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Klimaschutz

Ein gesunder Boden schützt das Klima

GESELLSCHAFT_SOZIALES

Extreme Wettersituationen nehmen in Österreich zu. Durch verbaute und versiegelte Flächen werden Hitzewellen verstärkt und die Gefahr von Hochwasser steigt.  

Ausgabe: 35/2023
29.08.2023
- Susanne Huber
In Österreich ist der Bodenverbrauch hoch und auch durch z. B. Asphalt versiegelte Flächen u. a. für Industriegebäude oder Parkplätze werden mehr und mehr.  
In Österreich ist der Bodenverbrauch hoch und auch durch z. B. Asphalt versiegelte Flächen u. a. für Industriegebäude oder Parkplätze werden mehr und mehr.  
© Stock-Fotografie-ID:124389752/ Stramyk viennaslide / picturedesk.com

Straßen, Kreisverkehre, Siedlungen, Industrie- und Freizeitanlagen – in Österreich wird viel Boden verbaut. Wertvolle biologische Grünflächen wie Wiesen und Wälder gehen dadurch verloren. Laut aktuellem Bericht der Umweltschutzorganisation WWF Österreich lag der Bodenverbrauch (Flächeninanspruchnahme) im Jahr 2022 bei 12 Hektar pro Tag.

 

Etwa die Hälfte (41 Prozent) davon ist mit einer wasserundurchlässigen Schicht z. B. aus Beton oder Asphalt versiegelt. Mit dieser Zahl ist das von der Bundesregierung 2002 gesetzte Nachhaltigkeitsziel von 2,5 Hektar pro Tag bis 2030 derzeit weit überschritten. 

 

Gefahren von Flächenfraß 


In dem Moment, wo ein Bodenverbrauch oder eine -versiegelung durchgeführt werden, „sind die natürlichen Kreisläufe, die sich im biologisch einwandfreien Boden abspielen, sehr stark eingeschränkt“, sagt Umweltmediziner und Landschaftsökologe Hans-Peter Hutter von der Medizinischen Universität Wien. Der Lebensraum für Pflanzen, Tiere und Menschen wird eingeengt. „Stichwort Biodiversität. Die biologische Vielfalt des auf der Erde vorkommenden Lebens wird dadurch begrenzt. Wenn Grünflächen verbaut werden, dann wirkt sich das u. a. auch auf die Ernährungssicherheit aus, da der Boden ja Grundlage ist für unsere Nahrung“, erklärt Hans-Peter Hutter.

 

Dazu kommt, dass der gesunde Boden das Klima schützt. Wetterextreme nehmen laut Expertinnen und Experten durch die Klimakrise zu, auch in Österreich. Auf Hitzewellen folgen Trockenheit und Waldbrände, Starkregen führt häufig zu Hochwasser und Überschwemmungen. Hier kommen der Bodenverbrauch und vor allem auch die Bodenversiegelung, der sogenannte Flächenfraß, wieder ins Spiel, denn sie verstärken Hitzewellen und begünstigen die Hochwassergefahr. „Das Niederschlagswasser kann weniger gut versickern, bei versiegelten Flächen gar nicht mehr. Wenn bei starken Regenfällen die Kanalisation oder die Flüsse diese Wassermassen nicht mehr fassen können, haben wir Hochwassergefahr“, sagt der Umweltmediziner und Landschaftsökologe. Eine Begleiterscheinung von Versiegelung sei, so Hutter, dass die Grundwasservorräte nicht aufgefüllt werden können und der Grundwasserspiegel sinke.


Weitere Probleme sind, dass durch die Flächenversiegelung Niederschlagswasser nicht mehr gereinigt wird, da die Filterfunktion durch den Boden nicht mehr gegeben ist, und ferner die CO2-Pufferfunktion beeinträchtigt wird. „Ein natürlicher Boden ist in der Lage, CO2, also Kohlendioxid, aus der Atmosphäre langfristig zu speichern. Das ist wichtig, um den Klimawandel aufzuhalten“, sagt Hutter. 

 

Hitze und Trockenheit


Nicht unerheblich sei laut Hutter, dass dort, wo es dichte Bebauung und versiegelte Flächen gibt, sich die Hitze länger hält. „Grünraum schafft während der Nacht Abkühlung. Hitzeinseln durch versiegelte Böden strahlen über ihre hohe Speicherfähigkeit aber auch nachts hohe Temperaturen ab.“ Generell haben Hitze und Trockenheit auch negative Auswirkungen auf die Land- und Forstwirtschaft.

 

„Das reicht von Borkenkäferbefall bis hin zu Dürren. Das betrifft uns in Österreich, das betrifft aber andere Regionen in der Welt deutlich mehr wie die Sahelzone in Afrika, wo ein sehr heißes und trockenes, sprich arides Klima herrscht und es dadurch schwer ist, die Ernährungsbasis aufzubauen. In Pakistan und Bangladesch gibt es wiederum sehr viele Überschwemmungen. Voriges Jahr waren mehr als 30 Millionen Menschen alleine in Pakistan von der Hochwasserkatastrophe betroffen, darunter rund 1700 Todesopfer. Jene, die überlebten, haben viel verloren, wenn nicht alles.“ 
 

Gesundheitliche Folgen 


Mit Extremwettersituationen sind verstärkt auch gesundheitliche Probleme verbunden, führt Umweltmediziner Hans-Peter Hutter aus. „Da geht es um akute Verletzungen durch Brände, durch Stromschlag, durch Treibgut. Es kommt auch zu akuten Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems bis hin zu Todesfällen durch Ertrinken.“

 

Problematisch sei außerdem, so Hutter, dass etwa bei Hochwasser durch die schwierige Erreichbarkeit für Rettungskräfte eine mangelnde Versorgung von Verletzten und kranken Menschen gegeben ist. „Wenn es keine medizinische Versorgung gibt, dann können sich Menschen z. B. Diabetesmedikamente nicht mehr selber spritzen. Es gibt aber auch Leute, die 24 Stunden Pflegebedarf haben. Die sind dem Hochwasser dann hilflos ausgeliefert.“ 


Dazu kommen laut Hutter mittel- und langfristige Auswirkungen: kontaminiertes Wasser, das in die Häuser eindringt; Schimmelbildung; Austritt von gefährlichen chemischen Stoffen oder gelagerten Pestiziden, die freigesetzt werden durch Schäden z. B. in Betriebsanlagen.

 

„Und wenn einmal ein Haus für 24 Stunden unter Wasser gestanden hat, ist es praktisch sanierungsbedürftig. Das bringt Menschen in große Schwierigkeiten und verursacht oft enormen psychosozialen Stress, da die Leute nicht wissen, wie es nach der Katastrophe weitergeht und ob sie sich den Wiederaufbau überhaupt leisten können.“ Viele Betroffene kämpfen zudem mit so genannten posttraumatischen Belastungsstörungen. „Die reichen von Alpträumen, in denen das dramatische Ereignis wiedererlebt wird, bis hin zu Schlafstörungen.“  

 

Entsiegelung? 


Sind nun versiegelte Flächen für immer zerstört oder ist es möglich, natürlichen Boden zu entsiegeln? Das sei schwierig, sagt Hutter. „Man weiß, dass Renaturierung generell sehr lange dauert und enorm aufwändig ist. Sie müssen sich vorstellen, der Boden ist ein Gefüge aus unterschiedlichen Schichten. Vereinfacht gesagt ist der oberste Teil nährstoffreich und belebt, dann kommen weitere Schichten wie festes Gestein. Wenn der natürliche Boden einmal weg ist, ist er zerstört.“

 

Er entstehe über tausenden von Jahren, so Hutter, und bei der Entwicklung des Bodens liefern speziell die Lebewesen in der Erde eine unglaubliche Leistung. „Sie durchmischen den Boden, es kommt zur Be- und Durchlüftung usw. Da gibt es Milliarden an unterschiedlichen Mikroorganismen, von denen wir praktisch nur einen kleinen Prozentsatz kennen. Der biologische Boden hat eine große Bedeutung für uns Menschen, die oft unterschätzt wird. Er muss geschützt werden.“  

 

Lösungen 


Hierzulande ist laut aktuellem Bericht von WWF Österreich einer der Gründe für den schnell wachsenden Bodenverbrauch, dass es keine österreichweiten verbindlichen Regeln gibt, um den Verbrauch von biologischem Boden einzudämmen. Erst im Juni 2023 ist der Entwurf einer österreichweiten Bodenstrategie durch die Österreichische Raumordnungskonferenz gescheitert. Wie also Grünflächen und intakte Natur schützen? Seitens WWF Österreich ist klar, dass es in Österreich vor allem einen Bodenschutzvertrag mit verbindlichen Reduktionszielen braucht.  

 

Info: Die Petition „Natur statt Beton“ der Umweltschutzorganisation WWF Österreich kann unterschrieben werden unter: www.natur-statt-beton.at

 

Ein Querschnitt zeigt die verschiedenen Schichten des natürlichen Bodens.

Ein Querschnitt zeigt die verschiedenen Schichten des natürlichen Bodens.

Hans-Peter Hutter ist Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie sowie Landschaftsökologe. Er arbeitet am Zentrum für Public Health an der Medizinischen Universität Wien im Bereich Umweltmedizin und Umwelthygiene.
Hans-Peter Hutter ist Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie sowie Landschaftsökologe. Er arbeitet am Zentrum für Public Health an der Medizinischen Universität Wien im Bereich Umweltmedizin und Umwelthygiene.
© KLAUS PICHLER
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