Der Satz des jüdischen Theologen Schalom Ben-Chorin: „Der Glaube Jesu eint uns, der Glaube an Jesus aber trennt uns“ hat schon seine Richtigkeit. Jesus verbindet Christinnen und Christen untrennbar mit dem Judentum, er trennt diese Religionen aber auch. Einerseits: Jesus war (und blieb) Jude. Sein Leben, seine Gottesbeziehung und seine Botschaft von der Königsherrschaft Gottes sind nur innerhalb der jüdischen Religion denkbar. Andererseits: Christinnen und Christen bekennen (unter anderem), daß Jesus der erwählte Messias Israels und der Retter der Welt sei, daß in ihm nichts weniger als eine neue Weltzeit des Heils angebrochen ist und daß dieser Jesus für alle Menschen und Zeiten die Gegenwart Gottes in Person darstelle. Dem können und wollen Juden und Jüdinnen nicht zustimmen. Nicht, weil sie Jesus grundsätzlich ablehnten – im Gegenteil, nicht wenige Menschen jüdischen Glaubens halten Jesus für einen Lehrer, Propheten und Gerechten Gottes –, sondern weil das christliche Bekenntnis zur angebrochenen Heilszeit sich nicht mit der konkreten Erfahrung des weitergehenden Unheils deckt. Und vor allem, weil das christliche Bekenntnis, daß Jesus für unsere Welt die heilende Gegenwart Gottes in Person sei, mit ihrem Glauben an den einen, heiligen und unsagbaren Gott nur schwer zusammengeht.Geschichte eines StreitsDie ersten Judenchristinnen und -christen bezeugten nach Ostern in Israel ihre Glaubenserfahrung, daß Gott den Gekreuzigten auferweckt habe und ihn zum Mittelpunkt der Heilsgeschichte hat werden lassen. Manche in Israel nahmen diese Verkündigung an, andere nicht. Es war dies jedenfalls ein religiöser Streit „innerhalb der Familie“. Erst gegen Ende des 1. Jh.s trennten sich die Wege. Das Christentum hat inzwischen seinen Schwerpunkt in der Heidenmission gefunden; und das Judentum mußte sich nach den Katastrophen des römischen Krieges (66–70, Zerstörung des Tempels in Jerusalem) religiös und national neu formieren und tat dies nunmehr ohne jene Randgruppen, wie die Judenchristinnen und -christen eine waren. Die Diskussion um Jesus war ab dieser Zeit also kein innerfamiliärer Konflikt mehr, sondern erstmals ein Streit von nichtjüdischen Christinnen und Christen und nichtchristlichen Juden und Jüdinnen. Eine völlig neue Situation ergab sich nach der „Konstantinischen Wende“ (4. Jh.), als das Christentum zur Staatsreligion aufstieg. Die christliche Glaubens-Wahrheit wurde nun im Lauf der Jahrhunderte immer mehr zur selbstverständlichen Voraussetzung von Kultur, Gesellschaft und Politik im „christlichen Abendland“. Wer diese Voraussetzung nicht teilte, wurde zum verachteten und gefährdeten Außenseiter: eine Rolle, die jüdische Menschen durch die abendländische Geschichte hindurch fast immer einnehmen mußten. Dialog über Jesus heuteSolange Judentum und Christentum bestehen wird es und darf es auch einen „Streit um Jesus“ geben. Die Frage ist nur, in welchem Geist und wie dieser „Streit“ zu führen ist. Wir Christinnen und Christen müßten uns heute für diesen Dialog folgendes klarmachen: 1. Unser Bekenntnis zu Jesus als Christus und Weltheiland spricht nicht von einem klar zutageliegenden Faktum, das nur „Verstockte oder Verrückte“ nicht zur Kenntnis nehmen würden; es ist vielmehr eine Wahrheit des Glaubens. Man kann sie bezeugen, aber sie eignet sich (wenn sie Wahrheit bleiben soll) nicht für Gefühle der Überlegenheit gegenüber anderen. 2. Unser Bekenntnis zu Jesus Christus ist eine Wahrheit der Hoffnung: Sie spricht von Dingen, die wir ersehnen und auf die wir zugehen, die aber (wie jeder Mensch sieht) in unserer Welt nicht einfachhin anwesend sind. 3. Unser Bekenntnis zu Jesus Christus ist eine Wahrheit der Liebe: Als solche ist sie nicht auf „Rechthaben“ angelegt, sondern macht nur dann Sinn, wenn sie Antwort auf Erfahrungen der Gottesnähe und der Befreiung ist, die wir an der Hand dieses Jesus tatsächlich machen und weitergeben. Eine solche Wahrheit der Liebe kann man suchen und finden – haben wir sie schon gefunden? –, aber um ihretwillen kann man (wenn sie denn Wahrheit bleiben soll) andere Menschen nicht hassen oder geringschätzen!Dr. Christoph Niemand, Professor für Neues Testament, Kath.-Theol. Hochschule Linz.Zum Weiterlesen:Clemens Thoma, Das Messias-projekt. Theologie jüdisch-christlicher Begegnung, Augsburg 1994.Wilhelm Breuning, Grundzüge einer nicht antijüdischen Christologie, Neukirchen 1993.Bertold Klappert u. a., Jesus-bekenntnis und Christusnach-folge, München 1992.