In der Reihe Kunst & Geschichte_n stellt Experte Lothar Schultes Persönlichkeiten vor, die in Kunst und Geschichte wichtige Spuren in Oberösterreich hinterlassen haben.
Die abschlossene Reihe "alt & kostbar" finden sie hier.
Im ausverkauften Musiktheater gaben sie vor 950 Besucher:innen unter dem Motto „Starke Stimmen – starke Frauen“ ein umjubeltes Konzert zum Weltfrauentag.
Bei vielen Festivals und Radiostationen sind Frauen stark unterrepräsentiert. Noch immer wird das Musikgeschäft von Männern dominiert, sowohl vor als auch hinter den Kulissen. Wie erlebt ihr das und warum ist das so?
Steffi Poxrucker: Eine aktuelle Studie aus Deutschland hat den Gender Pay Gap in der Musikszene erhoben und die Zahlen sind fatal: In Deutschland liegt er bei ca. 25 Prozent (vgl. 16 Prozent durchschnittlich), das heißt, Männer verdienen um 25 Prozent mehr als Frauen.
Grundsätzlich ist das Männer-Frauen-Verhältnis im Musikbereich ausgeglichen, schaut man sich zum Beispiel die Studierendenzahlen an, teilweise gibt es sogar mehr Frauen an den Unis. Aber: Umso lukrativer die Jobs und Konzerte werden, umso weniger Frauen findet man. Ein Bild, das es so in vielen Branchen gibt. Die gläserne Decke macht hier nicht halt. Neben einer über Jahre bestehenden „Männer fördern/kennen/fragen Männer“-Mentalität gibt es bestimmt auch viele Frauen, die aussteigen oder aufgeben, weil die Vereinbarkeit mit Familie herausfordernd ist. Die finanzielle Unsicherheit, insbesondere in der freiberuflichen Branche, ist oft nicht kompatibel mit Versorgungspflichten und familiärer Verantwortung. Sich mit Nebenjobs über Wasser zu halten, um Musik machen zu können, ist als Mama kaum mehr drin. Der Traum von den Plattenmillionen ist seit Jahrzehnten ausgeträumt. Die Musikindustrie macht, so haben aktuelle Studien ergeben, immense Umsätze. Diese sind für das Bruttoinlandsprodukt eigentlich eine große Nummer. Aber bei denen, die dafür sorgen, dass es Musik überhaupt gibt – also bei den Musikerinnen und Musikern –, kommt halt leider wenig an.
Was braucht es, damit sich das ändert?
Steffi Poxrucker: Es fehlt unserer Meinung nach auch an Wiedereinstiegsprogrammen und gezielter Förderung, Mentoring und schlicht Quoten für Frauen. Denn sie können noch so gut sein – die Qualität hilft ihnen nicht, diese alten Strukturen aufzubrechen. Sie können noch so fleißig, verlässlich, vorbereitet und top ausgebildet sein, das wird nichts ändern. Der Gap hat sich in den letzten Jahren sogar noch verschärft.
Der österreichische Verein „Mufa“ setzt sich für Geschlechtergerechtigkeit und Vielfalt ein und hat in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium ein Mentoring-Programm entwickelt. Das ist für die Szene ein richtiger Push: Die Newcomerin Mintha, die heuer bei #weare (wir sind)dabei war, hat durch dieses Mentoring-Programm im Feature mit der Sängerin „Die Mayerin“ den Song „Carolina“ veröffentlicht – und damit einen Radiohit gelandet.
Auch im Klassik-Sektor sind Frauen zum Beispiel als Dirigentinnen (Stichwort Neujahrskonzert) noch immer in der Minderheit bzw. kommen gar nicht vor. Gerne wird das mit dem Argument „Qualität“ erklärt: Frauen sind einfach noch nicht gut genug! Wie geht es dir mit diesen Argumentationslinien? Hast du selbst Erfahrungen dazu gemacht?
Steffi Poxrucker: Das Killerargument Qualität hören wir ständig. Versuchen wir Bewusstsein zu schaffen für rein männlich besetzte Line-ups (Programme) oder Airplay-Charts (Musik im Radio) mit 90 Prozent Männeranteil, wird von Männern sofort die Qualitätskeule geschwungen: Würdet ihr bessere Musik machen, eine bessere Show, Hits schreiben etc. Musik – vor allem Popmusik – hängt mit Emotion und Geschmack zusammen und mit Gewöhnung: Das, was ich oft höre, gefällt mir auch immer mehr. Das, was ich nie höre, kann mir ja gar nicht gefallen. Wer also Airplay bekommt, wer also Bühnen bekommt, hat automatisch mehr Reichweite, mehr Fans und das geht dann so weiter. Manche behaupten, es würde mit Social Media alles anders – weil hier Songs viral gehen können und so zu Hits werden. Hier gibt es bestimmt neues Potenzial. Doch ich bleib hier auch skeptisch und vorsichtig: Algorithmen sind undurchsichtig, im Hintergrund liegen patriarchale Strukturen und Klischees.
Beim heurigen Konzert „#weare“ im Linzer Musiktheater hat das Streicherinnen-Quintett des Anton Bruckner Orchesters den Abend mit dem Scherzo in D der deutschen Komponistin Emilie Mayer eröffnet – eine fast vergessene Virtuosin und eine der produktivsten Komponistnnen (Männer sind hier mitgemeint) ihrer Zeit. Sie wird als „lässige“ (tatsächliche Wortwahl), unkonventionelle Frau beschrieben und dennoch ist ihr Werk in der männlichen Geschichtsschreibung kaum beachtet. Umso schöner finden wir diese Verbindung zur Musikszene im Jahr 2026, dass wir hier dieser Frau eine Bühne geben konnten – mehr als 150 Jahre nach ihrem Wirken.
Themawechsel: Warum machst du Musik? Was ist das Besondere am Musizieren mit deinen Schwestern? Und: Was ist dir auf der Bühne und im Leben besonders wichtig?
Steffi Poxrucker: Musik zu machen war bei uns wohl gar keine Entscheidung – wir können da gar nicht wirklich aus. Es steckt in unserer DNA, war schon immer da und hat uns schon immer begleitet. Unser neues Album, das im September 2026 erscheint, trägt deswegen wohl auch den Namen DNA. Für uns als Schwestern ist gemeinsames Musizieren Genuss, Leben verarbeiten, anderen Freude machen, wertvoll sein, sich ausdrücken und dem Leben Sinn geben. Dass wir mit unserer Musik auch für andere so relevant geworden sind, Menschen in ihrem Leben begleiten – durch Höhen und Tiefen –, ist für uns das größte Kompliment.
Mir – und da spreche ich, glaube ich, für uns alle – ist besonders wichtig, dass wir das machen, was uns Freude und Spaß macht: Es muss sich richtig und gut anfühlen, es muss uns dabei gut gehen. Das gilt für unser musikalisches Schaffen und für unser Leben. Niemals verbiegen, sich selbst treu bleiben und authentisch sein.
Zum Foto:
„Wir sind einfach überwältigt von diesem Abend. Die Energie vom Publikum, die Kraft und überzeugende Vielfalt dieses Abends und der gegenseitige Support der Künstlerinnen auf und hinter der Bühne haben heuer wieder ein neues Level erreicht“, freut sich Steffi Poxrucker.
Zum vierten Mal organisierten die Poxrucker Sisters den Konzertabend „#weare“ in Linz. Das Format gibt Künstlerinnen bewusst eine Bühne. Mit dabei: Anna Buchegger, die oberösterreichische Newcomerin Shinade, die Visionärin „Die Mayerin“, das Musikkabarett „Duetten“ und die Poxrucker Sisters. Für szenische Akzente sorgte das Linzer Ensemble „Das Schauwerk“ – unterstützt vom Frauenbüro des Landes OÖ und der Stadt Linz und von der Katholischen Frauenbewegung OÖ.
In der Reihe Kunst & Geschichte_n stellt Experte Lothar Schultes Persönlichkeiten vor, die in Kunst und Geschichte wichtige Spuren in Oberösterreich hinterlassen haben.
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