Die Seligpreisungen haben die Verfasser der Evangelien an den Anfang der Verkündigung Jesu gesetzt. Sie sind Teil der ältesten Jesustradition und Kernstück der Botschaft. In ihrer Deutlichkeit sind sie tröstend, provokant, beunruhigend – je nachdem, von wem sie gelesen werden. Die vielen Menschen, zu denen Jesus diese Worte gesprochen hat, waren Arme im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Sinn. Ein großer Teil der Bevölkerung damals war arm, einfach bettelarm. Auch die AnhängerInnen Jesu müssen wir uns wie dese Menschen vorstellen. Von ihnen ist bei den Seligpreisungen die Rede. Ihnen wird das Reich Gottes in den schönsten Farben ausgemalt und zugesprochen. Armut, Weinen, Hunger, Gewalttätigkeit und Kriegstreiberei sind ein Skandal in den Augen Gottes. So ein elendes Leben kommt nicht aus der Hand Gottes. Wenn Gottes Herrschaft kommt – das war die große Hoffnung dieser Menschen – dann ist es damit vorbei. Und das neue Leben, das Heil, wird ganz materialistisch vorgestellt: Gesättigtwerden und Lachen, so beschreibt es Lukas (6, 20–22). Sattsein und Lachen, Brot und Rosen sagen wir heute dazu. Gerechtigkeit aufrichtenDiese eindeutige Parteinahme Jesu, der revolutionäre Glaube der JesusnachfolgerInnen gibt mir und uns als Reiche in der westeuropäischen Kirche einiges zu knacken. Zuerst einmal gelten uns die Verheißungen in unserer Lebenssituation nämlich nicht. Wie können aber die Hoffnugnen und die Praxis bei dieser Jesusnachfolge auch bei uns lebendig werden? Die Seligpreisungen fordern auf, heute Stellung zu beziehen, einen Standpunkt für die unmittelbar Angesprochenen der Bergpredigt, die Armen, die Schwächeren, die Opfer. Sie müssen Maßstab unseres Denkens und Handelns sein: die Arbeitslosen beispielsweise, die beim „immer schneller und immer mehr“ nicht mithalten können; oder die ArbeiterInnen, die zuwenig Geld zum Leben verdienen; die AsylantInnen und AusländerInnen ohne Chancen auf Daseinsrecht und geregelte Arbeit; die Kleinbauern und -bäuerinnen, die untergehen neben den Agrarfabriken . . . Als JesusnachfolgerInnen heute müssen wir ihre AnwältInnen sein, die Lebensrecht, Brot und Rosen für alle einmahnen. Wir müssen auf eine Politik drängen, die Einkommen und Lebens-chancen gerecht verteilt. Da kann es dann schon sein, daß wir „um der Gerechtigkeit willen“ auch verfolgt werden. Aber es ist der einzige Weg, der herausführt aus dem Zynismus der Ohnmacht, der da jammert: „Man kann je eh nix machen!“Mut, Wut und HoffnungDie Seligpreisungen sagen uns: Wir können darauf hoffen, daß es eine Zukunft gibt, in der der Mächtige sich nicht durchsetzt gegen den Schwachen, daß es in alle Ewigkeit Unrecht sein wird, Menschen zu gefährden und zu töten, ums Leben zu betrügen. Das nennen wir die Hoffnung auf die Herrschaft Gottes, daß wir angesichts der oftmals verspürten eigenen Ohnmacht nicht hoffnungslos zu werden brauchen.