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Veränderung braucht Zeit

Fassunglos war Franz Hehenberger, und nach Luft hat er gerungen, als er in Guatemala das erste Mal auf Kinder traf, die in einem Steinbruch arbeiten mussten. Nach acht Jahren Begleitung durch die Aktion SEI SO FREI zeichnet sich dort ein Wunder ab.
Ausgabe: 2013/34, Hehenberger, Kinderarbeit, SEI SO FREI, Retalhuleu
20.08.2013
- Josef Wallner
„Wie kann es so etwas in unserer Welt geben?“, ist dem Projektreferenten der Aktion SEI SO FREI immer wieder durch den Kopf gegangen. 2007 ist er erstmals bei einer Fahrt durch Guatemala auf die Menschen im Steinbruch gestoßen. Mit sechs Jahren war – damals – ein Kind reif für die Arbeit, Tag für Tag bei sengender Hitze elf Stunden lang mit dem Hammer Steine zu zerkleinern. Der Bruch wird bis heute kübelweise an Händler verkauft. Wenn von jung bis alt alle schuften, kann eine Familie vegetieren, der Ausdruck leben wäre zu hoch gegriffen. 49 Familien des Dorfes Retalhuleu bringen sich so durch.

Wie Aussätzige


Zur bitteren Not kommt noch die soziale Ächtung. „Das sind für mich die Aussätzigen der Bibel“, sagt Hehenberger. Denn die Familien der Steinbrecher wohnen in einer eigenen Siedlung, von den übrigen Dorfbewohnern gemieden. Diese Erfahrung machte die Steinbrecher misstraurisch, als ausgerechnet Europäer sich für sie zu interessieren begannen. Der heute 74-jährige Santiago, die graue Eminenz und Sprecher der Familien, schuftet schon jahrzehntelang im Steinbruch. Er war fest überzeugt, dass das die einzige Chance zum Überleben ist. Es brauchte Zeit, bis er umdachte und die anderen mit ihm. Besonders die wirtschaftliche Lage trug dazu bei. Seit Unternehmer vor kurzem erste Maschinen zur Gewinnung des begehrten Steinbruchs aufstellten, sind die Preise im Keller.

Flucht ins Ungewisse


Wer kann, haut ab. Das sind – allen voran – die Familienväter und die jungen Burschen. In der Hoffnung, dass es nicht schlechter werden kann, gehen sie in die Slums der Hauptstadt  oder auf die Zuckerrohrplantagen. Zurück bleiben Alte, Frauen und Kinder. Und die Kinder sind – Gott sei Dank – in der Zwischenzeit auch nicht mehr im Steinbruch, zumindest nicht vormittags. Dank der jahrelangen Begleitung durch Sra. Mayra Orellana, einer einheimischen SEI SO FREI-Mitarbeiterin, haben die Familien ihre Kinder zum Schulbesuch freigegeben. Alle 38 Kinder bis 12 Jahren gehen in die Schule. Eine Sensation. Eine zweite soll folgen. Die Familien haben SEI SO FREI gebeten, sie beim Aufbau einer Bäckerei zu unterstützen. SEI SO FREI hat in Guatemala damit beste Erfahrungen. Das spricht sich herum. Retalhuleu liegt an der Fernstraße nach Mexiko. Tag und Nacht rollen die Lastwagen. „Das ist eine gute Vorraussetzung, da ist wirtschaftliches Potential da“, erklärt Hehenberger. Zur Zeit wird mit Hochdruck geplant. „Wir werden dort 20 bis 30 Leute auf bescheidenem Niveau beschäftigen können.“ 2014 soll Eröffnung sein, der Steinbruch wird dann im Laufe der Zeit der Vergangenheit angehören. Ein Wunder, das aber gedauert hat.

Veränderung des Denkens


„Es wäre nicht schneller möglich gewesen“, betont Hehenberger und ist sich bewusst: „Es ist einer der längsten Wege, den wir von SEI SO FREI für ein Projekt gegangen sind.“ Aber man kann eine Veränderung, die nachhaltig sein soll, nicht erzwingen: Die Erwachsenen mussten sich eingestehen, dass ihre Arbeit keine Zukunft hat. Das machte sie bereit, die Kinder loszulassen und in die Schule zu schicken. Jetzt folgt der Übergang zum Bäckerhandwerk und zum Verkauf von Brot. Sie wollten schon im Vorjahr starten. Aber trotz Hilfe ist es nicht leicht, ein Unternehmen aus dem Boden zu stampfen. „Doch die Leute werden es schaffen“, so der Projektreferent. Es ist für ihn eine Freude zu sehen, wie die Familen vom Steinbruch Aussichtslosigkeit und Verzweiflung in Einsatz und Hoffnung verwandelt haben. Siehe auch "Brot statt Steine"
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