04.10.2017

Gesellschaft

„Die Toten sollen nicht irgendwo liegen“

Welche Chance die Auflassung von Gräbern birgt und wie Friedhofsverwalter auf den ungebrochenen Trend zur Urnenbestattung reagieren sollen, sagt Friedhofsexpertin Karoline Jezik. Start des KirchenZeitungs-Schwerpunkts über Oberösterreichs Friedhöfe.

Der Friedhof als Naturraum: mit einem Bereich zum Wohlfühlen, auch als Überlebenschance für Tiere.

Karoline Jezik ist emeritierte Professorin an der Universität für Bodenkultur in Wien. Grüne Gottes­äcker sind ihr ein besonderes Anliegen.

Was ist Ihre eigene Geschichte mit Friedhöfen? 

Karoline Jezik: Mein Vater hatte eine Gärtnerei am Baumgartner Friedhof in Wien-Penzing. Dort bin ich praktisch groß geworden. Unsere Familie hatte immer eine enge Beziehung zu den Toten, weil wir so gelebt haben. Früher bin ich mit meinen Kindern oft auf den Friedhof gegangen und habe ihnen bei jedem Grab eine lustige Geschichte erzählt. Denn die Toten dürfen nicht wirklich tot sein, sondern müssen in eine Funktion in unserem Leben treten. 

Wie sehen Sie persönlich den Tod und das Sterben. Ist der Tod für Sie ständig präsent?

Jezik: Für mich ist das etwas ganz Normales. Jeder muss sterben, da haben wir keine Chance, aber wir können lernen, gut damit umzugehen. Der Tod ist für mich keine furchtbare Vorstellung. Hilfreich ist für mich auch, dass ich mit mehreren Frauen und Männern gesprochen habe, die ein Nah­toderlebnis hatten. Und die haben gesagt, dass es eine wunderbare Erfahrung für sie war.

Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit Friedhöfe schöne Orte sind?

Jezik: Es muss auf Friedhöfen unbedingt Plätze geben, an denen man sich meditativ hinsetzen kann, wo man andere Menschen treffen kann, die ebenfalls trauern. Denn der Abschied ist immer schwer. Diese Plätze sollen auf jeden Fall Geborgenheit vermitteln.

Braucht es dafür mehr Grün auf unseren Friedhöfen?

Jezik: Ja, es sollte eine eigene Parkanlage beim Friedhof dabei sein. Normalerweise ist es auf einem Friedhof kahl, es gibt viel Schotter und man sieht vor allem Steine. Das sollte es nicht sein. Es braucht eine Grünoase, wo man sich wohlfühlt. Wo man gerne hingeht, auch wenn nicht gerade jemand gestorben ist. 


Wie kann das funktionieren, dass Friedhöfe natur­nah umgestaltet werden? 

Jezik: Viele Gräber werden aufgelassen. Das ist eine Tatsache, mit der wir leben müssen, und es ist zugleich eine Chance. An den frei gewordenen Stellen kann man eine neue Landschaft bauen, also neue Sitzbänke installieren oder Laubbäume, wie etwa Linden oder Eichen, pflanzen. 

Welche Bedeutung haben Friedhöfe als Naturraum für Tiere?

Jezik: Wenn ein Friedhof ein bisserl größer ist, dann sammeln sich natürlich Tiere an, von Eichkatzerln bis Rehe und Hasen. In den Großstädten sind Friedhöfe für Tiere oft der einzige Ort, wo sie eine Überlebenschance haben.

Ungebrochen ist der Trend, dass es immer mehr Urnengräber gibt. Wie kann man damit in der Gestaltung umgehen?

Jezik: Oft sind Urnengräber mit dem Wunsch der Verstorbenen verbunden, dass ihre Nachkommen später für die Grabpflege nichts zahlen müssen. Für diese Menschen sollte es auf den Friedhöfen eigene schön gestaltete Bereiche für Urnen geben. Wenn man das nicht macht, werden Leute selbst Alternativen suchen und die Verstorbenen außerhalb der Friedhöfe irgendwo im Wald oder im Fluss liegen. Das wäre ein Schaden, weil ein „Friedhof für alle“ eine wichtige Funktion hat. Es ist wichtig zu wissen, wo Vater, Mutter, Bruder oder Schwester liegen. Das gehört auch zur Trauerarbeit. 

Mit den Veränderungen werden sich nicht alle leichttun.

Jezik: Man muss die alten Gräber ja nicht abschaffen. Meine Geschwister liegen auch in konventionellen Gräbern, weil das meiner Familie wichtig war. Das kann und wird es ja weiterhin geben. «

Bildquelle: fotolia/locrifa, privat

Autor/in:  Paul Stütz

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