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Aus dem inneren Feuer

Kirche OÖ

Es ist – Gott sei Dank – für viele Menschen selbstverständlich geworden, sich für andere, für einen Verein oder für bestimmte Anliegen freiwillig zu engagieren. Das Bischofswort zur österlichen Bußzeit.

Ausgabe: 10/2019
05.03.2019
- Bischof Manfred Scheuer
Bischof Manfred Scheuer.
Bischof Manfred Scheuer.
© Hermann Wakolbinger

Gesellschaft und Kirche leben in vielen und weiten Bereichen vom Engagement von Menschen, die gemeinhin als „Freiwillige“ bezeichnet werden. Das Ehrenamt hat sich in den vergangenen Jahren hin zu einer „Kultur der Freiwilligkeit“ entwickelt. Freiwillige engagieren sich in der Kinder- und Jugendarbeit, pflegen den Kulturschatz ihres Landes, schützen und pflegen die Natur, retten und versorgen Unfall- und Katastrophenopfer, unterstützen und begleiten Asylwerberinnen und -werber, organisieren Flohmärkte für Menschen in Not, besuchen alte und kranke Menschen, entlasten überlastete Angehörige und spenden das teuerste Gut unserer Ära, nämlich Zeit. 
In einer Gesellschaft, die sich immer mehr aufsplittet und die auseinanderdriftet, sind sie ein unverzichtbares Bindeglied und Botschafter zwischen unterschiedlichen, teils sehr gegensätzlichen Lebenswelten. 
Es ist – Gott sei Dank – für viele Menschen selbstverständlich geworden, sich für andere, für einen Verein oder für bestimmte Anliegen freiwillig zu engagieren. Menschen sehen im freiwilligen Engagement eine Chance, ihre Persönlichkeit zu entwickeln und sich aktiv und verantwortungsvoll in das gesellschaftliche Leben einzubringen. Gerade junge Menschen sehnen sich danach, dass ihre Fähigkeiten und Talente „geweckt und entdeckt“ werden. Freiwillige wollen gefragt werden, sie wollen persönlich angesprochen werden: „Ich brauche dich! Du kannst das!“ Wie gut tut uns diese Ansprache und wie sehr mündet diese in den Tiefen unseres Glaubens, in den Aussagen Jesu. Er hat Menschen persönlich angesprochen und sie haben sich mit ihm auf den Weg gemacht. Sich ansprechen zu lassen, sich zu entscheiden und dann ohne Frage nach dem Profit, nach dem „Was-hab-ich-davon?“ einen Weg zu gehen – diese Haltung hinterlässt oft heilige und heilende Spuren. 
So danke ich jeder Frau, jedem Mann, jedem Jugendlichen und allen Kindern für die zahllosen kleinen und großen Arbeiten und Bemühungen, die vielleicht nicht immer gesehen werden. Das freiwillige Engagement von Kindern ist gewaltig, denken wir nur an die Sternsingeraktion der Katholischen Jungschar! Ich möchte dafür danken, was Freiwillige und Ehrenamtliche im Dienst an Kirche und Zivilgesellschaft leisten, denn sie sind nicht einfach Lückenbüßer. Wir verdanken ihnen unschätzbare soziale, karitative und auch wirtschaftliche Werte.


Echo der Dankbarkeit

Freiwilliges Engagement ist ein Echo der Dankbarkeit, es ist Weitergabe der Liebe, die wir selbst erfahren haben. „Deus vult condiligentes – Gott will Mitliebende“ (Duns Scotus). Ehrenamtliches Engagement hat so gesehen sehr viel mit frei verschenkter Gnade zu tun. Eine Kultur, die alles verrechnen und auch alles bezahlen will, die den Umgang der Menschen miteinander in ein oft einengendes Korsett von Rechten und Pflichten zwingt, erfährt durch unzählige sich freiwillig engagierende Mitmenschen, dass das Leben selbst ein unverdientes Geschenk ist. Im Ehrenamt geht es um Schlüsseldimensionen des christlichen Gottes- und Menschenbildes: um die Gottes- und Nächstenliebe. „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!“ (Mt 25,40). Es geht um die Achtung vor der Würde des Menschen, um Helfen, Teilen, Solidarität und Vergebung, um Gerechtigkeit und Ehrfurcht vor der Schöpfung, um Hoffnung auf Vollendung und Vertrauen in die Zukunft.


Grenzen des Ehrenamtes

Das ehrenamtliche Engagement hat natürlich auch seine Grenzen. Ehrenamtliche Tätigkeiten werden zunehmend anspruchsvoller. Deswegen bedarf es einer klaren Beschreibung der Tätigkeit und des Aufgabenfeldes, einer Klärung zeitlicher Belastung und der Information über Rechte und Pflichten, mitunter auch einer angemessenen Vorbereitung und Qualifizierung für die Aufgabe. Manche Tätigkeiten bedürfen jedenfalls eines professionellen Managements. Nicht selten kommt es dabei zu Spannungen zwischen Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen. Reibungspunkte entstehen, wenn Professionalität über die Freiwilligkeit gestellt wird und hauptamtliche MitarbeiterInnen den Ehrenamtlichen die Qualifikation absprechen. Es bedarf einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit und eines Klimas von Respekt und gegenseitiger Wertschätzung. Anzeichen von Überforderung und Überlastung müssen ernst genommen werden. Manchmal gibt es den Wunsch nach einer Unterbrechung, nach einem „Zurückstecken“ der Intensität und auch nach einem bedankten „Aufhören-Dürfen“. Mit der erforderlichen Sensibilität für solche Situationen werden Krisen des Lebens und biografische Grenzen ernst genommen. 


Hauptamtliche als Ermöglicher

Daher kann es auch keinen Zweifel daran geben, dass eine vitale und wache Kirche auf Menschen angewiesen ist, die hauptamtlich im kirchlichen Dienst stehen: als Priester, Diakone, Ordensfrauen und -männer, als Pfarr- bzw. Pastoralassistentinnen und -assistenten, als Religionspädagoginnen und -pädagogen, als Angestellte im kirchlichen Dienst. Sie sind von Berufs wegen die „Ermöglicher“. Sie ermöglichen Räume für Gottesbegegnung in den Feiern der Sakramente und Räume, um von Gott und Jesu Botschaft zu erfahren, sie ermöglichen Räume, die die Gemeinschaft unter den Menschen stärken, sie ermöglichen Räume für Empathie mit den Zu-kurz-Gekommenen und An-den-Rand-Gedrängten. Sie ermöglichen aber auch Räume der Entlastung von Verwaltungsarbeit, vom mühsamen Kleinkram in der alltäglichen Bewältigung anfallender Aufgaben. Kirchliche Berufungen sind keine Selbstläufer. Sie werden gefördert durch Begegnung und Dialog, durch Angreifbarkeit und Authentizität: Gelingt es, vom inneren Feuer zu erzählen, das einen selber nährt, dann kann auch der Funke überspringen, der das Rufen Gottes verdeutlicht. 


Kirche: Gemeinschaft des Miteinanders

„Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt.“ 
(1 Kor 12,7) Dieses Pauluswort legt das Fundament und gibt das Kriterium für ein rechtes Verständnis der unterschiedlichen Charismen und Berufungen. Alle Ämter und Gnadengaben sind auf die Ehre Gottes und den Nutzen, das Heil und die Auferbauung der anderen hin geordnet. 
Der Geist Gottes führt zu einer Gemeinschaft des Miteinanders. Kirche ist lebendiges Miteinander und ein umfassendes Beziehungsnetz. Paulus vergleicht die Kirche mit einem Leib, dessen verschiedene Teile und Organe zusammenwirken und sich wechselseitig – positiv wie negativ – beeinflussen. Gemeinsam sind wir das Volk Gottes auf dem Weg. 
Es ist der gemeinschaftliche Grundauftrag von Kirche, die Botschaft Jesu weiterzutragen, zu leben, den Menschen anzubieten und Gottesnähe erfahrbar zu machen: Diese gemeinsame Aufgabe findet in den unterschiedlichen Gaben, Charismen und Stärken ihren Ausdruck. Ein neidisches Schielen aufeinander und ein missgönnendes Vergleichen untereinander, aber auch der Streit darüber, welche Begabungen, Funktionen und Tätigkeiten für die Kirche und für die Gesellschaft wichtiger sind, führt zu nichts Gutem. Denn: Der Geist Gottes wirkt im Miteinander nicht im Gegeneinander!


Weggenossenschaft

Eine entscheidende Frage für die Zukunft der Kirche wird daher sein, wie wir die Berufungen zum ehren- und hauptamtlichen Engagement gemeinsam heben können: Gibt es Gemeinden, die sich aufs Hören und aufs Rufen verstehen? Es braucht Menschen, die die Fähigkeit haben, in anderen den Ruf Gottes hör- und verstehbar zu machen. Das können die Eltern sein, das werden Freundinnen und Freunde sein, das sind vielleicht auch Pädagoginnen und Pädagogen, Seelsorger und Seelsorgerinnen, kurz: Vorbilder, die vor Ort angreifbar und ansprechbar sind. Gelingt es, eine Weggenossenschaft mit den Menschen zu gehen, um den Ruf Gottes übersetzbar zu machen? Wer getraut sich zu rufen? Wer getraut sich, Zutrauen auszusprechen und Durchhaltevermögen zu fördern und zu begleiten – immer in Anbetracht dessen, dass Gott längst zuvor die Zusage des: „Ich brauche dich!“ gegeben hat? 


Ich bin eine Mission

Jeder Christ, jede Christin ist eine Mission, so schreibt Papst Franziskus in Evangelii Gaudium: „Die Mission im Herzen des Volkes ist nicht ein Teil meines Lebens oder ein Schmuck, den ich auch wegnehmen kann; sie ist kein Anhang oder ein zusätzlicher Belang des Lebens. Sie ist etwas, das ich nicht aus meinem Sein ausreißen kann, außer ich will mich zerstören. 
Ich bin eine Mission auf dieser Erde, und ihretwegen bin ich auf dieser Welt. Man muss erkennen, dass man selber ‚gebrandmarkt‘ ist für diese Mission, Licht zu bringen, zu segnen, zu beleben, aufzurichten, zu heilen, zu befreien.“ (EG 273) Ihr alle, die ihr euch als Christinnen und Christen engagiert, seid von Gott Berufene. Habt den Mut und das Zutrauen, diesen Ruf in euch zum Klingen zu bringen, ihn weiterzutragen und so eure Berufung zu leben. Durch euer Tun bringt ihr für viele Menschen Licht, ihr segnet, ihr belebt, ihr richtet auf, ihr heilt und befreit. In der Vorbereitungszeit auf Ostern hin möge euch dieser Gedanke begleiten und Kraft geben. Der Segen Gottes begleite euch dabei!

Manfred Scheuer, Bischof von Linz

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Beate Mayerhofer-Schöpf ist Theologin 
und Referentin für Spiritualität im 
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