„Darum darf die Seele Trockenheit und Dunkelheit als glückliche Anzeichen ansehen. Anzeichen, daß Gott daran ist, sie von sich selbst zu befreien.“Edith Stein, nicht nur fromm, sondern auch klug, gibt hier einen tröstlichen Rat. Wie sehr wünschen wir alle, Gott näherzukommen, uns warm und wohl bei ihm/ihr zu fühlen. Und tatsächlich kennen wir, blitzartig zuweilen, eine solche Nähe. Zunächst eher eine kindliche Erfahrung: plötzlich zu Hause zu sein, die Hand zu spüren, die mich wirklich meint; nicht nur, wie es auf dem Papier und bei anderen beschrieben ist, sondern wirklich zu wissen: Ich bin gemeint, nicht alle anderen.Dann mag ein Zweites kommen, fast genauso normal: die Phase, in der ich Gott langsam wieder aus den Augen verliere (oder von Gott verloren werde); jenes eher graue Dasein, das kein großes Leiden meint, sondern eine Zeit der Dunkelheit. Jene Zeit, in der ich zur Kirche gehe oder bete, regelmäßig und mühsam, von verschiedenen Motiven getrieben, guten oder weniger guten – doch bei allen Versuchen der Annäherung spüre ich nichts. Das kann jahrelang so gehen. Statt einer Berührung, einer Botschaft: nichts.Edith Steins Trost lautet: Das ist normal. Es kann auch im Bezug zu Gott nicht immer Wärme herrschen. Die erste Liebe geht verloren – übrigens scheinbar, nicht wirklich. Edith Stein nennt dies eine Prüfung, die Gott auferlegt, dieses graue Dasein einfach auszuhalten. Manche rechnen es sich als Schuld an, nicht mehr so gut zu beten wie früher. Edith Stein meint, daß es nicht notwendig ist, sich dafür zu tadeln, da viele ähnliche Erfahrungen zeigen, daß Gott sich selbst entzieht.Es mag lange so gehen und anstrengend sein. Wenn wir es aber durchtragen, werden wir eine ganz ungewohnte Belohnung erfahren für diese „bürokratische“ Treue, das stumme Doch-Dabeisein. Das ist Dunkelheit, Dürre – aber auch Weg, Vorwärtsgehen. Wieso? Weil Gott will, daß ich warte, über mich selbst enttäuscht. Weil diese Enttäuschung an die Wahrheit heranführt, daß Gott in unerwartetem Maße Löser und Antwort wird auf unsere Nöte. „An Gottes Hand warten“ – dieses schöne Bild, das bei Edith Stein häufig auftaucht, meint genau besehen: Das Warten selber ist schon Gottes Führung.Aus: Hanna Gerl-Falkovitz,Edith Stein. Herder 1994.