In seinen Ansprachen während der Reise nach Mexiko und in die USA zeichnete Johannes Paul II. eine Vision vom Menschen im 21. Jahrhundert.Schon alleine die Freude über die Ankunft des Papstes in Mexiko war groß. So verwundert es kaum, daß in der Jubelstimmung um den dritten Besuch von Johannes Paul II. an der Bruchlinie zwischen Nord- und Südamerika manches unbeachtet blieb, was der Gast aus Rom an Reden mitgebracht hatte: es waren weltpolitisch bedeutsame Botschaften, die er von hier aus an den Kontinent richtete, auf dem die Mehrheit der Katholiken lebt. Aus der „Dritten Welt“Vor allem in seiner Predigt zum Abschluß der gesamtamerikanischen Bischofssynode im Marienheiligtum von Guadalupe und bei einem Treffen mit den Diplomaten sprach Johannes Paul II. mit scharfen Worten über die negativen Folgen der fortschreitenden Globalisierung unter dem Vorzeichen eines ungezügelten Kapitalismus. Unverhohlen kritisierte er den „Egoismus der Supermächte“; zuvor hatte er klargestellt, daß er damit einzig die USA meint. Und die mächtigen Völker würden sich täglich neue Vorteile verschaffen, um „die schwachen Nationen immer mehr in ihreAbhängigkeit zu treiben“.Vieles davon hatte er auch im Apostolischen Schreiben „Die Kirche in Amerika“ auf den Punkt gebracht, das in Mexiko-Stadt vorgestellt wurde. Im Kapitel über die „sozialen Sünden, die zum Himmel schreien“, kritisiert der Papst beispielsweise den Neoliberalismus. Zugleich beinhaltet das Dokument leidenschaftliche Aufrufe „zur Überwindung jeglicher Form von Ausbeutung und Unterdrückung“.An die „Erste Welt“Knapp ein Jahr nach dem historischen Handschlag mit Fidel Castro in Havanna reichte der Pontifex dem Präsidenten der USA, Bill Clinton, die Hand zum Gruß. Aus der „Dritten Welt“ kommend griff er noch am Flughafen von Saint Louis den roten Faden aus Mexiko auf: Die Welt und mit ihr auch die USA stünden im Konflikt mit einer Kultur, die das Leben ausschließt. Die Entscheidung für das Leben schließt jedoch die Absage an jede Form der Gewalt ein: „Die Gewalt der Armut und des Hungers, die viele Menschen unterdrückt; die Gewalt der bewaffneten Konflikte, die Teilungen und Spannungen nicht löst, sondern verstärkt; die Gewalt besonders hinterhältiger Waffen wie Anti-Personen-Minen; die Gewalt des Drogenhandels und des Rassismus.“ Mit seiner Meinung zu den Bombardements im Irak, zum US-Embargo gegen Kuba oder der klaren Absage an die Todesstrafe machte es der Papst dem Weltpolizisten USA nicht leicht. Im 30- minütigen Vier-Augen-Gespräch mit Clinton stand jedoch die Lewinsky-Affäre nicht auf der Tagesordnung. In Saint Louis, einer traditionellen Hochburg der katholischen Kirche, bezeichnete der Papst Abtreibung, Euthanasie und begleiteten Selbstmord als „schreckliche Zurückweisung von Gottes Geschenk des Lebens und der Liebe“. Vor seiner Rückkehr am 28. Jänner rief Johannes Paul die US-Bürger auf, der Welt ein Beispiel für eine wirklich freie, demokratische, gerechte und menschliche Gesellschaft zu geben: Sie müßten ein „Leuchtturm der Freiheit für die Welt sein“.