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Mythos vom einen Amerika

„Wenn Sie denken, ich bin ein Nigger, dann bedeutet das, dass Sie das brauchen.“ – Raoul Pecks gelungener Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“ über den US-amerikanischen Schriftsteller James Baldwin kommt nun endlich in die österreichischen Kinos.
Ausgabe: 20/2017
16.05.2017
- Markus Vorauer
„Ich bin mit einem Mythos aufgewachsen, mit dem Mythos eines geeinten Amerikas, verkörpert durch John F. Kennedy und Martin Luther King. Doch dieser Mythos erzählt nicht die ganze Wahrheit, denn zwischen den beiden Figuren bestand eine Hierarchie, eine Unausgewogenheit in der Macht.“
So der aus Haiti stammende Regisseur Raoul Peck über seine Jugenderfahrungen in New York. Im Alter von 15 Jahren liest er zum ersten Mal ein Buch von James Baldwin, dessen Gedanken ihn auf seinem nomadischen Leben, das ihn von Haiti in den Kongo, nach Frankreich und Deutschland und wieder in die USA führen wird, nicht mehr loslassen. Vor zehn Jahren begann er das Filmprojekt, das nun unter dem Titel „I Am Not Your Negro“ in die Kinos kommt.

Rassismus in den USA


Basierend auf dem 30-Seiten-Manuskript des unvollendeten Buchs „Remember The House“ von Baldwin hat Peck einen essayistischen Dokumentarfilm gedreht, der in seiner Machart besticht. Auf den wenigen Seiten hat Baldwin eine Studie über den Rassismus in den USA skizziert, indem er die Morde an drei sehr prominenten Vertretern (Medgar Evers, Malcolm X, Martin Luther King Jr.) der schwarzen Bürgerrechtsbewegung als Folie verwendet. Die Gliederung in sechs Teile mit den Zwischentiteln „Meine Schulden bezahlen“, „Helden“, „Zeugenschaft“, „Reinheit“, „Verkauf des Negers“ und „Ich bin kein Neger“ soll vor allem eines belegen: den Widerspruch zwischen einem Amerika, das sich nach außen hin als Land der Freiheit für jedermann präsentiert, und jenem, wie es wirklich ist, in dem weiße Polizisten noch immer ohne Skrupel Schwarze töten können.

Die große Hoffnung des weißen Mannes


Da werden auch keine sprechenden Köpfe strapaziert, nur die Worte Baldwins, einerseits von ihm selbst gesprochen oder mit sonorem Klang von Samuel L. Jackson (in der deutschen Synchronfassung ist es die Stimme von Sammy Deluxe) gelesen, begleiten Ausschnitte aus TV-Auftritten des Autors, Werbefilme, Filmausschnitte und anderes Archivmaterial. Durch die Montage und Baldwins Worte dekonstruiert der Film Bilder vom weißen Heldentum (wie jene von John Wayne, der Indianer massakriert), von scheinbaren Versöhnungen zwischen den Rassen (wie jene von Tony Curtis und Sidney Poitier in „Flucht ohne Ketten“).
Wenn man an dem Film etwas kritisieren kann, dann das Ausblenden der spezifischen Position Baldwins in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung jener Zeit, von der er eigentlich immer isoliert war. Mit den drei Ermordeten hatte er wenige Gemeinsamkeiten. Nur einmal zitiert Jackson einen aufschlussreichen Satz von Baldwin: „Irgendwie war ich in jenen Jahren, ohne es zu merken, die große weiße Hoffnung des großen weißen Vaters.“ Baldwin war auch aufgrund seiner Homosexualität, die im Film nur angedeutet wird, eher ein intellektueller Außenseiter, der es, wie er fast mit Bedauern ausdrückte, „nicht schaffte, die Weißen zu hassen“.
Das kann aber die künstlerische Qualität und politische Bedeutung dieses Films vor allem vor dem Hintergrund der ersten Regierungsmonate von Trump nicht schmälern. „Die wahre Frage“, antwortet Baldwin 1968 einmal auf den Vorwurf eines Journalisten, warum die Neger (!) so schlecht drauf seien, „die wahre Frage aber ist: Was passiert mit diesem Land?“ «
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