, dass ich mich in deren Leben und Geschick mit einbezogen fühle, für sie Verantwortung trage. Sorge bedeutet aber natürlich auch Besorgnis und Beunruhigung, die ich für jemand empfinde, weil ich andere als wertvoll betrachte und ihnen Wertschätzung entgegenbringe. Diese Sorge kann den Schlaf rauben.
Sorge und Achtsamkeit schaffen ein Gefühl der gegenseitigen Zugehörigkeit, gerade in Erfahrungen des Alleinseins, der Ausgrenzung, der Rivalität und der Konkurrenz. Sich zu sorgen und sich umsorgt zu wissen sind zwei grundlegende Kategorien unseres persönlichen und gesellschaftlichen Lebens. Sorge und Achtsamkeit sind nicht nur in den persönlichen Beziehungen wichtig, sondern auch im gesellschaftlichen Bereich. Es geht um Zuverlässigkeit in den Begegnungen, um Verantwortung füreinander. Wo ist ein Sensus vorhanden, ein Gespür für Menschen, die Unterstützung, Rat und Geborgenheit in einer Gemeinschaft suchen? Umgekehrt ist es wichtig zu wissen, dass es da eine (Glaubens-)Gemeinschaft gibt, wo ich offene Türen für meine Anliegen vorfinde, wo ich mich auf einer persönlichen, spirituellen Ebene verbunden weiß. Wo ich sein darf, wie ich bin.
Versöhnung und Vergebung werden möglich, wo ich nicht mehr um jeden Preis recht haben muss und wo doch wahr sein darf, was verletzt und kränkt. Der jüdischen Philosophin Hannah Arendt wird das Wort zugeschrieben: „Wenn wir vergeben, wird nichts mehr so sein, wie es war. Wer vergibt, ist danach ein Anderer – und wer um Vergebung bittet, ebenfalls.“
Es besteht die Gefahr, dass ich mich dem versöhnenden Gespräch gar nicht aussetzen will. Lieber vertagt man es und schiebt es vor sich her.
Versöhnungsprozesse sind mühsam und schmerzlich, es gibt keine Garantie und auch keinen Anspruch auf Erfolg. Es ist ja auch so, dass man – selbst als jemand, der um Vergebung gebeten wird – die eigenen Schatten und Anteile erst einmal annehmen muss. Fast immer sind Vorwürfe oder auch Machtverhältnisse im Spiel.
Oftmals sind es Dritte, die es ermöglichen, Versöhnung nicht zu einer Überforderung werden zu lassen und einen Raum des Vertrauens zu schaffen. Dritte können andere Familienmitglieder, Freundinnen und Freunde, Therapeutinnen und Therapeuten, Seelsorgerinnen und Seelsorger sein. Der „Dritte“ kann aber letztlich auch Gott sein, der in mir und auch in meinem Gegner oder Feind wirkt: Jesus brachte mit seiner Botschaft vom angebrochenen Reich Gottes eine bahnbrechende Option ins Denken und Leben der Menschen. Das Reich Gottes ist nahe – hier, jetzt schon, mitten unter uns, überall dort und dann, wo sich Gottesnähe ereignet. „Denn siehe – das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ (Lk 17,21) Mit dieser Perspektive im Herzen ist selbst Undenkbares – Aushalten von Dissens, Versöhnung und Vergebung – möglich. Versöhnung und Vergebung sind österliche Prozesse. Bitten wir um Versöhnung, Vergebung und Heilung in den persönlichen, in den gesellschaftlichen und kirchlichen Auseinandersetzungen, Konflikten, Feindschaften, Verletzungen und Kränkungen.
Ein weiterer Schlüsselbegriff ist die „Freundlichkeit“, wie sie Papst Franziskus in „Fratelli Tutti“ skizziert: „Hin und wieder aber erscheint wie ein Wunder ein freundlicher Mensch, der seine Ängste und Bedürfnisse beiseitelässt, um aufmerksam zu sein, ein Lächeln zu schenken, ein Wort der Ermutigung zu sagen, einen Raum des Zuhörens inmitten von so viel Gleichgültigkeit zu ermöglichen. Dieses täglich gelebte Bemühen kann jenes gesunde Zusammenleben schaffen, das Missverständnisse überwindet und Konflikte verhindert. Freundlichkeit zu üben ist kein kleines Detail oder eine oberflächliche spießige Haltung. Da sie Wertschätzung und Respekt voraussetzt, verändert sie – wenn sie zur Kultur wird – in einer Gesellschaft tiefgreifend den Lebensstil, die sozialen Beziehungen und die Art und Weise, wie Ideen diskutiert und miteinander verglichen werden. Freundlichkeit erleichtert die Suche nach Konsens und öffnet Wege, wo die Verbitterung alle Brücken zerstören würde.“ (FT 224) Eine solche Freundlichkeit spiegelt sich auch in Handlungsmaximen wider, wie sie in übertragenen Werken der Barmherzigkeit zum Ausdruck kommen:
+ Manfred Scheuer, Bischof von Linz

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