Keine 200 Kilometer ist Prag von Linz entfernt und ist kirchlich gesehen doch eine andere Welt. P. Martin Leitgöb CSsR gibt Einblick in seine Arbeit als Seelsorger der deutschsprachigen Gemeinde und was Glaube und Kirche in Prag bedeuten.
Wie kommt man auf die Idee, Seelsorger in Prag zu werden? P. Martin Leitgöb: Ich habe in Wien an der Kirche Maria am Gestade City-Seelsorge gemacht. Dasselbe wollte ich zunächst auch an unserer Ordenskirche in Prag tun. Dann hat aber die deutschsprachige Gemeinde einen Seelsorger gesucht, und so bin ich in diese Richtung gegangen.
Wer gehört zu Ihrer Gemeinde? P. Leitgöb: Eine recht bunte Schar. Einerseits Familien, die aus beruflichen Gründen für einige Jahre in Prag sind, beispielsweise Angestellte von Banken oder aus der Automobilindustrie. Dann das Botschaftspersonal von Österreich, Deutschland und teilweise der Schweiz, Studenten, die in Prag ein Auslandsjahr machen, Partner aus zweisprachigen Ehen. Und nicht zu vergessen: Tschechen, die Angehörige der deutschen Minderheit sind, auch wenn das nur wenige sind. Sie alle leben über ganz Prag verstreut. Salopp gesagt: Ich muss mir suchen, wer zu meiner Gemeinde gehört.
Von wie vielen Menschen reden wir insgesamt? P. Leitgöb: Es leben etwa 10.000 Deutschsprachige in Prag. Ein Drittel davon wird wohl konfessionslos sein und je ein Drittel evangelisch bzw. katholisch.
Und davon erreichen Sie wieviele? P. Leitgöb: An 100 Familien verschicke ich unser Mitteilungsblatt. Wenn ich auf den Gottesdienstbesuch schaue: Es kommen an normalen Sonntagen zwischen 40 und 80, an Festen bis zu 120 Menschen. Da ist unsere Kirche „St. Johannes Nepomuk am Felsen“ dann voll. Man muss bedenken: Die Leute kommen aus ganz Prag und haben lange Wege. Der Altersdurchschnitt bei den Gottesdiensten liegt unter 50. Was wunderschön ist: Es sind oft 20 bis 25 Kinder da. Heuer kommen auch zehn Kinder zur Erstkommunion.
Wie schaut Ihr Tagesablauf aus? P. Leitgöb: Der ist an sich ganz verschieden, aber auf der anderen Seite dann auch wieder nicht so verschieden von dem, was ein Pfarrseelsorger in Österreich macht, außer dass mir keine Bürokraft zur Verfügung steht. Zu den Fixterminen gehört jeweils donnerstags und freitags mein Religionsunterricht an der Deutschen Schule – gemeinsam mit dem evangelischen Pfarrer. Wir stehen miteinander in der Klasse. Manchmal übernehme ich auch Gottesdienstaushilfen in tschechischen Gemeinden.
Wie geht es Ihnen mit der tschechischen Sprache, die als wirklich schwierig zu erlernen gilt? P. Leitgöb: Es geht eigentlich ganz gut. Einmal in der Woche feiere ich in unserer Ordenskirche einen tschechischen Gottesdienst. Neulich habe ich dabei sogar ohne Manuskript gepredigt, und es ging einigermaßen.
Was ist für Sie das Schöne am Leben und an der Arbeit im Ausland? P. Leitgöb: Das Leben im Ausland ist immer aufregend, und Prag ist natürlich eine wunderschöne Stadt. Gleichzeitig wird man im Ausland viel stärker auf sich selbst und auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zurückgeworfen. Was trägt im Leben wirklich? Nicht nur den Menschen, mit denen ich als Seelsorger im Gespräch bin, geht es so, auch ich selbst muss mich diesen Fragen stellen. Das ist gut so. Ich erfahre, dass man bei dieser Auseinandersetzung innerlich wachsen kann. Man muss sich etwa neu auf die Suche nach einer tragfähigen Glaubenspraxis begeben. Das ist ein spannender Prozess.
Sind Sie manchmal einsam? P. Leitgöb: Nein, obwohl ich ohne klösterliche Gemeinschaft lebe. Erstens habe ich meine Gemeinde. Und der Kern der Gemeinde hat einander im Blick. Zweitens bin ich viel bei den Leuten. Sie kommen zu Gesprächen zu mir und ich gehe ihnen auch nach. Das gehört zum Ordensauftrag von uns Redemptoristen, und dem kann ich in Prag gut entsprechen.
Tschechien gilt als das Land Europas, das am meisten säkularisiert ist ... P. Leitgöb: Dass Tschechien eines der atheistischsten Länder in Europa ist, halte ich für ein Vorurteil. Das kann man so nicht gelten lassen. Denn konfessionell oder religiös nicht gebundene Menschen sind ja bei Weitem nicht nur Atheisten.
Wie erleben Sie die konfessionslose Mehrheitsgesellschaft? P. Leitgöb: Die große Zahl der Konfessionslosen begegnet der Kirche mit Respekt. Rund um die Diskussionen um die Rückgabe von Kircheneigentum, das die Kommunisten beschlagnahmt hatten, war zwar in den letzten Jahren auch antikirchliche Stimmung zu spüren, aber das ist nicht die Grundeinstellung. Was mir auffällt: Man ist bereit, über den Glauben zu sprechen. Kürzlich habe ich beim Friseur einen jungen Angestellten angesprochen, weil er einen Rosenkranz um den Hals trug. Darauf erzählte er mir, dass er überlege, ob er nicht doch an etwas glauben solle. Der „Etwas-ismus“ – irgendetwas muss es geben – ist weit verbreitet.
Hat sich christliches Brauchtum, etwa an Weihnachten oder Ostern, erhalten? P. Leitgöb: Diese Feste werden bei den Konfessionslosen durchaus begangen. Zu Weihnachten gehört es für die Tschechen etwa zum guten Ton, dass sie sich die Böhmische Hirtenmesse von Jakub Jan Ryba anhören. Ich habe dabei selber an Dreikönig eine randvolle Kirche erlebt. Sicher zwei Drittel der Gottesdienstbesucher waren konfessionslos, doch sie haben sich beim Gottesdienst sehr respektvoll benommen: Es war überhaupt nicht unruhig, sie waren auf ihre weltliche Weise andächtig.
Welchen Platz hat die katholische Kirche in der Gesellschaft Tschechiens? P. Leitgöb: Die Kirche ist in Böhmen – im mährischen Landesteil ist es etwas anders – kein Flächenphänomen, sondern ein städtisches und eher intellektuelles Phänomen. Es gibt kaum Kontakt zu den Arbeitern. Überhaupt ist Tschechien kulturell gesehen ein intellektuelles Land mit einer erstaunlichen Gegenwartskunst. Im Land steckt ein beträchtliches liberales und weltoffenes Potenzial. Die Unterschiede zu den ebenfalls slawischen Nachbarstaaten Polen und Slowakei sind beträchtlich.
Was macht die Kirche in Tschechien so anders? P. Leitgöb: Diese Kirche war eigentlich bereits vor dem Kommunismus eine „Entscheidungskirche“ – und nach der kommunistischen Machtübernahme erst recht. Deswegen gibt es das Phänomen der Taufscheinchristen in einem viel geringeren Maße als bei uns. Ich erlebe in normalen Prager Pfarren eine mich immer wieder erstaunende Anzahl von Gottesdienstbesuchern.
Bringt Papst Franziskus so wie in vielen anderen Ländern Europas Schwung in die Kirche Tschechiens? P. Leitgöb: Mir persönlich scheint, dass viele tschechische Katholiken nicht recht wissen, wie sie sich Papst Franziskus gegenüber verhalten sollen. Das gilt teilweise auch für den Klerus und für die Kirchenleitung. So war zum Beispiel im Vorjahr der Fragebogen zur Familiensynode in Tschechien kaum ein Thema. Mit Benedikt XVI. hat man sich irgendwie leichtergetan. Er hat besser dem Bedürfnis nach Absicherung und Selbstvergewisserung entsprochen. Aber der tschechischen Kirche ist schon auch bewusst, dass sie die Herausforderungen der säkularen Gesellschaft aufgreifen muss.
Wie macht sie das? P. Leitgöb: Zum Beispiel durch ein beherztes Aufgreifen der Aktion „Lange Nacht der Kirchen“, die in Tschechien ebenso viel Erfolg hat wie in Österreich. Anfang Juni wird es in Prag heuer außerdem eine großangelegte Stadtmission unter dem Titel „Dny víry – Tage des Glaubens“ geben, durch die bewusst der Dialog mit der Öffentlichkeit gesucht wird. Eine Persönlichkeit, die in besonderer Weise für einen offenen Umgang mit der säkularen Gesellschaft steht, ist der Religionsphilosoph Tomas Halík, dessen Bücher ja auch auf Deutsch zu lesen sind. Der Prager Weihbischof Václav Malý ist ein forcierter Vertreter einer Kirche, die sich ebenfalls nicht in die Sakristei zurückzieht.
Was gefällt Ihnen an der Kirche in Tschechien? P. Leitgöb: Ihre spirituelle Grundhaltung und dass man sich nicht bloß im Aktivismus erschöpft. Mich beeindruckt auch, wie gut in der Liturgie die Vorgaben des Zweiten Vatikanischen Konzils umgesetzt wurden. Man spürt etwas von der tätigen Teilnahme aller Gläubigen, wie es das Konzil wollte.
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hat es intensive Kontakte zwischen österreichischen und tschechischen Pfarren und Diözesen gegeben. Das ist wieder abgekühlt. P. Leitgöb: Sehr schade! Dabei wäre ein Dialog über die Grenzen hinweg auf Augenhöhe so wichtig. Das brächte Lerneffekte für beide Seiten.
Deutschsprachige katholische Gemeinde Prag Sonntagsgottesdienst um 11 Uhr Kirche St. Johannes Nepomuk am Felsen Karlovo námestí/Ecke Vyšehradská Kontakt: E-Mail: kathprag@centrum.cz, www.kathprag.cz