„Wenn es sich verzögert, so warte darauf“, antwortet Gott auf die harten Worte des Propheten. „Habakuk wartet noch immer“, sagt eine Frau in der Bibelrunde, nachdem wir uns eingehend mit der Lesung aus dem Alten Testament beschäftigt haben. Alle hier kennen die Situation, die Habakuk beschreibt, auch aus ihrem persönlichen Umfeld. Es gibt noch so viel Elend und Ungerechtigkeit. Kriege, die wir durch das Fernsehen vermittelt bekommen, aber auch den Streit in der Nachbarschaft. Unsere Klage wäre ähnlich, wenn wir uns trauen würden, so mit Gott zu reden. „Den Zorn hinausschreien, nicht nur erdulden, bringt Erleichterung“, teilt eine aus der Runde ihre Erfahrung mit.Genauer hinsehenWas Habakuk sieht, wird eintreffen. Er muß tiefer gesehen haben, genauer als seine Zeitgenossen. Er hat die Augen nicht vor der Realität verschlossen. Er hat gesehen, wohin Gewalt und Unterdrückung führen werden. Sehen war seine einzige Chance. Das Sehen ist auch der erste Schritt zum Handeln. Auch wir haben ähnliche Erlebnisse. Als sich abzeichnete, daß unserer Region Arbeitslosigkeit in schlimmem Ausmaß bevorsteht, haben die ersten davor gewarnt. Doch ihre Worte verhallten ungehört. Es war zu früh. Viele haben das drohende Unheil noch nicht gesehen, wollten es nicht wahrhaben. Widerstand regte sich erst viel später. Gott sagt zu Habakuk: „Schreib nieder, was du siehst.“ Das sei aber keine Antwort auf das Nicht-Eingreifen, ist eine aus der Runde empört. Im Gespräch entdecken wir Hilfreiches in dieser Aufforderung. „Als ich einen Konflikt an meinem Arbeitsplatz hatte, habe ich mir immer alles von der Seele geschrieben“, erinnert sich eine in der Runde. Gedanken könnten geordnet werden, auch könne man alles später, aus der Distanz, nochmals lesen. Und: „Eine Niederschrift hat Beweischarakter und ist wichtig für die Nachkommen.“ Gerade im Judentum ist die Erinnerung von zentraler Bedeutung. Habakuk soll leserlich schreiben, ein Hinweis, daß seine Beobachtungen anderen Volksgenossen eine Lehre sein sollen. Vielleicht auch erst kommenden Generationen. Sogar uns erreicht seine Botschaft, etwa 2200 Jahre später. Und sie ist noch immer aktuell. Das Gespräch in der Runde neigt sich dem Ende zu. Müdigkeit macht sich breit, alle haben einen langen Arbeitstag hinter sich. Eines läßt uns nicht los. Der Schmerz bleibtVertröstet Gott seinen Propheten? Gott hilft nicht, obwohl Habakuk die Macht des Bösen erlebt. Die Lage ist nicht zu ändern. Noch nicht. Warte, sagt Gott. Die Zeit ist noch nicht reif. Die Last bleibt. Auch unsere Last bleibt. Auch wir können nicht alle Probleme der Welt lösen. Und doch sollen wir die Augen nicht verschließen. Das Unrecht herrscht nicht ewig, verheißt Gott. Die Unterdrückung ist nicht das Letzte. Eine Frau aus der Runde beharrt: „Der Schmerz über die Gewalt bleibt.“ Es sei wohltuend gewesen, alle Klagen ohne Beschwichtigungen loswerden zu können, sagt eine zum Abschluß. Das Leben teilen und auch das biblische Wissen sind die Vorzüge der Runde. Auch wenn wir feststellen: „Habakuk wartet noch immer.“