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Inhalt:

Die Tapferkeit im Alltag

Gesellschaft & Soziales

Wussten Sie, dass der Advent eine Zeit der Tapferkeit ist? Die Ordensfrau und Autorin Melanie Wolfers erklärt uns, warum das so ist,  spricht über ihr neues Buch „Trau dich, es ist dein Leben. Die Kunst, mutig zu sein“ und über ihren Zugang zum Schreiben. Damit gibt sie auch einen Vorgeschmack auf die Serie in der Fastenzeit 2019, die sie für die KirchenZeitung schreiben wird.
 

Ausgabe: 48/2018
27.11.2018
- Heinz Niederleitner
Sich von den Themen finden lassen, gehört zu den Erfahrungen von Melanie Wolfers als Autorin.
Sich von den Themen finden lassen, gehört zu den Erfahrungen von Melanie Wolfers als Autorin.
© Manuela HOLZER-HORNY - www.picts.at

Der Advent steht vor der Tür. Erfordert auch der Advent Mut von uns?
Melanie Wolfers:
Advent ist eine Zeit des Wartens. Wir leben in einer Gesellschaft, die nicht gerne auf etwas wartet und die Geduld schnell als Schwäche abtut. Doch Geduld hat etwas mit Tapferkeit zu tun. Mit der Kraft „dranzubleiben“ und durchzuhalten, auch wenn es einen etwas kostet. Ich denke an einen Menschen, der an einer schweren Krankheit leidet und Tag für Tag versucht, nicht zu verbittern. Oder an eine Lehrerin in einem „Problemviertel“, die ihre Schüler nicht aufgibt, obwohl sie ihr den letzten Nerv rauben. Der Advent kann uns darauf aufmerksam machen, wo es im grauen Alltag Tapferkeit braucht. Er hält dazu an, nicht verfrüht das Kommen Christi zu feiern und die Geschenke nicht zu früh auszupacken. Und er lädt in dunklen Zeiten dazu ein, dass wir uns vertrauensvoll und tapfer dem Licht entgegenstrecken, das kommen wird. Ähnlich wie die Sonnenblume, die noch in der Nacht ihren Kopf in jene Richtung wendet, wo die Sonne aufgehen wird.


Wenn Sie von der „Kunst, mutig zu sein“ schreiben, heißt das doch, dass man Mut lernen kann. Aber braucht es für Mut nicht Talent?
Wolfers:
Natürlich gibt es Menschen, die eher ängstlich oder draufgängerisch sind. Aber Mut kann man einüben: Wir werden dadurch mutig, dass wir in kleinen Schritten mutig handeln. Indem man Tag für Tag etwas tut, vor dem man ein bisschen Angst hat, verlässt man die Komfortzone und vergrößert den eigenen Freiheitsraum. Mut ist für jeden etwas anderes. Eine Leserin hat mir geschrieben, Mut sei für sie, dass sie jeden Morgen aufstehe. Es hat sich gezeigt, dass die Frau an einer Angststörung leidet. Sie steht jeden Morgen seelisch vor einem „Himalaya-Gebirge“. Wie mutig und tapfer diese Frau ist, hat mich zutiefst berührt.


Bei Mut denken viele Menschen an Helden. Schraubt das die Herausforderung nicht hoch?
Wolfers:
Es gibt Heldinnen wie Sophie Scholl, die wie Leuchttürme sind. Aber Mut ist vor allem eine Alltagstugend: Treffe ich eine Entscheidung mit offenem Ausgang? Traue ich mich, vor anderen eine ungewöhnliche Idee vorzubringen? Riskiere ich etwas und mache mich ein Stück weit verwundbar? Mut öffnet im Alltag die Tür zu einem Leben in Beziehungen. Wenn ich immer auf Distanz bleibe, um nicht verletzt zu werden, entsteht keine Beziehung.


Lebensumstände, bei denen die allermeisten Menschen Mut benötigen, können zum Beispiel Lebensentscheidungen wie eine Ehe oder ein Ordenseintritt sein. Welche Rolle darf bei diesen Entscheidungen die Gefahr des Scheiterns spielen?
Wolfers:
Das Scheitern ist eine reale Möglichkeit und gehört zum Leben dazu. Wir alle treffen Entscheidungen in eine offene Zukunft hinein und müssen daher nüchtern mit der Möglichkeit des Scheiterns rechnen. Die Angst davor kann zu Entscheidungsblockaden führen. Nur ist es die schlechteste Entscheidung, sich nicht zu entscheiden. Daher braucht es auch ein Vertrauen darauf, dass ich einen Weg finde, damit zu leben, wenn etwas anders ausgeht als erhofft. Dom Hélder Câmara hat einmal gesagt: „Es ist eine göttliche Gnade, gut zu beginnen. Es ist eine größere Gnade, auf dem Weg zu bleiben und den Rhythmus nicht zu verlieren. Die Gnade aller Gnaden ist es aber, wenn auch zerbrochen und erschöpft, vorwärts zu gehen bis zum Ziel.“
Wenn ich als Salvatorianerin sterben werde – was ich hoffe –, dann ist es eine Gnade, dass ich meiner Entscheidung treu geblieben bin. Ich werde mein Bestes dafür tun. Aber ich kann meine Hand nicht für mich ins Feuer legen. Niemand kann das.


Mit Blick auf Ihre Bücher frage ich mich: Sind Sie mehr Autorin oder mehr Seelsorgerin? Ich vermute einmal, sie sind eine Seelsorgerin, welche die Mittel der Autorin nutzt.
Wolfers:
Ich bin Seelsorgerin mit Haut und Haaren und bezeichne mich gerne als „Mundwerkerin“: Als Autorin, Seminarleiterin oder in der geistlichen Begleitung hoffe ich, mit den Mitteln der Sprache Menschen zu einem gelingenden Leben zu ermutigen.  


Mut, Freundschaft, Vergebung, Glaube – einige Themen Ihrer Bücher behandeln intime Aspekte des Lebens. Glauben Sie, dass manche Menschen die Distanz über das Medium Buch schätzen, weil es ihnen im direkten Kontakt zu intim wird?
Wolfers:
Sicher. Ich habe aber auch den Eindruck, dass viele Menschen darunter leiden, dass sie keine Möglichkeiten finden, über solche Themen sprechen zu können. Wir erleben eine Armut auch an Gesprächspartner/innen. Unsere Pfarrgemeinden sind häufig nicht der Raum dafür. Wir müssen es im Blick behalten, Erfahrungs- und Gesprächsräume zu schaffen, wo Menschen über diese Themen in Austausch kommen können.


Manchmal werden Ihre Bücher auch als Ratgeber bezeichnet. Haben Sie den Eindruck, dass der gute Rat heute mehr fehlt als früher?
Wolfers:
Meine Bücher geben nie einen konkreten Rat im Sinne von „sieben Schritte zum Glück“. Ich möchte vielmehr einen Raum für die Nachdenklichkeit eröffnen, damit Menschen mit sich selbst in Kontakt treten. Damit sie auf wichtige Fragen aufmerksam werden und ihre Antwort geben. Wir sind heute viel mehr als früher der eigenen Freiheit überantwortet. Wenn man vor 50 Jahren in einem katholischen Milieu aufgewachsen ist, war ziemlich klar, was geht – und vor allem: was nicht geht. Heute ist das nicht mehr so. Um das eigene Leben erfüllend zu gestalten, braucht es außerdem ein gutes Gespür für sich selbst. Genau das fördert unsere Gesellschaft aber nicht, sondern wir lenken uns mit vielen verschiedenen Medien ab. 


Auf der Suche nach der eigenen Identität muss man also mutig sein? 
Wolfers:
Wenn man sich mit sich selbst beschäftigt, kommen auch Dinge hoch, vor denen man gerne flieht: unangenehme Gefühle, Neid, Zorn, Ohnmacht, Scham, Enttäuschung, ... Deshalb braucht es den Mut, sich selbst kennenlernen zu wollen. Und es ist hilfreich, im Blick zu haben, dass man sich mit der Zeit verändert. Treue zu sich selbst bedeutet auch, zu dieser Veränderung zu stehen. Es erfordert zum Teil mehr Mut, seine Meinung zu ändern, als bei ihr zu bleiben.


Stellen Sie sich beim Schreiben konkrete Menschen als Leser/innen vor? 
Wolfers:
Ich kann nur über Themen schreiben, bei denen ich selbst Fragen habe. Insofern ist mein Schreiben immer auch autobiografisch. Und ich bin viel in der Begleitung von Menschen tätig. Vor allem in diesen Begegnungen finde ich die Themen – oder besser: die Themen finden mich. Ich nehme eine Not oder Sehnsucht wahr, denke darüber nach und beginne zu schreiben. Dabei stehen mir zwar nicht einzelne Menschen vor Augen, aber ich schreibe dennoch im Blick auf die Menschen, mit denen ich in Kontakt bin. 

 

 

Zur Person

 

Melanie Wolfers 

Die Autorin mehrerer Bestsellerbücher aus den Bereichen Theologie, Spiritualität, Jugendbuch und Lebenshilfe hat Theologie und Philosophie studiert und trat 2004 der Ordensgemeinschaft der Salvatorianerinnen in Österreich bei. Als Seelsorgerin und Vortragende viel unterwegs, hat die heute 47-Jährige ihr Lebenszentrum nach wie vor in der Bundeshauptstadt.

Fastenserie. Bereits zweimal schrieb Wolfers die Fastenserie in unserer Zeitung und wird auch 2019 unsere Leser/innen durch die Fastenzeit in Richtung
Ostern begleiten. Ihr aktuelles Buch heißt „Trau dich, es ist dein Leben. Die Kunst, mutig zu sein“ und ist im Verlag „Bene!“ erschienen.
 

Weitere Information: www.melaniewolfers.at

 

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