Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.
Wenn Veronica Gradl auf die globalisierte Welt blickt, auf das politische, wirtschaftliche und zwischenmenschliche Klima, dann sieht sie, wie dringend notwendig die Menschen heilige Räume haben. Denn in sakralen Räumen können die Schwingungen des „Heiligen“ wahrgenommen werden. Verliert der Mensch die Anbindung zum Heiligen, besteht die Gefahr, dass er zügellos wird. „Die unbekannten Potenzen, die von Natur aus in unserer Denkfähigkeit angelegt sind, werden enorm gefährlich, wenn sie sich zügellos entgrenzen dürfen“, sagt Veronica Gradl. Dann würden die Sehnsüchte der Menschen Kräfte produzieren, die die Menschheit und generell das Leben auf der Erde zerstören würden.
Die Ärztin, Psychoanalytikerin und Psychotherapeutin Veronica Gradl eröffnete mit ihrem Vortrag im Pfarrzentrum Linz-Marcel Callo in Auwiesen das Symposium „Kirchenräume weit denken“. Es fand von 28. bis 30. März 2019 im Rahmen des Prozesses „Zukunftswege“ der Diözese Linz statt und widmete sich der Frage, wie Kirchenräume gleichzeitig für Liturgie beziehungsweise Gebet und für profane Veranstaltungen genutzt werden könnten.
In seinem Impuls sprach Bischof Manfred Scheuer darüber, dass Räume widerspiegeln, ob in ihnen eine Kultur des Miteinanders oder die Verwahrlosung des Miteinanders gelebt würde. „Wer ein Gotteshaus betritt, der nimmt wahr, ob da Anbetung und Sammlung die Atmosphäre prägen, ob er ein Museum betritt, ob der Mief der Vergangenheit die Gegenwart überwiegt.“ Auch Menschen, die nicht religiös sozialisiert sind, spüren die Anziehungskraft von Kirchenräumen. Kirchen könnten in ihrer Funktion als Ort der Zuflucht wiederentdeckt werden, als ein „Obdach für die Seele“ für alle, die auf der Suche nach einem zweckfreien, nicht fremdbestimmten Platz seien, so der Bischof. Deshalb können Kirchen wieder Mittelpunkt von Stadt und Land sein: Sie können das Leben der Gesamtbevölkerung positiv beeinflussen und auch das Leben der christlichen Gemeinden vor Ort.
Kirchen dienten in der Vergangenheit nur zu einem geringen Teil der Seelsorge und wurden zum Beispiel von Adeligen für Repräsentationszwecke genutzt. Daran erinnerte der Bonner Liturgiewissenschafter Albert Gerhards in seinem Vortrag am 29. März. Sakralbauten haben die Jahrhunderte auch deshalb überstanden, weil sich die Art ihrer Nutzung immer wieder verändert hat – „eine praktizierte Selbstverständlichkeit“, so Gerhards. Die säkulare Nutzung von Kirchen in der Vergangenheit kann Hinweise darauf geben, wie die Räume heute in einer erweiterten weltlichen Form genutzt werden könnten. Die Nutzungserweiterung oder Umnutzung sei jedenfalls kein notwendiges Übel, sondern eine Chance, Kirche auf andere Weise in einer veränderten Welt gegenwärtig zu machen. Als ein Beispiel nannte Albert Gerhards die ehemalige Friedenskirche in Bochum, die zu einem Sozialzentrum mit Kapelle umgebaut wurde. Kirchengemeinden sollten von der Kirchenleitung dazu ertüchtigt werden, die brachliegenden Möglichkeiten des Gebäudes zu erkunden. „Das kann auch zu einer Revitalisierung des Gemeindelebens beitragen.“
Am 29. und 30. März sprachen unter anderen der Innsbrucker Pastoraltheologe Christian Bauer über „Heiligkeit jenseits des Sakralen“ sowie Christoph Freilinger vom Österreichischen Liturgischen Institut über „Symbolerfahrung im sakralen Raum“. Knapp 100 Personen aus allen österreichischen Diözesen nahmen an dem Symposium teil, darunter Pfarrer und Pfarrassistent/innen sowie haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter/innen. Ziel des Symposiums sei es, ins Handeln zu kommen und Zukunft zu gestalten, sagte Organisatorin Beate Schlager-Stemmer, Referentin für Pfarrgemeinderäte und Pfarrgemeindliches Bauen im Pastoralamt der Diözese Linz. Es gäbe beim Thema „erweiterte Nutzung von Kirchenräumen“ keine klar definierte Grenze zwischen dem Profanen und dem Sakralen. Aber es gehe darum, beides miteinander in Beziehung zu setzen und auf das Heilige hin auszurichten, so Beate Schlager-Stemmer. „Es geht um die Weiterentwicklung von Räumen, damit sie leben.“
Im Bild: Friedenskapelle in der ehemaligen Friedenskirche in Bochum. Die Kirche ist seit 2015 Stadtteilzentrum und wird von der Evangelischen Kirchengemeinde Bochum und vom „Verein Ifak – Multikulturelle Kinder- und Jugendarbeit und Migration“ genutzt. Der ehemalige Kirchenraum und ein Anbau beherbergen neben der Friedenskapelle Veranstaltungs- und Begegnungsräume, Büros sowie ein Kinder- und Jugendzentrum.

Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.
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