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„Negative Asylbescheide tun allen weh“

Gesellschaft & Soziales

Ehrenamtliche und professionelle Helfer/in­nen sind erschüttert: Flüchtlinge, die sie betreuen, sind zunehmend von Abschiebung bedroht. Dabei sind ein Drittel der Negativbescheide falsch, sagt Sarah Kotopulos von SOS-Menschenrechte im Gespräch mit der KirchenZeitung.

Ausgabe: 2018/11
13.03.2018
- Christine Grüll
© www.GregorHartl.at

Wie erleben Sie die verschärfte Asylpolitik?
Sarah Kotopulos:
Das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl hat das Personal mehr als verdreifacht. Deshalb kommen jetzt mehr Bescheide und in erster Instanz auch viele Negativbescheide. Bei 75 Prozent reichen die unabhängigen Rechtsberatungen Beschwerde beim Bundesverwaltungsgerichtshof ein. Jetzt hat sich herausgestellt, dass 36 Prozent in dieser zweiten Instanz aufgehoben werden. Man kann sagen, jeder dritte Negativbescheid in erster Instanz ist falsch. Da gibt es ein großes Problem im System. Außerdem werden durch Aussagen von Innenminister Kickl Ängste bei Flüchtlingen und freiwilligen Helfern und Helferinnen geschürt. Geplant sind große Bundesbetreuungszentren, in denen Flüchtlinge von der Gesellschaft ausgeschlossen sind und sich nicht integrieren können. Das erleichtert die Abschiebung. Und wenn auch die unabhängige Rechtsberatung in Bundeshand übergeht, dann ist das eine Katastrophe. Die Liste der sicheren Herkunftsstaaten ist ausgeweitet worden. Die Regierung will zeigen, dass sie alles tut, damit nicht zu viele hierbleiben und sogenannten Asylmissbrauch begehen können. Das sind politische Maßnahmen, aber dass es um Menschen geht und nicht um Zahlen, das wird oft einfach vergessen.


Wie macht sich die Situation bei Ihnen und Ihrem Team in der Zusammenarbeit mit geflüchteten Menschen bemerkbar?
Kotopulos:
Im Flüchtlingswohnheim von SOS-Menschenrechte in Linz wohnen rund 15 verschiedene Nationen, darunter auch viele Afghanen. Ständig passieren Anschläge in Afghanistan, Verwandte und Freunde werden umgebracht. Das Land gilt aber nach wie vor als sicheres Herkunftsland. Die Menschen haben unglaubliche Angst, dass sie die Nächsten sind, die abgeschoben werden. Sie haben keine Perspektive, sind gestresst und leiden oft unter Depressionen. Unsere Betreuerinnen und Betreuer führen viele Einzelgespräche. Die Zahl der Freiwilligen geht massiv zurück, weil sie keine Kraft mehr haben. Das ist verständlich. Sie ­bauen Beziehungen auf, verbringen ihre Freizeit mit Flüchtlingen, helfen bei Lehre und Ausbildung und dann kommen Negativbescheide. Das tut weh. Auch die Rechtsberater und Rechtsberaterinnen kommen bei den Novellen im Asylrecht kaum nach. In den letzten zehn Jahren wurde es rund 15 Mal geändert. Auf der anderen Seite gibt es viele, die sagen :„Mir reicht’s“, und für uns Spenden sammeln.


Der Verein SOS-Menschenrechte wurde vor 25 Jahren für eine menschenwürdige Flüchtlingspolitik gegründet. Warum braucht es ihn immer noch?
Kotopulos:
Unser Ziel wäre, uns selbst überflüssig zu machen. Aber dass jeder Mensch unter Wahrung der Menschenrechte behandelt wird, ist momentan nicht Realität. Man sollte den Flüchtlingen auf Augenhöhe begegnen und sehen, mit welchen Fähigkeiten sie hier ankommen. Diese Menschen haben Lebenslösungsenergien bewiesen. Das ist ein Potenzial für unsere Gesellschaft. Die individuellen Geschichten zu zeigen, Begegnungsorte zu schaffen, das wird es immer brauchen.


Sie sind Geschäftsführerin von SOS-Menschenrechte und Mitbegründerin des Vereins Brave­aurora für benachteiligte Kinder in Ghana. Was bedeutet Helfen für Sie?
Kotopulos:
Ich bin überzeugt davon, dass man, wenn viele Menschen kleine Schritte tun, etwas verändern kann. Jeder kann in seinem Umfeld ein Vorbild sein und darauf schauen: Wo kommen Lebensmittel und Kleidung her, bin ich offen für Begegnungen mit Menschen aus anderen Kulturkreisen? Das ist wichtig, um die Gesellschaft positiv zu gestalten. Durch Begegnung kann viel entstehen, über Grenzen hinweg. Mit SOS-Menschenrechte setzen wir uns für Flüchtlinge ein, mit Braveaurora für nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit. Damit sich die Menschen nicht erst auf den Weg zu uns machen müssen. «
 

www.sos.at, www.braveaurora.com

© www.GregorHartl.at
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