Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.
Wenn man die aktuelle Lage der katholischen Kirche analysiert, kommt man an dem Papst-schreiben zur Amazoniensynode nicht vorbei. Viele kritisieren ihn für seine Haltung zum Zölibat und zu den Frauen. Wie stehen Sie zu dem Thema?
Regina Polak: Ich kann diese Kritik gut verstehen, zumal diese ja auch aus dem Inneren der Kirche kommt. Zugleich stört es mich, dass von dem gesamten Schreiben nur diese zwei Themen in der Öffentlichkeit behandelt werden. Alle ökologischen und ökonomischen Anliegen von Papst Franziskus werden weitgehend ignoriert, als würden sie uns hier nicht betreffen.
Beim Frauenthema und dem Zölibat liegt das wohl daran, dass eine Mehrheit der Gläubigen hier eine große Diskrepanz zwischen den allgemeinen gesellschaftlichen Werten und der Situation in der katholischen Kirche wahrnimmt.
Polak: Viele kirchlich engagierte Frauen – insbesondere junge Frauen – sind sehr enttäuscht und verärgert. Die Kirche muss also dringend etwas unternehmen. Papst Franziskus tut dies auch: wenn er vorschlägt, dass es für Frauen Dienste geben soll, die von den Bischöfen anerkannt werden müssen. Dass muss sich auch kirchenrechtlich niederschlagen. Auch das Frauenbild im Papstschreiben ist zu hinterfragen. Doch die jungen Menschen werden nicht die Kirche stürmen, wenn es verheiratete und weibliche Priester gibt.
Wäre es nicht leichter für die Kirche, wenn der Papst ein für alle Mal Reformen zulassen würde?
Polak: Die kirchlichen Probleme würden mit diesen Reformen nicht gelöst, das halte ich für eine Illusion. Die evangelische Kirche hat weibliche Pfarrerinnen und leidet dennoch unter Erosion. Außerdem ist die katholische Kirche in dieser Frage zum Zerreißen gespannt. Auch deshalb hat der Papst diese Frage nicht entschieden, sondern hat einen Prozess eröffnet, der ja nicht zu Ende ist. Wenn allerdings der Widerstand so groß ist, ist aus der Sicht jesuitischer Spiritualität kein guter Zeitpunkt für Entscheidungen.
Welche weiteren Gründe gibt es, wieso die Kirche gesellschaftlich einen schwierigen Stand hat?
Polak: Die Erosion hat viele Gründe. Zum einen ist religiöse Pluralität in einer Migrationsgesellschaft normal. Aber auch die Missbrauchsskandale haben das Vertrauen in die Kirche massiv verstört. Die wichtigste Frage besteht aber darin, ob die Kirche ausreichend dazu beiträgt, die großen Herausforderungen, vor denen die Gesellschaft steht, zu bestehen – Klimakatastrophe, Armut und globale Ungleichheit, Wandel der Beziehungs- und Arbeitswelten, religiöse Fragen und Sehnsüchte.
Können Sie grob skizzieren, was eine Trendumkehr für die katholische Kirche bewirken könnte?
Polak: Eine entscheidende Frage ist, wie wir uns in der Gesellschaft verorten. Was trägt der Glaube für eine lebenswerte Zukunft bei? Das entscheidet, wie relevant die Kirche in der Gesellschaft bleibt. Da stellen sich auch für Europa unangenehme Fragen: nach dem Zusammenleben mit Migranten, welche Rolle Europa in der Welt einnehmen möchte, wie wir eine gerechte Ökonomie fördern können. Das alles thematisiert der Papst unentwegt – und es wird weitgehend überhört.
Wo liegen besondere Chancen für die Kirche?
Polak: Die Sakramente sind Einflugschneisen, so kommen die Menschen in Kontakt mit der Kirche. Hier ist es wichtig, gastfreundlich zu sein, eine Willkommenskultur zu pflegen. Die Wertestudien zeigen, dass die Menschen durchaus hohe Erwartungen an die moralische Autorität der Kirche haben, sie soll sich für die Armen, für moralische Werte, für Frieden einsetzen. Die Menschen in Österreich haben keinesfalls mit der Kirche abgeschlossen, sie steht nicht am Abstellgleis. Entscheidend ist, sich nicht nur mit sich selbst zu beschäftigen, sondern die Zeichen der Zeit wahrzunehmen. Eine Empfehlung von mir wäre, einen Schwerpunkt auf Kinder- und Jugendpastoral zu setzen. Und zwar nicht, weil junge Menschen die Zukunft, sondern weil sie Gegenwart der Kirche sind: Die Welt aus ihrer Perspektive sehen, ihnen zuhören und sich für ihre Sorgen, Nöte, Anliegen einsetzen. «
Linz. Das am Di., 17. März angesetzte Streitforum des „Forum St. Severin“ zum Thema: „Kirche am Abstellgleis. Wie relevant ist Kirche noch für Politik und Gesellschaft?“ u.a. mit Prof. Regina Polak am Podium musste aufgrund der Corona-Virus-Maßnahmen leider abgesagt werden

Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.
Turmeremitin Birgit Kubik berichtet über ihre Woche in der Türmerstube hoch oben im Mariendom Linz >>

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