Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.
Ein kleines tönernes Öllämpchen. In Enns hat man es aus der Erde gegraben. Man vermutet, dass es im 4. oder 5. Jahrhundert aus dem nördlichen Afrika gekommen ist. Das Besondere: Es trägt das Christus-Zeichen. Jemand hat dieses „Glaubenslicht“ den weiten Weg hierher mitgenommen. Über die Jahrhunderte hat dieses Licht in den Stürmen der Zeiten oft bedenklich zu flackern begonnen. Doch erloschen ist es nie.
Die ersten Christinnen und Christen gab es in Oberösterreich vermutlich schon gegen Ende des 2. Jahrhunderts. Eine schwere Zeit war es am Anfang. Der hl. Florian erlitt 304 mit 40 Gefährt/innen den Märtyrertod. Wenige Jahre später – ab 313 – sollte das Christentum im Römerreich Staatsreligion werden. Gut hundert Jahre darauf wirkte der hl. Severin im Donauraum, als die Römerzeit dem Ende zuging und die Germanenstämme vorrückten. Er sorgte für einen relativ friedlichen Übergang. Die Gegend wurde zum Land der Bayern. Eine erste kirchliche Blütezeit begann. Kirchen in Lorch (Enns-St. Laurenz), in Maria Anger auf dem Georgenberg bei Micheldorf und auch in Wels gab es bereits.
Es waren Mönche aus Irland und England, die dem Christentum in der Donau- und Alpenregion neue Impulse gaben. Mönche prägten das kirchliche Leben in dieser Epoche. Die Klöster Mondsee (748), Mattsee (777) und Kremsmünster (777) wurden gegründet. Mit der Zahl der Bevölkerung wuchs auch die Zahl der kirchlichen Gründungen. Die zahlreich entstehenden Kirchen gehörten freilich damals den Gutsherren. Der Linzer Kirchenhistoriker Rudolf Zinnhobler verweist auf dieses erstaunliche Aufblühen von Kirche im Spätmittelalter bis zum Beginn der Neuzeit. 233 Seelsorgestellen sind für das heutige oberösterreichische Gebiet aus dieser Zeit belegt. Zugleich war es für die Klöster eine Blütezeit. Freilich, das Pfründenwesen hatte Schattenseiten, es gab den Handel damit. Besitz und die damit verbundene Macht standen oft im Vordergrund.
Während einerseits die Armutsbewegungen – die berühmteste ist jene des Franz von Assisi – auf eine Erneuerung der Kirche drängten, bahnte sich bereits die Reformation an. Es ist die gewaltigste Zäsur in der Kirchengeschichte, die die folgenden Jahrhunderte prägen sollte, das Ringen um Reformen und die Reformation, die in Martin Luther ihre prägendste Gestalt fand.
Die Reformation hat auch das Land ob der Enns verändert und geprägt. Das Land war mehrheitlich evangelisch geworden. Das heutige Landhaus war evangelische Schule. Die Bauernkriege im Land ob der Enns sind nur ein Beispiel der oft blutigen Auseinandersetzungen. Die Gegenreform kam, Protestanten waren kaum noch geduldet. Flucht und Vertreibung waren ihr Schicksal, später, unter Karl V. bereits, noch später unter Maria Theresia, wurden sie nach Siebenbürgen ausgesiedelt. Die unmündigen Kinder mussten in der Zeit Maria Theresias zurückbleiben, um katholisch erzogen zu werden.
Die Katholische Erneuerung brauchte lange, um sich durchzusetzen. Wieder waren es die Orden, die die Erneuerung vorantrieben. Obwohl sie im Zuge der Reformation schwer in der Krise darniederlagen, entfaltete sich das Ordensleben relativ rasch neu. Ab dem 17. Jahrhundert haben 15 Orden in 17 Gemeinden Niederlassungen gegründet, alte Orden wurden wiedererichtet.
Der katholischen Kirche fehlte der Klerus. Bereits damals half man sich, indem man „ausländische“ Priester ins Land holte, vor allem aus Italien. Nicht immer waren sie gern gesehen, zumal es auch Verständigungsprobleme gab. Gegen den Priestermangel wurde 1672 in Linz mit einer eigenen Priesterausbildung begonnen.
Das Kirchengebiet im heutigen Oberösterreich war um das Jahr 1640 in zehn Dekanate gegliedert. Die Dekanatssitze waren weitgehend andere als heute: im Mühlviertel Pfarrkirchen und Freistadt, südlich der Donau Pischelsdorf, Mauerkirchen, Schärding, Eberschwang, Atzbach, St. Georgen im Attergau, Linz und Lorch.
Allmählich blühte eine neue Volksfrömmigkeit auf, religiöse Bruderschaften und Marianische Kongregationen entstanden, die Jesuiten boten Exerzitien an. Gab es vor der Reformation 37 mittelalterliche Marien-Wallfahrtsstätten, so betrug ihre Zahl nun in der Barockzeit rund 170. Adlwang und Maria Scharten waren die beliebtesten Wallfahrtsorte. Die Pöstlingberg-Wallfahrt kam ab dem Jahr 1716 dazu. Auch Kreuzwege und Kalvarienberge wurden in der Barockzeit errichtet. Passionsspiele und das Schultheater wurden als Mittel der barocken Glaubensvermittlung eingesetzt.
Mehr als ein Jahrtausend gehörte das oberösterreichische Gebiet zur riesigen Diözese Passau, die sich bis an die ungarische Grenze erstreckte. Nun bahnte sich das Ende dieser Epoche an. Für das Pfarrleben in Oberösterreich war die Zeit Josephs II. – Kaiser von 1780 bis 1790 – eine wichtige Epoche. Er schuf Fakten, als er 1783 die Diözesen Linz und St. Pölten gründete – erst zwei Jahre später kam die Bestätigung aus Rom. Niemand sollte länger als eine Stunde zu Fuß in seine Pfarrkirche brauchen. Also gründete er zahlreiche Pfarren. Ihre Zahl wurde auf oberösterreichischem Gebiet annähernd verdoppelt. Gleichzeitig ließ Joseph II. die Klöster der beschaulichen Orden, die keine Seelsorgedienste oder sozialen Dienste leisteten, schließen. Mit dem „Toleranzpatent“ von 1781 gestand Joseph II. den evangelischen Kirchen das Recht, im Privaten die Religion auszuüben, zu. Wo sich 100 Familien oder 500 Gläubige fänden, könnten sie eine Gemeinde bilden. So kam es zu den Gründungen der neun Toleranzgemeinden in Rutzenmoos, Wallern, Scharten, Goisern, Wels, Thening, Neukematen, Eferding und Gosau.
Das 19. Jahrhundert – mit der Revolution 1848 gegen den Absolutismus – brachte neue Spannungen. Nach dem Schock der Französischen Revolution mit ihrer antikirchlichen Haltung gab es eine starke kirchliche Orientierung an Rom. Politisch kam es zu den Spannungen zwischen den liberalen Kräften im Land und dem katholischen Flügel. Im Sozialen leisteten viele Orden zwar Großartiges: Neue Orden nahmen sich um Kranke an und schufen Bildungsmöglichkeiten. Mit der ersten Sozialenzyklika „Rerum novarum“ hatte Papst Leo XIII. einen Meilenstein gesetzt, doch der Graben, der sich zwischen Arbeiterschaft und Kirche aufgetan hatte, war bereits zu groß. Das Vertrauen war nicht mehr da.
Kirche wurde nicht mehr als Volkskirche im Ganzen gesehen, sondern als Vertreterin nur eines Teiles des Volkes. Die Gesellschaft zerfiel in Lager. In der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts brachen die Spannungen gewaltsam aus. Die Verarmung infolge des Ersten Weltkrieges bereitete zusätzlich den Nährboden für den Nationalsozialismus.
Das 20. Jahrhundert ist geprägt von dem Schatten des Nationalsozialismus, der sich über die Welt gezogen hat. Im Gedenkjahr 2018 werden diese Wunden, aber auch die Zeugnisse aus dieser Zeit, schmerzlich in Erinnerung gerufen.
Für die katholische Kirche bedeutet das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) einen Neuaufbruch. Die Kirche löste sich von einem autoritär-hierarchischen Kirchenverständnis hin zu einer Kirche, der es um die Freuden und Sorgen der Menschen geht. Mit Reformen, vor allem in der Liturgie, nahm dies konkrete Gestalt an. Das „Volk Gottes“ selbst steht im Zentrum. Den Laien wird – wie es schon im Mittelalter war – auch Verantwortung zugemessen. Neue kirchliche Berufe entstanden, von Pfarrassistent/innen bis zum Einsatz ehrenamtlicher Seelsorgeteams. Schon zuvor kam es zu einem Erwachen der Laienbewegungen. Vor und nach dem Zweiten Weltkrieg gab es zahlreichen Gründungen: die Katholische Aktion, die Caritas und Bildungseinrichtungen entstanden. In einer Diözesansynode wurde 1970 bis 1972 beraten, wie die Impulse des Konzils umzusetzen wären. Neben den Pfarren entstanden spezielle Felder der Seelsorge, von Betriebspastoral bis hin zur Krankenhausseelsorge. Die Ökumene erfuhr einen noch nie dagewesenen Aufbruch. Auch die Pfarrlandschaft änderte sich, vor allem in den Zuzugsgebieten der Städte wurden neue Kirchen gebaut und Pfarren errichtet, auch regionale Bildungszentren entstanden.
Erneut versucht die Diözese Linz Antwort zu finden auf die Herausforderungen der Gegenwart. Umbrüche prägen das gesellschaftliche Leben, sie verändern auch die Religiosität, überhaupt das menschliche Selbstverständnis. Der rasche Rückgang der Gottesdienstbesucher, die veränderte Wahrnehmung der Kirche in der Öffentlichkeit, die Missbrauchskrisen, der Mangel an hauptberuflichen Seelsorger/innen – das alles sind Heraussorderungen, die neue Antworten erfordern. Der gegenwärtige Prozess unter dem Leitwort „Kirche weit denken“ soll dazu dienen. Das Öllämpchen aus Lorch. Es leuchtet – und flackert.

Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.
Turmeremitin Birgit Kubik berichtet über ihre Woche in der Türmerstube hoch oben im Mariendom Linz >>

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