„Es ist das große Geheimnis der persönlichen Freiheit, daß Gott selbst davor haltmacht. Gott will die Herrschaft über die geschaffenen Geister nur als ein freies Geschenk ihrer Liebe.“Edith Stein, Werke I, 144Lange Zeit war Gott die Angst des Menschen, selbst frei zu sein. Dieser Angst-Gott aber wurde ermordet. Seitdem begleitet eine verzweifelte Suche nach Freiheit den Menschen. Offenbar erwartet er die gültige Beschreibung des Freiseins nur mehr aus der Abwendung von einem übermächtigen Götzen. Dem liegt das Gefühl zugrunde, daß Gott eine Art Überwältigung sei, dem sich der Mensch nur beugen könne. Von der Bibel her verstanden ist es allerdings genau umgekehrt: Gott hat Sehnsucht nach Freien. Freiheit gehört sogar notwendig zu Gottes Wesen. Gott führt Israel – ziemlich gegen dessen „Fleischtopf-Willen“ aus der Sklaverei in die Freiheit. Was Gott schafft, schafft er/sie unter dem Siegel der Selbständigkeit. Wirkliche Freiheit ist sich absolut treu – sie muß sich auch als Ursprung der Freiheit anderer zeigen. Gott ist für die Geschöpfe ganz anwesend und zugleich ganz unaufdringlich. Zu Gottes Souveränität gehört das Loslassenkönnen. Diese Liebe ist königlich in der Form des Weggebens, ihre Fülle kommt gerade im Eigenstand des Anderen vollkommen zum Ausdruck. Wo Gott und Mensch aufeinandertreffen, wird keineswegs Überwältigung gefeiert und ausgelebt. Im Gegenteil: freie Zustimmung ist gewollt. Gott zwingt nicht einfach, Gott tobt sich nicht aus am Gegenüber. Ganz ist er/sie anwesend und doch nicht erschlagend anwesend. In dieser Begegnung ist Gott bittend, einer Antwort bedürftig. Und in den Antworten verdichtet sich alles, was menschliche und geistvolle Freiheit meint: ein Aufrechtstehen und nicht Überlistetwerden, eine wahre Entscheidung und nicht ein Nachsagen. Nur wer frei ist, hat nichts dagegen, zu gehorchen. Gott und der Mensch sind zwei, aber in völliger Hingabe aufeinander bezogen. Wirkliche Liebe sehnt sich nach der Freiheit des anderen, und das ist ihre Verletzlichkeit. Es ist nicht die Grenze der Allmacht Gottes, sondern selbst aufgerichtete Grenze der Liebe selbst.Aus: Gerl-Falkovits, Edith Stein