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Inhalt:
Interview

Neue Fernsehserie „Himmel, Herrgott, Sakrament“

KIRCHE_OÖ

Der Titel klingt wie ein Fluch, im gleichnamigen Buch des Münchner Pfarrers Rainer Maria Schießler ist damit allerdings das gemeint, was für ihn Kirche seit jeher bedeutet.

Ausgabe: 28/2023
11.07.2023
- Susanne Huber
Rainer Maria Schießler
Rainer Maria Schießler
© Felix Hörhager/dpa/picturedesk.com

Derzeit laufen in der Hauptstadt Bayerns die Dreharbeiten zur sechsteiligen Serie „Himmel, Herrgott, Sakrament“, die sich an Schießlers Werk anlehnt.  

 

Waren Sie überrascht, dass „Himmel, Herrgott, Sakrament“ verfilmt wird? 


Rainer Maria Schießler: Nein. Bereits 2017 hat der Verlag, dem ich damals alle Rechte gegeben habe, den Titel an eine Produktionsfirma verkauft und es war klar, das wird verfilmt, denn dieser Titel ist außergewöhnlich. Der reißt alles mit. Dass Regisseur Franz Xaver Bogner aus Bayern Interesse daran gezeigt hat, ist natürlich toll, weil er als Filmemacher jahrzehntelang für Qualität bürgt. 

 

Haben Sie sich beim Dreh einbringen können? 


Schießler: Am Set habe ich mich zurückgehalten. Es gibt nur wenige Begebenheiten, die eins zu eins aus meinem Buch für die Serie übernommen wurden. Der Großteil der Inhalte sind frei erfundene Geschichten. Was den Dreh betrifft, so haben Franz Xaver Bogner und sein Team aber stets das Gespräch mit mir gesucht und gefragt: Macht ein Pfarrer so etwas, ist das realistisch, wie findet was, wo statt. Da bin ich ihnen gerne zur Seite gestanden. Schauspieler Stefan Zinner, der die Hauptrolle des Pfarrers spielt, war immer wieder bei meinen Gottesdiensten dabei und studierte den Ablauf der Messe. Ich habe ihm auch einen Trockenkurs für einen Jungpriester gegeben und ihm das beigebracht, was wir als Studenten vor der Weihe gelernt haben – wie zieht man sich an, wie macht man den Segen, also dass man das Kreuz schön in der Luft zeichnet und nicht wie ein Scheibenwischer am Auto. In der Serie geht es laut Regisseur Bogner um eine Kirche zum Anfassen, es geht um den Typus dieses Pfarrers à la Schießler, den die Menschen angreifen können, den die Menschen auch angehen können, wo die Menschen wissen, der springt ihnen nicht gleich ins Gesicht, wenn sie ihn kritisieren, aber er geigt ihnen seine Meinung. Und vor allem: Er trägt nichts nach. 

 

Dieser Typus von Pfarrer – wie würden Sie sich selber beschreiben?  

Schießler: Mein Spitzname vor Jahren im Priesterseminar war Rainer rüstig – das ist die beste Beschreibung.

 

Apropos rüstig: In Ihrem Urlaub haben Sie von 2006 an mit Unterbrechungen bis 2018 beim Oktoberfest als Wiesbedienung gearbeitet und Ihren Lohn einem guten Zweck gespendet. Ist das im Herbst wieder geplant?  


Schießler: Das würde ich sofort wieder machen, aber heuer nicht. Urlaub steht jetzt im Juli in der Bretagne auf dem Programm.    

 

Sie sind seit 30 Jahren Pfarrer von Sankt Maximilian in Münchens Szeneviertel. Obwohl die Kirche schrumpft, sind Ihre Gottesdienste immer gut besucht. Wie gelingt es Ihnen,  die Schätze der Kirche auszugraben und die Menschen für den Glauben zu begeistern?  


Schießler: Wo ist der Schatz begraben? In mir selber. Das heißt, das gelingt nur mit 100 Prozent Authentizität. Sie kennen das Gleichnis vom Schatz im Acker? Was wir daraus lernen sollen, ist: Wenn du zu diesem verborgenen Schatz gelangen willst, bekommst du ihn nur, wenn du den Acker kaufst mit all dem Dreck, mit all der Arbeit, die damit verbunden ist. Es reicht nicht, ein paar Rosinen über die Leute auszustreuen, sondern sie müssen dich als Pfarrer erleben als einen ringenden, als einen kämpfenden, als einen werkelnden Typen. Dann sagen die Menschen, das interessiert mich, wie der das angeht.   

 

Eine Frage, die Sie sich jeden Tag stellen, ist, hast du Mut zur Veränderung. Ihre Antwort ist sicher nicht jeden Tag die gleiche ... 


Schießler: Nein. Ich muss nicht auf Gedeih und Verderb alles verändern, ich muss schon auch hinterfragen. Neben dem Mut braucht es die Vernunft. Wichtig ist zu wissen, warum ist eine Veränderung notwendig. Und dann musst du bereit sein, sie durchzuziehen. Viele Leute fragen: Wann schafft ihr das Zölibat ab? Sage ich: Wir schaffen nichts ab, sondern wir verändern uns. Das heißt, wir erkennen, dass wir weitergehen dürfen. Dass es eine Selbstverständlichkeit ist, dass Laien, verheiratete Männer und Frauen, Sakramente spenden, das müssen wir lernen. Das heißt aber nicht, dass alles davor überflüssig war. Ohne die Tradition, ohne die Wurzeln hast du keine Vision und keine Zukunft. Aber du musst dich trauen, Veränderungen anzugehen. Und diese Kirche traut sich definitiv nicht. Doch die Kirche schrumpft. Heute bieten wir zunehmend keine Messen mehr an, weil wir zu wenig Priester haben. Also muss ich mir doch andere Wege überlegen, wie Seelsorge in Zukunft stattfinden soll. Es braucht eine Kirche, die wieder Mut hat, auch etwas auszuprobieren – wie vor 60 Jahren nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Ich bin Jahrgang 1960 und 1987 zum Priester geweiht worden. Das ist ein toller Beruf, ich habe ihn immer als spannend empfunden, es macht mir wahnsinnig viel Spaß, ihn auszuüben. Kein Tag ist wie der andere. Ich kann gar nicht verstehen, dass keiner mehr Interesse daran hat. Aber das Umfeld veränderte sich.

 

Wie war das damals für Sie?


Schießler: Ich bin in einer Kirche groß geworden und in eine Kirche eingestiegen, die nach vorne schaut. Für uns war Kirche: Tore aufmachen, sofort eine Feststellbremse reinlegen und nicht mehr zumachen. Hier weht der Wind durch. Wir sind am Verändern. Kirche ist wie eine Gestalt mit weit ausgebreiteten Armen. Wie Christus, der Erlöser, die Christusstatue in Rio de Janeiro in Brasilien. So haben wir uns Kirche vorgestellt und nicht wie wir sie dann im Laufe der Zeit erlebten, etwa mit quälenden Diskussionen, wenn es in Briefen von oberster Stelle heißt, dass wir Leute nicht segnen dürfen, bloß weil sie eine andere sexuelle Orientierung haben.  


Was macht Ihnen Mut, dranzubleiben?


Schießler: Die zweitausend Jahre Kirchengeschichte. Kirche gibt es nur im Prozess. Kirche ist immer unterwegs. Kirche war nie fertig. Sie ist heute nur deswegen da, weil sie sich immer verändert hat. Vor 100 Jahren haben Menschen ganz anders gelebt und ganz anders geglaubt. Wir haben uns weiterentwickelt. Wir denken nicht daran, einen Kreuzzug zu machen, genauso wie wir jetzt begriffen haben, dass es nie mehr Vertuschung von Missbrauch geben darf. Kirche ist immer im Prozess. Was wir zu tun haben, ist nicht etwas Fertiges zu erwarten, sondern jetzt die Bausteine zu liefern, damit wir ein schönes Haus hinbauen und daran weiterbauen können. Das ist ein großer Wunsch von mir für die katholische Kirche. Und Auftrag. Wenn sie das nicht tut, macht sie sich selber überflüssig.
Was die Serie betrifft, so hoffe ich, dass durch sie die Möglichkeit besteht, Menschen, die daheimsitzen, die keine Berührung mit Kirche haben, über dieses Medium uns gegenüber positiv gestimmt werden. Die Kirche hat wegen all der Skandale so viel Shitstorm-Presse bekommen, dass jede Gelegenheit, uns ein bisschen fröhlich und freundlich darzustellen, hilft.   

 

 

Buchtipp: Rainer M. Schießler, Himmel, Herrgott, Sakrament. Auftreten statt austreten. Kösel-Verlag München, 7. Auflage, 2016, Taschenbuch € 10,70.

 

 

NEUE PFARRER-SERIE

 

In München laufen noch bis Ende Juli die Dreharbeiten zur neuen Serie „Himmel, Herrgott, Sakrament“. Die sechsteilige Reihe lehnt sich an das gleichnamige Sachbuch des bekannten Pfarrers Rainer Maria Schießler an, der in München die Pfarren St. Maximilian und Heilig Geist leitet.

 

Regie zur Koproduktion von BR Fernsehen und ORF führt der bayerische Regisseur Franz Xaver Bogner, berühmt für Kultserien und Filme wie „Irgendwie und sowieso“ (1986) und „Das ewige Lied“ (1997) rund um Pfarrer Joseph Mohr. Gemeinsam mit Marcus Pfeiffer und Stefan Betz schrieb Bogner die Drehbücher zu „Himmel, Herrgott, Sakrament“. Komödiantisch ausgerichtet, geht die Serie den großen Fragen des Glaubens von heute aber nicht aus dem Weg. 

 

In der Geschichte geht es um Pfarrer Hans Reiser, gespielt von Stephan Zinner, der nach glücklichen Jahren als Seelsorger auf dem Land eine „Problemgemeinde“ in München übernimmt. Mit seiner offenen Art gelingt es ihm, seine Gemeinde wieder mit Leben zu füllen. In weiteren Rollen zu sehen sind u. a. Anne Schäfer, Erwin Steinhauer und Fritz Karl. Gesendet wird die Serie voraussichtlich im Spätherbst 2023 im BR Fernsehen, in der ARD Mediathek und in ORF 2. 

 

 

 

Zum Foto: Er ist weit über die Grenzen Münchens hinaus bekannt: Rainer Maria Schießler (62), seit 30 Jahren Pfarrer von Sankt Maximilian, seit 12 Jahren zusätzlich von Heilig Geist im Zentrum Münchens. Schießler, der fest im Glauben steht, aber trotzdem immer wieder offen Kritik an der katholischen Kirche übt, gilt als unkonventioneller Seelsorger mit medienwirksamen Veranstaltungen.   

Die Schauspieler Stephan Zinner und Anne Schäfer beim Dreh zu „Himmel, Herrgott, Sakrament“.
Die Schauspieler Stephan Zinner und Anne Schäfer beim Dreh zu „Himmel, Herrgott, Sakrament“.
© Peter Kneffel / dpa / picturedesk.com
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